Kat schien sich außerordentlich für den Rauch zu interessieren, der vom Schornstein des gegenüberliegenden Hauses aufstieg.
„Die Leute, bei denen ich nachgeholfen habe, verdienten allesamt, zu sterben,“ sagte sie entschieden. „Ich hab keine unschuldigen Seeleute auf dem Gewissen!“
Entschlossen ging sie weiter.
„Ob die Seeleute gute oder schlechte oder unschuldige Menschen waren, kann man ja gar nicht wissen,“ meinte ich, während ich mich bemühte, mit ihr Schritt zu halten. „Vielleicht haben sie durch uns ja nur ihr gerechtes Schicksal empfangen.“
Kat schwieg verbissen.
Schließlich fauchte sie: „Bei denen, wo ich nachgeholfen habe, weiß ich es!“
Ich hielt lieber den Mund.
Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander. Als wir um eine Ecke auf die Torgasse einbogen, blickte Kat in die dem Tor entgegengesetzte Richtung.
„Wenn wir schon mal hier sind, können wir doch auch kurz über den Markt schlendern, was meinst du?“
„Über den Markt?“
„Warum nicht? Komm!“
Kat lief die Gasse hinauf in die Stadt hinein. Mir blieb nichts übrig, als ihr zu folgen.
Der Marktplatz war umgeben von großen Steinhäusern. Alle hatten vier oder mehr Stockwerke. Auf dem Platz drängte sich eine bunte Menschenmenge um Buden und Marktstände. Marktschreier riefen ihre Waren aus. Kat blieb vor einem Stand mit getrockneten Früchten stehen. Nach längerem Aussuchen erstand sie ein kleines Säckchen voll.
„Koste mal,“ sie hielt mir das Säckchen entgegen.
Die hellbraunen, verschrumpelten Früchte waren länglich und etwas kleiner als mein Daumen. Sie rochen süß.
„Was ist das?“ Ich nahm eine der seltsamen Früchte in die Hand.
„Datteln,“ sagte Kat, während sie sich eine in den Mund steckte. „Von ziemlich weit her aus dem Süden. Probier mal, die sind gut!“
Ich kostete. die Frucht hatte einen harten Kern. Das mürbe Fruchtfleisch schmeckte süß und aromatisch.
„Lecker!“ meinte ich. „So was hab ich noch nie gegessen.“
Kat grinste. „Besser als getrockneter Fisch, nicht?“
An einem Stand drängte sich eine Gruppe junger Leute mit schweren Rucksäcken um eine Salbenverkäuferin. Sie trugen schmutzige Stiefel und abgewetzte Kleidung und waren mit Schwertern und Bögen bewaffnet. Einer hatte den Kopf kahlgeschoren bis auf einen schwarzen Zopf im Nacken. Auf dem Rücken trug er eine große Zweihänderaxt. Ein anderer hatte eine Armbrust oben auf den Rucksack geschnallt. Lauthals feilschten sie mit der Marktfrau um Heilpasten und Schutzamulette.
„Ich möcht' gern wissen, wie die in die Stadt gekommen sind,“ meinte ich zu Kat.
„Ach,“ raunte sie, „solche Leute finden Mittel und Wege, überall hinzukommen. Manchmal werden die sogar von Königen angeheuert für irgendwelche zwielichtigen Aufträge. Das sind Abenteurer. Denen geht man besser aus dem Weg. Mit solchen ist nicht gut Kirschen essen.“
„Wir sind auch Abenteurer!“ sagte ich.
Aber Kat sah nur spöttisch an mir herunter.
Kat bummelte zwischen den Marktständen umher, besah sich Kleider und Stoffe, steckte ihre Nase in Gewürzdosen und drehte Zinnbecher und Glaskelche in ihren Händen, während sie mit den Händlern über die Herkunft der Waren plauderte. Mit taten Füße und Rücken weh. Ich begriff nicht, wie sie sich in dem Gedränge wohlfühlen konnte zwischen lauter Dingen, die sie ja doch nicht kaufen würde. An einem Schmuckstand besah sie sich lange Zeit die Auslagen.
„Findest du, diese Ohrringe stehen mir?“
„Was?“
„Leif, steh nicht so gelangweilt herum! Schau, die Ohrringe. Stehen die mir?“
„Die Ohrringe? Ja, schon, glaube ich.“
Sie warf mir einen bösen Blick zu.
Schnell stotterte ich: „Bestimmt sogar, doch, ganz bestimmt.“
Kat erstand die Ohrringe.
„Das war mein letztes Geld.“ Mit einem schelmischen Seitenblick auf mich meinte sie: „Jetzt bin ich vollkommen von Sven und dir abhängig!“
***
Wir verließen die Altstadt und bahnten uns einen Weg zwischen den Handwerkerbuden zum Hafen zurück. Ich warf einen Blick auf den Eingang einer rauchigen Taverne. Essengeruch und Tabakqualm drangen mir entgegen.
„Wir sollten uns mal umsehen, wo wir über Nacht Quartier beziehen wollen.“
Kat machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir hier gar nicht übernachten, sondern gleich weitersegeln. Ich hab so den Eindruck, wir finden unser Boot sonst morgen nicht wieder.“
Ich wollte etwas erwidern, als auf der Straße oberhalb von uns wütendes Geschrei erscholl. Wir drehten uns um. Aus dem Gedränge kam ein Mädchen in einem wehenden roten Kleid die Straße herunter geradewegs auf uns zu gerannt. Sie war vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als wir. Ihre schulterlangen, dunkelblonden Haare wurden von einem ledernen Stirnband gehalten. Sie hatte keinen Überwurf und ihr Kleid war ihr beim Rennen über die Schulter heruntergerutscht. Im Gedränge hinter ihr tauchte aus einer Seitengasse eine Gruppe von Hellebarden auf, die versuchte, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen.
Eine Männerstimme brüllte: „Platz da, durchlassen! Haltet sie!“
Das Mädchen rannte geradewegs auf die Gasse zu, an der Kat und ich vorbeigingen. Es war eine mit Kisten und Fässern vollgestapelte Sackgasse. Als das Mädchen keine drei Schritt von uns entfernt merkte, dass die Gasse eine Falle war, hielt sie im vollen Lauf an und sah sich atemlos nach einem anderen Fluchtweg um. Die Hellebarden hatten sich fast durch die Menschenmenge durchgekämpft.
Ohne Vorwarnung riss sich Katrina ihren Kapuzenmantel herunter und warf ihn dem Mädchen über.
„Rein da, versteck' dich zwischen den Fässern. Wir halten sie auf!“
Sie schob mich und das Mädchen in die Gasse, gerade als aus der Menge ein Offizier in Lederrüstung mit blank gezogenem Schwert hervordrängte und mit langen Schritten die Straße herabgerannt kam. Die Hellebardiere folgten ihm auf dem Fuß.
„Aufhalten! Haltet sie auf!“ brüllte er die Straße herab.
Kat drückte sich am Eingang der Gasse an die Hauswand. Das Mädchen hatte sich Katrinas Mantel umgeschlungen und verkroch sich zwischen den Fässerstapeln. Ich stand hinter Kat in der Gasse.
„Bleib dicht hinter mir!“ befahl Kat. „Wenn ich jetzt sage, dann rennst du mit mir auf die Straße raus! Achtung!“
Polternde Stiefel näherten sich.
„Jetzt!“
Katrina fegte aus der Gasse. Ich rannte ihr hinterher.
Das ist Wahnsinn, blanker Wahnsinn! schoss es mir durch den Kopf.
Katrina raste direkt auf den Offizier zu. Sie kreischte und hielt sich schützend den Arm vors Gesicht. Der Offizier prallte im vollen Lauf mit der Nase gegen ihren Ellenbogen. Brüllend taumelte er zurück. Blut schoss ihm aus der Nase. Seine Soldaten stoppten und senkten die Hellebarden.
Alle Sterne, das geht nicht gut aus!
Katrina stand breitbeinig vor dem Offizier. Blitzschnell zog sie ihr Schwert.
„Was fällt euch ein,“ kreischte sie, „harmlose Spaziergänger über den Haufen zu rennen! Der da hätte mich beinahe zu Boden getrampelt!“
Mit einer raschen Kopfgeste deutete sie mir an, mein Schwert zu ziehen. Sechs Hellebarden waren auf uns gerichtet. Der Offizier hustete und nieste Blut, unverständliche Flüche herausbrüllend. Die Soldaten starrten ihn unsicher an. Sie warteten auf einen Befehl. Ich holte tief Luft und zog mein Schwert. Wie von selbst ging mein Körper in Kampfstellung. Ein Blitz lief die Klinge entlang, als ich sie den Hellebarden entgegenstreckte. Die Soldaten wichen einen Schritt zurück. Furcht malte sich auf ihren Gesichtern. Ein fetter Mann im Fellmantel und mit Pelzmütze keuchte heran.
Mit krebsrotem Gesicht japste er: „Fangt die Diebin! Sie hat mir die Geldbörse gestohlen!“
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