Der links Sitzende wandte mir sein narbenversehrtes Gesicht zu. „Nördlich von hier? Was willst du da, Junge?“
Die Augen der beiden ruhten auf unseren Waffen. Sie warfen sich einen Blick zu.
„Wir sind auf der Fahrt nach einer Burg Dwarfencast, an der Küste bei Lüdersdorf,“ antwortete ich.
„Hier im Norden gibt's keine Burgen,“ meinte der mit den Ohrringen.
„Er meint vielleicht den Turm auf der Klippe, fünf Segeltage von hier,“ antwortete der Narbenversehrte seinem Kameraden. „Der Turm, dem man sich nicht nähern kann, ohne dass sich einem die Haare sträuben.“
„Da gibt's tatsächlich ein Dorf,“ überlegte der mit den Ohrringen. „Ich meine, es heißt sogar Lüdersdorf. Das letzte Grenzkaff, das glaubt, noch zum Reich zu gehören. Da wollt ihr hin?“
„Wir haben ein Empfehlungsschreiben nach Dwarfencast,“ antwortete Sven.
Die beiden maßen uns mit einem Blick, wie ich ihn schon bei Lyana gesehen hatte - Verrückte oder Idioten?
„Nach Lüdersdorf segelt ihr fünf Tage nordwärts die Küste entlang,“ erläuterte der Vernarbte. „Bis hinter Lüdersdorf ist es einfache Passage, keine Riffs oder Querstömungen. Nach ein, zwei Tagen öffnet sich die Küste nach Osten auf eine große Bucht, die sich zehn Tagereisen weit nach Südost - Ost - Nordost und dann nordwestlich zu einer großen Landzunge hin erstreckt. Da kommen ein paar Sandbänke, besser weit ab vom Ufer segeln. Bei Lüdersdorf ist wieder hohe Steilküste. Das Dorf liegt in einem Einschnitt, die einzige menschliche Behausung da oben. Hinter Lüderdorf ist gefährliches Fahrwasser. Viele Riffe und Wirbelstömungen. Aber,“ fügte er knurrend hinzu, „ihr solltet da nicht hinfahren. Nichts zu holen da oben. Die Lüdersdorfer sind bettelarm, haben selber kaum zu beißen. Schlimme Gegend. Letztes Jahr haben wir da oben einen Mann verloren, unseren Schiffskoch. Wir fahren da nicht mehr hin.“
„Danke,“ antwortete ich verwirrt. „Wir überlegen noch.“
„Überlegt's euch gut!“ riefen die beiden uns nach.
„Was hat er da erzählt, von einem Turm, bei dem sich einem die Haare sträuben?“ überlegte Sven, als wir außer Hörweite waren.
„Ach du weißt doch,“ wiegelte ich ab, „in den Häfen bekommt man alles mögliche Seemannsgarn zu hören. Das ist sicher alles nur ersponnen.“
Wir erstanden ein Fass Salzheringe, einen Sack Zwieback und einen Sack Äpfel. Sven seufzte, als wir mit dem Fass und den Säcken zum Boot zurückmarschierten.
„Wenn wir in Dwarfencast sind,“ murrte er, „bei diesem Zosimo Trismegisto, dann will ich aber endlich mal wieder was Ordentliches zu essen vorgesetzt bekommen. Darauf soll er sich schon mal einrichten, unser Burgherr.“
Als wir zwischen großen, angetäuten Kuttern den Steg betraten, an dessen Ende unsere Jolle vertäut war, bemerkten wir vorne auf dem Steg eine Gruppe von Männern. Hinter ihnen war Kats blonder Schopf zu sehen. Eine Klinge blitzte auf zwischen ihr und den Männern. Sie hatte ihr Schwert gezogen. Die Männer hatten zerschlissene Hosen und Hemden an. Die meisten waren barfuß. Sie hielten Waffen in den Händen - Entermesser, Äxte, Schwerter.
„Oh verdammt,“ keuchte Sven.
Wir fielen in Laufschritt.
„He da,“ schrie ich, „was ist da los?“
Vorne auf dem Steg schrien die Männer auf. Kats Schwert sauste zwischen sie. Links von Kat stürzte einer ins Wasser, gleich darauf ein weiterer auf der Rechten. Ein anderer heulte auf. Er ging in die Knie, seine Waffe polterte auf den Steg. Die drei übrigen drehten sich um und rannten den Steg herab auf uns zu. Wir ließen unsere Last auf die Planken gleiten und zogen die Waffen. Entsetzt bremsten die Männer ab. Einer sprang direkt vor uns ins Wasser, die anderen beiden flüchteten sich auf einen seitlich vertäuten Kutter.
Kat stand mit gezogenem Schwert vor dem am Boden Knienden. Langsam sank er auf den Steg. Er presste die Hände auf seine Brust. Blut quoll hervor und bildete eine rote Lache um ihn herum. Er zuckte ein paar Mal, dann blieb er starr liegen. Katrina stieg über ihn hinweg und kam uns mit blutigem Schwert in der Hand entgegen.
„Hallo Jungs,“ rief sie, „habt ihr bekommen, was wir brauchen?“
Neben uns im Wasser war heftiges Prusten, Gurgeln und Platschen zu hören.
„Bei allen Sternen, Kat, ist alles in Ordnung?“ rief Sven.
„Klar doch,“ sagte sie grimmig.
Das platschende Gurgeln wurde schwächer.
„Da waren ein paar Hafenleute, die dachten, eine Jolle mit einem Mädchen drin könnten sie sich mal eben so unter den Nagel reißen. Schlimm für sie.“
Im Wasser war ein letztes heftiges Aufplätschern zu hören, dann war Stille. Auf dem Kutter vor uns ertönten Flüche und Schläge mit hartem Holz. Stimmen jammerten und röchelten auf. Das Fluchen und Schlagen ging immer noch weiter, als wir zur Jolle hinuntergingen, den toten Hafenräuber ins Wasser stießen und unseren Proviant verstauten. Zwischen den hölzernen Schlägen kreischte eine dünner und dünner werdende Stimme um Erbarmen.
***
Wir hatten den Wasservorrat aufgefüllt, als Katrinas grauer Kapuzenmantel auf dem Steg erschien. Ein roter Rock lugte unter dem Mantelsaum vor. Lyana trug eine große Tasche an einem Ledergurt über die Schulter gehängt. Unter dem Arm trug sie ein Reisigbündel. Sie blieb vor der Blutlache stehen.
„Hattet ihr Schwierigkeiten?“ Sie sah nicht wirklich beunruhigt aus.
„Nicht wir,“ rief Kat ihr zu. „Ein paar Hafenräuber hat's erwischt. Willkommen an Bord, Lyana.“
Lyana blickte misstrauisch auf unsere kleine Jolle. Aus dem Boot warf ihr Sven ebenso misstrauische Blicke entgegen.
„Hör mal, Mädchen, wir brauchen kein Klaubholz auf der Fahrt,“ brummte er statt einer Begrüßung.
„Oh,“ Lyana blickte auf das Reisigbündel unter ihrem Arm. „Ich muss das hier aber mitnehmen.“
Jetzt schauten Sven und ich sie prüfend an, nach Anzeichen für beginnenden Irrsinn suchend.
„Und übrigens, das ist Sven,“ bemerkte Kat. „Sven – Lyana!“
„Hallo,“ sagte Lyana einfach.
Sven brummte irgendetwas.
„Was ist?“ Kat blickte in die Runde. „Brechen wir auf? Ich hab keine Lust mehr auf diese versiffte, korrumpierte Bonzenstadt.“
Sven und ich sahen uns an.
Widerspruch zwecklos , sagten unsere Blicke.
Gehorsam begannen wir, die Segel zu entpacken. Lyana stieg zögernd ins Boot.
Als wir die Jolle zwischen den ankernden Schiffen hindurchruderten, fragte Lyana: „Soll ich auch irgendwas tun?“
„Nein,“ antwortete Kat an der Steuerpinne. „Setz dich einfach da auf die Bank und pass auf, dass du nicht rausfällst.“
Wir ruderten die Jolle an der Hafenmole vorbei in den Wind und nahmen Kurs nach Norden. Der Wind war stärker geworden und die Wellenkämme höher. Weiße Gischt sprühte über die See. Unter den nordostwärts rasenden Wolken jagten kreischende Möwen dahin. Die Jolle tanzte heftig in den Wellen. Kat klammerte sich an den Wanten und der Bordwand fest. Sie versuchte, ein zuversichtliches Gesicht zu machen, aber es gelang ihr nicht wirklich.
Lyana saß im wehenden roten Kleid neben Kat an luv und blickte abwechselnd aufs Meer, auf die im Wind ziehenden Wolken, auf die Segel und die von Sven bedienten Schoten, die er mal laufen ließ, mal weiter einholte. Sie schien zufrieden mit dem, was sie sah. Schließlich beugte sie sich über das Reisigbündel zu ihren Füßen und löste die Schnüre, mit denen es verknotet war. Eine nach dem anderen warf sie die Ruten ins Meer.
„Jetzt brauch' ich das Reisig nicht mehr.“
Sven und ich sahen ihr mit offenem Mund zu.
Die ist ja total irre , fuhr es mir durch den Kopf. Und so eine haben wir mitgenommen.
Vorsichtig holte sie aus dem Bündel einen Bogen und zwei Dutzend gefiederte Pfeile hervor. Das Reisig warf sie über Bord.
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