„Raus aus dem Boot, an den Strand!“ schrie ich den Frauen zu.
Sie sprangen ins zum Meer zurückflutende Wasser. Hinter uns türmte sich haushoch der nächste Brecher. Doch statt um ihr Leben zu rennen, packten Lyana und Kat genau wie Sven und ich die Jolle am Bordrand, um sie mit dem nächsten Brecher zum Ufer zu zerren.
Der Brecher war über uns. Oben, unten, zu allen Seiten Wasser. Das Boot wurde von der Flut angehoben und wollte zurück ins Meer. Ich hielt den Atem an, presste die Augen zu und zerrte das störrische Schiff dem Ufer entgegen. Drei Brecher später hatten wir die Jolle halb auf dem regengepeitschten Strand. Weiter reichten unsere Kräfte nicht. Sven kletterte ins Boot und warf den Frauen ein Ersatzsegel als Regenschutz zu. Dann warf er beide Anker über Bord und schleppte sie in die Dünen. Ich löste Taljen und Wanten und hob den Mast aus der Verankerung, um Mast, Spieren, Segel und Rigg auf den Strand zu schleifen. Blitze schlugen krachend in die Dünen, der Sturm brüllte. Der Wolkenbruch verwandelte den Sandstrand in einem Sumpf.
Steifgefroren und benommen vor Erschöpfung torkelte ich über die Düne, hinter der Kat und Lyana mit der Segelbahn verschwunden waren. Auf dem landseitigen Dünenhang hatten sie das Segel ausgebreitet. Sturzbäche strömten mir um die Füße, während ich zu ihnen unter die Plane kroch. Wir hockten uns dicht aneinander. Regengüsse trommelten auf die Plane. Wir knieten in strömendem Wasser. Kurze Zeit später kam Sven unter die Plane gekrochen.
Donner krachte und über die Düne heulte der Sturm. Stockfinstere Schwärze umgab uns, in kurzer Folge von gleißenden Blitzen unterbrochen.
„Hab ich das vorhin richtig verstanden, Leif,“ rief Kat in das Sturmbrausen zwischen zwei Donnerschlägen hinein, „du willst in deinem Leben kein Boot mehr betreten, wenn wir heil an Land kommen?“
„Och... also... da musst du dich verhört haben,“ stotterte ich. „Seeleute rufen so manches, wenn sie in einen Sturm geraten.“
Nach einer Weile meinte Kat: „Diesmal war es gefährlich, oder?“
***
Stunden später ließ der Sturm nach. Der Donner entfernte sich. Immer seltener zuckten Blitze. Unablässig prasselte der Regen auf die durchweichte Segelbahn, die wir mit Köpfen und Schultern über uns hielten. Wir saßen in knöcheltiefem, von Rinnsalen durchflossenem Schlamm. Lyana hatte die Idee, eine Hälfte der Plane unter uns auszubreiten und uns mit der anderen Hälfte von oben gegen den Regen zu schützen.
Den Rest des Tages und die Nacht verbrachten wir aneinandergelehnt unter der vom Regen triefenden Plane. Mein Rücken und meine Glieder schmerzten, ich schauderte vor Nässe und Kälte, zwischen jemandes hartem Ellenbogen und Svens Schulter vergeblich nach einer bequemen Position suchend. Svens Kopf rollte alle paar Augenblicke gegen meinen. Wieder und wieder zischte Lyana mir zu, ich solle mein Knie bei mir lassen.
„Abenteurer sein macht irre Spaß,“ murmelte ich.
Niemand antwortete mir.
Ich wachte aus einer schlafähnlichen Betäubung auf, als Lyana sich reckte, um unter der Plane hervorzukriechen. Diesiges Morgenlicht sickerte unter dem Rand der Segelbahn hindurch. Ich kroch Lyana nach ins Freie. Der Regen hatte aufgehört bis auf ein feines Nieseln. Nebeldunst stieg aus den Dünen. Der Boden war schlammig. Der Wind hatte nachgelassen, doch es war empfindlich kalt. Auch Sven und Kat krochen unter der Segelplane hervor und blinzelten mit übernächtigten, missmutigen Gesichtern in die Landschaft.
„Nicht zu glauben, dass es irgendwo in der Welt warme, trockene Plätze gibt,“ brummte ich.
„Und Gasthöfe mit Kaminfeuer und warmem Essen!“ bemerkte Sven.
Lyana klopfte sich mit den Händen den Körper ab, um warm zu werden.
„Mein Vater hat mir beigebracht, die Füße in eiskaltes Wasser zu tauchen und dann trocken zu reiben, wenn man von der Nacht durchgefroren ist,“ sagte sie. „Danach wird einem warm.“
Sven schaute mürrisch. „Na, viel Spaß dann auch,“ knurrte er.
„Erst mal was Trockenes haben zum Abtrocknen,“ meinte ich.
„Unsere Decken im Boot sind trocken geblieben,“ erinnerte sich Kat.
Das Boot!
Ich rannte die Düne hinauf und blickte hinunter zum Strand. Die Jolle war weg.
Sven war mir nachgekommen und blickte auf die graue, regenverschleierte See. Kat und Lyana kamen hinterher.
„Dort!“ Sven zeigte auf die Sandbank draußen im Meer.
Auf der Sandbank lag unser Boot. Die Jolle war auf die Seite gekippt, aber anscheinend unbeschädigt.
„Oh verdammte Scheiße!“ murmelte ich. „Da kommen wir nicht mehr ran.“
Sven sah mich wütend an. „Das kommt von deinen dämlichen Schwüren!“
„Nein,“ blaffte ich zurück, „das kommt, weil du die Anker nicht richtig festgemacht hast!“
„Haltet den Mund!“ befahl Lyana. „Wieso kommen wir da nicht mehr ran?“
„Das Wasser vor der Sandbank ist zu tief, da kommen wir unmöglich hinüber,“ erklärte ich ihr.
„Wieso nicht?“ rief Lyana. „Wir schwimmen!“
Sie lief mit großen Schritten die Düne hinunter zum Strand.
„Wir... was ?“
Fassungslos rannten Sven, Kat und ich ihr hinterher. Lyana streifte sich im Laufen das Lederwams über den Kopf und warf es auf den Strand.
„Lyana, das Wasser ist eiskalt, schau dir die Wellen an, das geht nicht!“ schrie Sven ihr hinterher.
Lyana lief bis zu der unregelmäßigen Linie aus schaumigem Seetang, den die Wellen an den Stand spülten. Rasch zog sie die Stiefel von den Füßen und zog Hose und Hemd aus. Splitternackt watete sie ins Wasser.
„Lyana, das ist Selbstmord!“ schrie Sven. „Bei der Kälte bist du in ein paar Atemzügen erfroren! Das hat keinen Sinn!“
Lyana stand bis zum Bauchnabel in den Wellen. Jetzt legte sie sich bäuchlings ins Meer und kraulte in die See hinaus.
„Oh ihr Höllenhunde, sie ist wahnsinnig!“ murmelte Sven.
Er riss sich Regenüberwurf, Hemd und Schuhe herunter und watete ihr nur mit der Hose auf dem Leib ins Wasser hinterher. Draußen zwischen der Sandbank und dem Strand sahen wir Lyanas Kopf zwischen den Wellen auftauchen und verschwinden. Immer weiter entfernte sie sich vom Ufer.
„Lyana, komm zurück,“ rief Sven ihr nach.
Er ging weiter in die See hinein, doch als das Wasser ihm bis zur Brust reichte und die Wellen ihm ins Gesicht zu schlagen begannen, kehrte er um. Zitternd rieb er sich mit seinem nassen Hemd ab.
„Das schafft sie nie,“ keuchte er.
„Und selbst wenn,“ murmelte ich, „allein bekommt sie das Schiff nicht flott, geschweige denn, es ans Ufer zu rudern. Das hat überhaupt keinen Sinn.“
Wie gelähmt beobachteten wir, wie Lyanas Kopf in den Wellen auftauchte und wieder verschwand. Endlich hatte sie die Sandbank erreicht. Sie kletterte in die auf der Seite liegende Jolle. Kurz darauf kam sie wieder hervor und stürzte sich erneut in die See. Dann war nichts mehr von ihr zu sehen.
„Das war's,“ flüsterte Sven.
Und dann brüllte er: „Oh verdammte, höllenverfluchte Scheiße!“
Voller Entsetzen blickten wir aufs Meer hinaus. Wir konnten den Blick nicht von den grauen Wellen zwischen der Sandbank und dem Ufer lösen.
„Lyana,“ schrie Kat aus voller Kehle. „Lyana!“
Endlich tauchte ihr Kopf einen Steinwurf vom Ufer entfernt zwischen den Brechern auf. In langen Zügen durchschwamm sie die Wellentäler. Sie tauchte durch die Wellen hindurch.
Kat weinte vor Erleichterung. Sven und ich sahen atemlos zu, wie Lyana vor dem Stand aus einem schäumenden Brecher stieg. Nackt und blaugefroren kam sie uns entgegen. Um ihre Hüfte hatte sie eine Ankerleine geknotet.
„Jetzt seid ihr dran, Männer.“
Wasser rann über ihre Haut, als sie uns vor Kälte schlotternd die Leine reichte.
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