Lächelnd blickte sie Sven und mich an. „Du bekommst keine Stelle als Schankmädchen, wenn du bewaffnet daherkommst. Für die Kerle ist es normal, Waffen zu tragen, aber ein Mädchen soll immer nur „ja mein Süßer“ sagen und schüchtern die Wimpern niederschlagen, egal, wie sehr ihr Freier nach Bier stinkt. Ein bewaffnetes Hafenmädchen will keiner haben.“
In der ersten Bucht hinter Torglund warfen wir Anker, damit die Frauen ihre Reisekleider anziehen konnten. Sven und ich standen am Bug und beobachteten tausende von Kormoranen, die in den Felsen ihre Nester errichtet hatten. Das Geschrei der Vögel übertönte noch das Tosen der Brandung.
„Ihr dürft euch umdrehen, Männer,“ rief Lyana. „Es sind keine gefährlichen weiblichen Geheimnisse mehr zu sehen!“
Ich schaute Sven an, er blickte ratlos zurück. Was war das jetzt für ein Spruch?
„Aber süß ist das schon von den beiden,“ sagte Kat hinter uns, „lieber die Vogelkolonie da zu beobachten, als uns was abzugaffen.“
„Zu zweit könnt ihr richtig eklig sein,“ rief ich, während ich mich umdrehte.
Kat hatte Wams, Hosen und Stiefel an. Die junge Frau an ihrer Seite war kein Hafenmädchen. Im Heck stand eine Waldläuferin in Lederhosen und hellem Lederwams. Die Ärmel waren über die gesamte Länge mit Lederfransen verziert. Im Gürtel trug sie ein langes Messer mit Geweihgriff. Einzig das lederne Stirnband war geblieben. Doch zu dieser Kleidung wirkte es in keiner Weise mehr unpassend.
***
„Ich hab gedacht, du bist eine Schankmagd,“ rief ich Lyana durch den Wind zu, als die Jolle mit vollen Segeln über die Wellen tanzte. „Solche hatten wir in dem Landgasthof bei unserem Heimatdorf auch.“
Jedes Mal, wenn die Jolle über einen Wellenkamm ritt, sprühte der Wind uns schaumige Gischt in die Gesichter, bevor das kleine Boot ins Wellental herunterglitt, um auf der nächsten Woge erneut himmelwärts zu klettern.
„Ach, ich bin schon alles Mögliche gewesen,“ rief Lyana zurück. „Schankmädchen, Marketenderin, Hafendirne, Taschendiebin - alles, womit es sich gerade durchkommen ließ.“
„Du hast dich doch nicht immer schon so durchgeschlagen, oder?“
„Nein.“ Sie blickte den über den Himmel rasenden Wolken nach. „Aber wo ich früher gelebt habe, wollte ich nicht mehr bleiben.“
„Ging mir genauso,“ rief Kat. „Ich hab auch von zu Hause Reißaus genommen.“
„Ich bin im Wald aufgewachsen,“ erzählte Lyana, gegen den Wind anschreiend. „Mein Vater war Wildbeuter und Fallensteller. Um die Blockhütte, in der wir lebten, breitete sich der Wald wie ein grüner Ozean nach allen Himmelsrichtungen bis zum Horizont.“
Der Wind heulte in der Takelage, als wollte er Lyanas Erinnerungen davonwehen.
„Vater und ich lebten allein. Von meiner Mutter hat Vater nie gesprochen. Wir bekamen nur selten andere Menschen zu Gesicht. Mein Vater brachte mir bei, Fährten zu lesen, dem Wild nachzustellen, die Rufe der Tiere zu erkennen. Ich hätte mir nie ein anderes Leben vorstellen können.“
Verloren blickte sie vor sich hin. „Vorletzten Herbst wurde Vater krank. Seine Krankheit wurde schnell schlimm. Ich habe ihn gepflegt. Im Winter ist er gestorben. Ich begrub ihn bei der kleinen Hütte, in der er mit mir gelebt hatte, seit ich denken kann.“
Eine Weile lang schwieg Lyana und blickte einer einsam im Sturm segelnden Möwe nach.
„Danach konnte ich dort nicht mehr bleiben. Der Wald, die Hütte - es war alles wie ohne Leben, wie tot. Ich bin nach Norden gegangen - zu Fuß, mit dem Eselkarren, per Schiff, zu Pferd, immer nordwärts. Hab gelernt, mich durchzuschlagen. Manchmal war's bitter. Vor zwei Monaten bin ich nach Torglund gekommen. Als ihr heute Vormittag sagtet, ihr seid nach Norden unterwegs, dachte ich, das ist ja mein Weg. Da bin ich mitgekommen.“
„Sei froh, dass du einen solchen Vater hattest,“ rief Kat grimmig. „Meiner war anders.“
***
Gegen Abend entdeckten wir an der sich endlos hinziehenden Steilküste einen Küstenausläufer, in dessen Windschatten wir Anker warfen. Das Donnern der nahen Brandung übertönte den Wind. Schauer winziger Wassertröpfchen sprühten von den Felsen herüber. Die Jolle zerrte an den Ankertauen, auf und ab schwankend in den hohen Wellen. Vor den Felsentürmen der Küste wirkte unser Boot sehr klein und zerbrechlich.
Nach dem kargen Abendimbiss ergab sich ein Problem. Egal was wir uns ausdachten, es war einfach nicht genug Platz in der Jolle, um uns alle vier zwischen den schmalen Seitenbänken schlafen zu legen. Lyana schlug vor, eine Nachtwache einzuteilen und abwechselnd zu schlafen, aber Kat wollte davon nichts wissen. Nach langem Hin und Her entschied Kat trotz heftigem Protest von Sven und mir, sich auf dem Bug schlafen zu legen. Ganz egal, was wir vorbrachten, es war ihr nicht auszureden. Wenn sie sich einmal zu einer Sache entschieden hatte, dann blieb es dabei. Also rollten Lyana, Sven und ich uns auf den nassen Heckplanken in unsere Decken. Kat kletterte aufs Vorschiff und wickelte sich mittschiffs vor dem Mast in ihre Decke.
Ich war in einen dumpfen Halbschlaf gesunken, als ein lautes Aufplatschen neben dem Boot mich aufschrecken ließ. Heftiges Gurgeln und Klatschten im Wasser. Mit einem Satz war ich an der Bordwand und hängte mich mit dem Oberkörper über Bord. Meine Hand fuhr durchs Wasser und erwischte die Ecke eines Kleidungsstücks.
„Sven! Kat ist über Bord!“ Meine Stimme überschlug sich.
In einem Atemzug war Sven an meiner Seite. Gemeinsam hievten wir die wie eine nasse Katze strampelnde Kat ins Boot. Kat krümmte sich aufs Deck, hustete und kotzte Wasser.
„Wie ich das hasse!“ kreischte sie, als sie wieder Luft bekam.
Sven und ich redeten beruhigend auf sie ein. „Ist ja gut, Kat, es ist ja nichts passiert.“
„Ich hasse es!“ schrie sie aus vollem Hals.
„Kat, werd' ruhig!“
Aber Kat schrie weiter. „Jedes vernünftige Schiff hat eine Reling! Das hier ist gar kein Schiff, ein schwimmender Holzpantoffel ist das!“
„Kat, bitte!“
„Keine Spanne fahr ich mehr in dieser Nussschale!“
„So hör doch...“
„Keine einzige Spanne! Bringt mich sofort an Land!“
„Kat! ...“
„Sofort!“
Lyana hatte Kats Decke aus dem Wasser gefischt. Sie stellte sich zu uns.
„Jetzt hört mal auf, um sie rumzutanzen, Männer. Geht nach vorn und schaut euch die Landschaft an, damit ich dem Mädchen die nassen Klamotten ausziehen und sie ordentlich abrubbeln kann.“
Wir taten, was sie sagte. Hinter uns hörten wir Kat heulen, bibbern und Verwünschungen ausstoßen, während Lyana ihr die Kleider abstreifte und sie mit einer Decke trocken rieb.
***
Am nächsten Tag verschlechterte sich das Wetter. Stürmischer Wind ging aus West-Nordwest. Regenschauer verschleierten die Sicht. Dunkle Wolken rasten über uns dem Land entgegen. Im Norden schob sich eine schwarze Wolkenwand vor den Horizont und bildete mit der grauen See eine einzige brodelnde Masse. Immer wieder mussten Sven und ich die Jolle hart an den Wind bringen, um nicht an die Uferfelsen getrieben zu werden. Eiskaltes Wasser kam über und Lyana begann, mit einem Holzeimer zu lenzen. Kat saß mit bleierner Miene beim Mast auf der Seitenbank, klammerte sich mit beiden Händen fest und blickte ausdruckslos zum Ufer hinüber.
Am späten Nachmittag, nach Stunden ermüdenden Segelns hart am Wind wurde die Steilküste niedriger. Der Regen hörte auf, doch im Norden wälzten sich schwarze Wolkenmassen über den Horizont. Unsere Finger waren klamm vor Kälte, Haar und Kleidung durchnässt. Trotz Lyanas Anstrengungen standen unsere Füße in einer knöchelhoch schwappenden Lache.
Hinter einer felsigen Landzunge knickte die Küstenlinie nach Nordosten ab und wir konnten die Jolle ostwärts vor den Wind bringen. In der Abenddämmerung wichen die Uferfelsen einem flachen, kiesbedeckten Strand mit hohen Dünen. Wir steuerten das Boot durch die rollende Brandung, bis Kies unter dem Schiffsboden knirschte und von achtern ein Brecher nach dem anderen über das Boot hereinbrach. Sven und ich sprangen ins Wasser und begannen, die Jolle ans Ufer zu ziehen. Lyana sprang uns nach und auch Kat stieg wortlos ins Wasser und legte mit Hand an. Mit vereinten Kräften, durchnässt und mit von der Kälte tauben Händen zerrten wir unser Schiff auf den Strand.
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