„Hast du eine Kammer, wo mein Liebster und ich Zuflucht nehmen können vor all diesen Besoffenen?“
Stolka musterte uns skeptisch.
„Wir kommen aus Grobenfelde,“ log ich. „Da gibt es ein paar Leute, die uns nicht zusammen sehen sollen.“
Die Wirtin rümpfte die Nase. „Ach, so verhält sich das mit euch. Na, ich könnte euch die Kammer geben, in der sonst Stine schläft, meine Stieftochter. Wenn ihr fünf Kreuzer übrig habt?“
Schnell schüttelte ich den Kopf. „Lass das Mädchen in seiner Kammer schlafen. Wir suchen uns etwas anderes.“
„Heute wird sie die Nacht sowieso nicht allein in der Kammer hinterm Haus verbringen wollen, mit all den Betrunkenen, die hier um die Hütten schleichen,“ meinte Stolka. „Da könnt ihr die Kammer ruhig haben. Heute nehme ich das Mädchen mit ins Haus, damit ihr nichts passiert. Sie hat 'ne Patentante in der Gegend, die ziemlich besorgt um sie ist, bezahlt auch für sie. Ich hab keine Ahnung warum. Vielleicht will sie sie später als Zofe haben.“
Während Ligeia ihr das Geld auf die Hand zählte, meinte die Gastwirtin: „Die Kammer liegt in einem Bretterverschlag hinterm Haus. Die Tür ist offen. Innen ist ein Riegel. Einen Kerzenstummel geb' ich euch mit.“
Sie blickte zwischen Ligeia und mir hin und her. „Macht's euch nur gemütlich. Wenn dein Mann – oder seine Frau, was weiß ich - hier nach euch fragt: Ich hab euch nicht gesehen.“
***
Die Kammer war winzig, aber peinlich sauber. Ligeia stellte den brennenden Kerzenstummel auf ein Wandbrett, die einzige Abstellmöglichkeit in der Kammer, und schlug die grobe Wolldecke zurück, die über den mit Stroh gefüllten Bettkasten gebreitet war. Ich ging zum Pinkeln hinaus. Als ich zurückkam, hatte Ligeia sich ausgezogen. Ihr nackter, schlanker Körper stand als schwarze Silhouette vor dem Kerzenlicht.
Ich fiel vor ihr auf die Knie, schlang meine Arme um ihre Hüften und vergrub mein Gesicht zwischen ihren Schenkeln. Sie fuhr mit ihren Händen durch mein Haar.
„Leif, mein Süßer!“ seufzte sie.
Wild küsste ich ihren Schoß. Sie stammelte entzückt einen Kosenamen nach dem anderen. Ich hob sie hoch - wie leicht ihr Körper war - und trug sie zu der schmalen Bettstatt, drückte sie ins Stroh. Doch sie entwand sich mir und riss mir atemlos die Kleider vom Leib. Wir umschlangen einander, rollten und wanden uns keuchend im Stroh des schmalen Betts. Sie presste ihre Schenkel gegen meine Hüften und stieß meinen Oberkörper von sich, um sich um so heftiger unter mir zu bewegen und mich tiefer in sich hineinzunehmen. Sie war wie ein wildes Tier, warf ihren Kopf hin und her, krallte mir die Fingernägel in die Haut. Sie kämpfte mit mir, stöhnend vor Lust.
Aber als ich später zum zweiten Mal in sie eindrang, bezwang ich sie doch. Ihre Körperspannung löste sich, sie wurde weich und süß und ihr Seufzen, als wir beide kamen, war schöner als alle Musik, die ich jemals gehört hatte.
***
Graues Morgenlicht sickerte durch die Türritzen in die Kammer. Wir lagen schweißgebadet nebeneinander. Ligeias Atem hatte sich beruhigt und sie lag entspannt da. Ich streichelte das weiche, feuchte Haar ihres Schoßes, entrückt und verloren in einem Traum von schmerzlichem Verlangen, Erfüllung und bittersüßer Sehnsucht.
„Wir müssen aufstehen,“ flüsterte Ligeia. „Es ist höchste Zeit, dass du zur Burg zurückkehrst.“
„Noch einen Moment, Ligeia. Lass uns noch ein wenig zusammen liegen.“
„Das hast du vor einer halben Stunde auch schon gesagt. Wir müssen jetzt wirklich aufstehen, Leif!“
Mit einer sanften Geste schob sie mich von sich weg. Als ich mich aufsetzte, überkam mich schlagartig die Müdigkeit. Benommen raffte ich Hemd und Hose auf und zerrte mir beides über. Am liebsten hätte ich mich rücklings in den Bettkasten zurückfallen lassen, um auf der Stelle einzuschlafen, aber Ligeia schubste mich zärtlich aus dem Bett.
„Na los, steh auf, du Schlafmütze! Ich will gehen und die fette Herbergsmutter nach Frühstück fragen.“
Ich stand auf und wankte zur Tür. Kalte Morgenluft drang mir entgegen. Im trüben Licht des frühen Tages zogen Nebelschwaden von der Küste heran und verbargen die gegenüberliegende Waldanhöhe vor meinen Augen. Ligeia folgte mir, als ich müde um das Haus herumschlich. Die Haustür war noch verschlossen. Herdqualm drang unter dem Dach hervor. Ligeia streifte sich ihre Kapuze über und strich mit beiden Händen murmelnd über die Tür. Sie drückte sie auf und verschwand in der Gaststube.
Ich ließ mich auf die Bank vor der Wirtsstube fallen. Die Dorfstraße lag verlassen. Weißer Nebel dampfte von den Strohdächern der Hütten. Hunde bellten. Irgendwo krähte ein Hahn. Ein paar Volltrunkene schliefen auf den Festbänken ihren Rausch aus. Ich stützte den Kopf in die Hände. Nichts wünschte ich mir in diesem Augenblick sehnlicher, als irgend eine Ecke, in der ich mich zusammenrollen und schlafen konnte.
...und noch zwei Wegstunden zurück zum Turm...
Ligeia kam mit zwei Schalen Getreidegrütze aus der Schankstube. Obwohl wir am Abend gut gegessen hatten, spürte ich plötzlich, dass ich hungrig war. Müde blinzelte ich Ligeia an.
„Hast du nicht irgend ein Zaubermittel gegen Müdigkeit? Ich glaub', ich schlaf' sonst unterwegs im Gehen ein.“
Ligeia lächelte. „Warte, ich hole dir einen Becher Gerstenkaffee. Ich werde schon dafür sorgen, dass er dich wieder munter macht.“
***
Das Land lag hinter Dunstschleiern verborgen und feiner, kalter Regen sprühte über die Landstraße, als Ligeia und ich das Fischerdorf verließen und in den Waldweg nach Dwarfencast einbogen. Ligeia hatte ihre Bastschuhe ausgezogen und ging barfuß durch die Pfützen. Ihre schwarzen Locken hingen klatschnass herab. Ich bereute es, dass ich meinen Filzumhang nicht mitgenommen hatte. Regenwasser troff mir aus den Haaren und meine Wolljacke war schwer vor Nässe. Ligeia musste tatsächlich etwas an den bitteren Gerstenkaffee getan haben, denn die bleierne Müdigkeit, die mich beim Aufstehen übermannt hatte, war einer leichten Benommenheit gewichen. Ich fühlte mich nicht wirklich wach, aber längst nicht so erschöpft wie vor dem Frühstück. Wie durch einen Traum wanderte ich an ihrer Seite auf dem überschwemmten Waldweg. Zu den Seiten stand das schwarz glänzende Gitterwerk der Zweige.
„Wenn ihr übermorgen loszieht – wo werdet ihr nach Halbaru suchen?“ wollte Ligeia wissen.
Ich erzählte ihr, was ich über das Königreich Barhut wusste. Ich berichtete ihr von meinem gestrigen Fund in der Bibliothek und von den Ruinen auf der Landzunge fern im Norden, die man von der Turmzinne aus sehen konnte. Sie fand unsere Entscheidung richtig, entlang der Küste nach Norden zu gehen in der Hoffnung, dass es sich bei der Ruinenstadt um Halbaru handelte.
Wir waren eine Stunde gegangen, als Ligeia anhielt. Um uns rauschte der Regen. Ligeia zog einen in Leder gewickelten Dolch aus ihrem Gewand und gab ihn mir zusammen mit einem kleinen Lederbeutel.
„Hier sind die Dinge, die du brauchst, um das Ritual durchzuführen. Auch für den Fall, dass ihr zum Vollmond noch nicht zurück seid - wer weiß, wie lang eure Fahrt wird. Dann musst du die Opferhandlung allein vollziehen. Ein kleines Tier wird dir genügen. Nimm wenn möglich eine irdene Schale, um das Blut aufzufangen. Es geht aber auch mit jedem anderen Gefäß.“
„Also, Ligeia, ich weiß wirklich nicht...“
Sie sah mir in die Augen. „Wenn es Vollmond wird, und ich bin nicht bei dir, wirst du froh sein, diese Geräte zu haben, Leif. Glaub mir, du wirst nicht wohlauf sein ohne zu opfern. Du hast es doch schon letzten Vollmond gespürt, oder nicht?“
Ich nickte verlegen. Dann wickelte ich das krumme Messer aus. Es war der rostige Dolch, den ich so gut kannte. In dem Säckchen waren Kräuter. Eine Welle von Magie entströmte ihnen. Ich band den Beutel wieder zu.
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