Er pochte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch, dass die Bierhumpen wackelten.
„Also dann, Kinder – amüsiert euch schön. Ich geh' mal wieder zu meiner Gertrud. Nicht, dass sie sich noch einen anderen anlacht, wenn ich sie zu lange allein lasse – obwohl sie im ganzen Dorf keinen schöneren Mann finden kann, als mich.“
Er stand schwerfällig auf, stieg über die Bank und verschwand zwischen den Tischen.
Ich holte einen Teller Krustenbraten, Brot und Bohnensuppe mit Speck für uns beide. Ligeia aß gierig. Sie sah mich mit leuchtenden Augen an. Ihre Finger und ihr Mund glänzten vom Fett. Die beiden Musiker oben beim Tanzboden spielten wieder und wieder dieselben drei, vier Volkslieder. Ab und zu versuchte einer von ihnen, ein neues Lied anzustimmen, aber jedes Mal kannte der andere es dann nicht gut genug, es versackte kläglich und sie griffen wieder auf ihr Standardrepertoire zurück. Nach und nach wagten sich ein paar junge Leute auf den Bretterboden, um unbeholfen zu tanzen, oder wenigstens schlecht und recht miteinander zu hopsen.
Ein Gruppe rußbemalter Kinder drängte sich um die Tische. Sie hielten den Leuten einen kleinen Sack entgegen und riefen jubelnd einen Kinderreim. Die Erwachsenen steckten ihnen Äpfel, Dörrpflaumen oder Brotstücke zu. Die fröhliche Schar drängelte sich an unseren Tisch.
„Süßes oder Saures!“ jubelte ein Junge mit wilden Haaren und schwarz bemaltem Gesicht. „Ich bin ein Dämon aus der Hölle, buuh! Gib mir was Süßes, oder du bekommst Saures von mir!“
Er streckte Ligeia seinen offenen Sack entgegen. Die anderen Kinder hielten sich zögernd im Hintergrund.
Ligeia streichelte dem Jungen über das struppige Haar. „Du bekommst einen süßen Kuss von mir.“
Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und küsste den überrumpelten Jungen auf den Mund. Als sie von ihm abließ, taumelte er benommen zurück. Die Kinder ergriffen kreischend die Flucht.
„Sie hat mich geküsst!“ schrie der Junge in heller Panik, als sie zwischen den Hütten verschwanden.
Ligeia sah den Kindern hinterher.
„Für sie ist es ein Spiel,“ murmelte sie. „Es hilft ihnen in den langen, dunklen Nächten, ihre Angst vor Gespenstern im Zaum zu halten, wenn die Winterstürme um die Hüttenwände heulen.“
„Auf der Ebene im Landesinnern und oben im Gebirge sind wir Geistern begegnet,“ meinte ich nachdenklich. „Ein alter Kätner am Rand des Nordgebirges behauptete, das Land ertrage die Toten nicht mehr. Deshalb wachsen die Knochen aus der Erde hervor und Totengeister spuken auf der Ebene.“
Ligeia schaute zu den Kürbismasken empor. Die grotesken Fratzen leuchteten in der Dunkelheit.
„Die Schatten kehren zurück. Die Schatten der Vergangenheit. Vor undenklichen Zeiten haben die Menschen mit den Schatten gelebt. Die dämonischen Mächte wohnten mitten unter ihnen wie die Mächte des Lebens und des Lichts. Für unsere Vorfahren gehörten Leben und Tod, Lust und Verzweiflung zusammen. Das eine konnten sie nicht ohne das andere denken. Sie ertrugen Hunger, Kälte und Krankheit wie Tiere, ohne dass ihnen ihr Elend bewusst war.“
Unten am Tisch stritten zwei Betrunkene. Vom Tanzboden waren juchzende Schreie der Mädchen zu hören.
„Vor langer Zeit sind den Menschen die Augen aufgegangen für Schönheit, Jugend und Glück. Sie entschieden sich für das Licht, für das Leben. Unsere Vorväter bannten die Dämonen durch Zauberei und magische Waffen. Aber das Unleben ist nicht aus der Welt,“ flüsterte Ligeia. „Die Dämonen - die Schatten, das Dunkle und Verdrängte - die Geister der Vergangenheit drängen zurück in die Welt, ans Licht.“
Eine grausame Schönheit lag auf ihrem Gesicht. Ihre Stimme klang rau.
„Allen, die nach Glück und Erfüllung streben, folgen die Schatten. Je intensiver du dein Leben lebst, Leif, je lebendiger du wirst, um so stärker werden die Dämonen, wird das Unleben und will dir das erlangte Leben entreißen. Jedes einzelne unerfüllte, gescheiterte, unglücklich gestorbene Wesen heftet sich an deine Fersen, verlangt sein Leben von dir zurück!“
„Ligeia!“ fuhr ich auf.
Alpträume erschlagener Seeleute standen mir vor Augen. Ligeia schaute mich unbewegt an. Das Dunkel in ihren Augen wuchs.
„Deshalb müssen wir Zauberer uns schützen. Je mächtiger wir werden, um so stärkere Schutzzauber brauchen wir. Du hast die Puppen und Geräte, die ich verwende, in meiner Kammer gesehen.“
Ihr Blick schnürte mir die Kehle zu. Ich wollte etwas erwidern, aber ich fand meine Sprache nicht mehr.
„Noch brauchst du keine Schutzzauber, Leif. Wenn es soweit ist, bringe ich dir bei, wie du dich schützen kannst.“
Ligeia wandte ihren Blick ab und ich atmete auf, wie von einem Alpdruck befreit. Gedankenverloren betrachtete sie die leuchtenden Kürbismasken. Um uns herum brandete der Festlärm.
„Jetzt, in der dunklen Jahreszeit,“ sagte Ligeia leise, „sind die Grenzen zwischen dem Leben und dem Unleben - den Untoten, wie ihr sie nennt - durchlässiger als sonst. An heimgesuchten Orten lauern sie, warten darauf, hervorzukommen, herauszutreten ans Licht. Und sie kommen...“
Mit verzweifeltem Ernst sah sie mich an. „Ihr müsst schneller sein, als sie... Ihr müsst euch beeilen...“
Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach.
Mit einem Mal lächelte Ligeia und nahm meine Hände. „Heute Nacht wollen wir uns nicht darum sorgen, was kommt. Heute will ich mit dir feiern. Wer weiß, wie lange wir uns nicht wiedersehen. Komm, lass uns tanzen gehen.“
„Ich kann nicht tanzen, Ligeia. Ich habe in meinem ganzen Leben nie getanzt.“
Sie stand auf und zog mich an der Hand mit.
„Niemand kann hier tanzen,“ lachte sie. „Und dennoch tanzen sie alle!“
Wir drängten uns zwischen die trampelnden Paare auf dem Tanzboden. Von der Musik war so gut wie nichts zu hören unter dem Poltern der Tanzenden. Ligeia schmiegte sich eng an mich. Sie wiegte sich zu ihrer eigenen Musik, die nur sie hören konnte. Eine Gruppe nicht mehr junger Frauen am Rand des Bretterbodens beobachtete uns missbilligend mit neiderfüllten Blicken, wie wir uns eng umschlungen zwischen den hopsenden und juchzenden Paaren drehten, entrückt wie in einem süßen Traum. Ligeia duftete nach wilden Kräutern. Ihr warmer Atem war nahe meinem Ohr. Die Berührung ihres Körpers war zart und fest zugleich. Eine Zeitlang war da nur sie und die sanften Bewegungen ihres Körpers. Das Fest, die stampfenden und jubelnden Paare, der Lärm der Betrunkenen entschwand meinen Sinnen. Da war nur die Nacht – und Ligeia.
Als wir Hand in Hand den Tanzboden verließen, wusste ich nicht, ob wir eine ganze Stunde miteinander getanzt hatten oder ob es nur wenige Augenblicke gewesen waren. Nachtschwärze hüllte das Dorf ein. Viele der Kürbislampen waren erloschen. Der Festlärm war abgeklungen. Irgendwo zwischen den Hütten war das verliebte Kreischen eines Mädchens zu hören.
Ligeia drängte sich an mich. „Lass uns ein Plätzchen suchen für die Nacht.“
„Musst du nicht zurück? Es muss bald Mitternacht sein.“
In der Dunkelheit klang ihre Stimme warm und zärtlich nahe meinem Ohr. „Heute Nacht brauche ich meinen Ritualdolch nicht. Manchmal habe ich keine Lust, mir die Nacht auf dem Dachboden um die Ohren zu schlagen. Dann nehme ich mir ein stärkeres Opfer statt bloß einer armen Ziege oder einem Kälbchen... Es reicht, wenn ich morgen Nacht wieder ein Opfer habe.“
Ich wollte nicht darüber nachdenken, was – oder wen – sie gestern Nacht geopfert hatte, um diese eine Nacht mir mir verbringen zu können.
Sie nahm mich an der Hand und wir traten in Stolkas kleine Gaststube. Die Luft war stickig vom Tabakrauch und saurem Bierdunst. Betrunkene lagen an den Tischen und darunter. Ligeia trat auf die misstrauisch blickende Stolka zu.
Читать дальше