Es war ein Sommertag gewesen, an dem man ihn verhaftet hatte. Zwei seiner Brüder waren Künstler und hatten sich in ihren Werken kritisch über die Situation im Land geäußert. Es war ihnen zu heiß geworden und sie hatten sich ins Ausland abgesetzt, um dort ungehindert ihrer künstlerischen Ader freien Lauf zu lassen. Er selber war künstlerisch nicht besonders begabt, liebte aber Musik und Poesie. So war er zu einer Veranstaltung gegangen, bei der auch regierungskritische Gedichte vorgetragen worden waren. Die Verwandtschaft zu seinen Brüdern und der Besuch des Lyrikabends hatten gereicht, um ihn als subversiv einzustufen. Einige Tage nach der Veranstaltung wurde er verhaftet. Man warf ihm vor, eine Revolution vorzubereiten und den Präsidenten stürzen zu wollen. Er fand die Anschuldigungen absurd. Zwar hielt er von der Regierung im Allgemeinen und dem Präsidenten im Besonderen recht wenig, doch ihm gleich revolutionäre Tendenzen zu unterstellen, war einfach verrückt. Da er nicht die Antworten auf die Fragen gab, die man von ihm hören wollte, wurde ihm gedroht. Man habe Mittel und Wege, Leute wie ihn zum Reden zu bringen. Wenn man mit ihm fertig sei, würde er singen wie ein Kanarienvogel.
Zu Beginn sagte er noch nichts, doch je länger die Situation andauerte und je öfter man ihn den „speziellen Verhörmethoden“ unterzog, umso mehr zermürbte es ihn. Seine Wärter hatten Recht behalten. Nach einigen Wochen fing er an, zu reden. Er redete und redete. Wie ein endloser Wasserfall sprudelte er Dinge heraus, nur damit man endlich von ihm abließ. Er gestand Taten, die er nie begangen hatte, erfand Personen, die es nicht gab, beschrieb Ereignisse, die nie stattgefunden hatten. Er gab ihnen das, was sie von ihm wollten, damit sie von ihm abließen. Und als sie von ihm abließen, hatte er so viel gesprochen, dass er nichts mehr zu sagen hatte. Von einem Moment auf den nächsten verstummte er und hatte seitdem nichts mehr zu sagen gehabt, denn für das, was er erlebt hatte, gab es in seiner gedanklichen Welt keine Worte mehr.
Artikel 6 Anerkennung als Rechtsperson
Jeder Mensch hat überall Anspruch auf Anerkennung als Rechtsperson.
Sie sah von der Brücke aus auf die Bahnstrecke hinunter. Bald würde der Hochgeschwindigkeitszug unter ihr vorbeidonnern. Eines ihrer Beine hatte sie bereits über das Geländer der Brücke gebracht, denn sie hielt es nicht mehr aus. Sie existierte und doch existierte sie nicht. Dieses perverse Paradoxon trieb sie in den Wahnsinn. Sie war ein Mensch aus Fleisch und Blut, aber zugleich war sie ein Niemand, eine Nichtperson und obwohl sie ein Mensch mit Gefühlen und Gedanken war, der lebte und atmete, gab es sie nicht. Und wenn es sie nicht gab, konnte sie diesem Leben auch genauso gut ein Ende setzen. Sie schwang das zweite Bein über das Brückengeländer und sah hinunter in die Tiefe.
Was sie in diese absurde Lage gebracht hatte, war die rigorose Ein-Kind-Politik des Landes gewesen, die in Verbindung mit der großen Lieben zwischen ihren Eltern und deren Trotz gegen die Regierung dazu geführt hatte, dass sie überhaupt geboren worden war. Kurz nach der Geburt ihres älteren Bruders hatte die Regierung neue Gesetze erlassen, um der Überbevölkerung im Land Herr zu werden. Fortan stand es jeder Familie nur noch zu, ein Kind zu haben. Doch das hielt die Menschen des Landes nicht davon ab, sich weiterhin zu lieben und gelegentlich passierten nun einmal auch Unfälle. Sie war so ein Unfall. Die Eltern diskutierten darüber, was sie machen sollten, denn die Regierung bestrafte Paare dafür, wenn sie ein zweites Kind bekamen. Zudem hatten sie auch schaurige Geschichten von Frauen gehört, die in dieser Situation zur Abtreibung gezwungen wurden. Ein werdendes Leben zu beenden, kam für die Eltern nicht in Frage. Auch fürchteten sie sich vor der Strafe, hatten sie doch in ihren Augen nichts Strafbares oder Widernatürliches getan.
Sie entschlossen sich, aus ihrer Kleinstadt weg und auf ein weit entfernt gelegenes Dorf zu ziehen. In ärztliche Behandlung begab sich die Mutter in dieser Schwangerschaft nicht, aus Angst, man könne sie zu einer Abtreibung zwingen oder ihr nach der Geburt das Kind wegnehmen. Glücklicherweise ging alles gut. Das kleine Mädchen kam gesund zur Welt und auch die Mutter war wohlauf. Auf dem Dorf, in das sie gezogen waren, interessierten sich die Menschen nicht besonders für Gesetze. Ob jemand nun ein, zwei oder fünf Kinder hatte, spielte hier keine Rolle. So etwas wie ein Standesamt, bei dem man sich registrieren musste, gab es hier auch nicht. Viele der Menschen kannten nicht einmal ihr genaues Geburtsdatum und so wurde die Geburt des kleinen Mädchens nie offiziell festgehalten. Rein technisch war sie also nie geboren worden und doch gab es sie.
Und das war auch genau das Problem, denn ohne Papiere konnte das Kind nicht zur Schule gehen. Auch das war in dem Dorf nicht weiter schlimm; so empfanden es zumindest die Bewohner. Die nächste Schule war zwei Dörfer entfernt und die meisten Dorfbewohner kannten sie nur vom Hörensagen. Sie waren alle mit der Arbeit im Stall und auf dem Feld groß geworden und das genügte ihnen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Doch die Familie aus der Kleinstadt war anders. Sie waren keine Landmenschen und auch wenn der Vater es noch so sehr versuchte, ein Bauer wurde er nicht. Irgendwann gab er es auf und besorgte sich wieder einen Job in der Kleinstadt. Die war allerdings relativ weit entfernt und er den ganzen Tag nicht da. Der Sohn ging zur Schule, doch das Mädchen konnte nicht, da man sie aufgrund der fehlenden Geburtsurkunde nicht anmelden konnte. Die Mutter versuchte, ihr zu Hause etwas beizubringen und sie merkte schnell, dass die Tochter intelligent war. Es war eine Schande, dass sie nicht zur Schule gehen konnte. Während die anderen Kinder des Dorfes, die auch nicht registriert waren, ihre Tage damit verbrachten, der Familie zu helfen oder in ihrer Freizeit zu spielen, ging der Bruder zur Schule und das kleine Mädchen lernte fleißig zu Hause.
Irgendwann war sie achtzehn und wollte die Welt sehen – oder zumindest andere Teile des Landes außerhalb des Dorfes. Die Eltern ließen sie schweren Herzens ziehen. Aufgeregt machte sie sich auf den Weg in die nächste Großstadt. Und hier merkte sie das erste Mal, dass sie ein Mensch ohne Rechte war, denn ohne Papiere, die einen als Person auswiesen und die eigene Existenz untermauerten, war es ihr nicht einmal möglich, ein Hotelzimmer zu beziehen. Sie schlief in Hinterhöfen und unter Brücken. Als ihr das Geld, das ihr die Eltern mitgegeben hatten, ausging, versuchte sie, einen Job zu finden. Auch das erwies sich ohne Papiere als unmöglich.
Irgendwann stand sie da – ohne Bleibe, ohne Arbeit, ohne Papiere. Sie war ein rechtloser niemand in einer Welt voller Menschen, die das Recht hatten, Recht zu haben. Vor lauter Verzweiflung fing sie an, Lebensmittel zu stehlen, da sie sie auf legale Weise nicht erwerben konnte. Später stahl sie auch Geld. Was blieb ihr auch anderes übrig? Eines Tages wurde sie erwischt. Doch auch die Polizei hatte ein Problem mit ihr, denn es gab sie offiziell nicht. Konnte denn ein Mensch, der nicht existierte, etwas verüben, das nicht rechtens war?
Da man ihre Identität nicht klären konnte und sie einen Monat lang fest gehalten worden war, was in etwa der Strafe für das Vergehen entsprach, das sie begangen hatte, ließ man sie in Ermangelung einer besseren Idee wieder laufen. Ein Verfahren hatte es nicht gegeben, denn dafür hätte es eine rechtliche Person geben müssen, gegen die sich das Verfahren richtete. Doch sie existierte offiziell nicht. Damit war sie keine Rechtsperson und hatte somit auch keine Rechte – nicht einmal das Recht, für ein Vergehen angeklagt zu werden. Es war pervers. Sie war sich bewusst, dass sie Glück gehabt hatte. Die Behörden hätten auch anders mit ihr verfahren können.
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