„Lisa kann mich langsam mal. Hast du das gestern mitbekommen?“, fragte sie den Kollegen. „Nein, was war denn?“ „Ich stand mit Paul hinter der Rezeption, als ein Paar mit zwei kleinen Kindern anreiste und meinte: ‚Oh, guckt mal, zwei Neger! Ja, sind wir denn hier in Afrika?‘“ Leo schüttelte fassungslos den Kopf. „Nicht dein Ernst!“ „Doch.“ „Hast du das Lisa gemeldet?“ „Brauchte ich nicht. Die stand daneben.“ „Und?“ „Nichts ‚und‘. Die hat absolut rein gar nichts dazu gesagt. Und so was nennt sich Vorgesetzte. Ich hätte denen am liebsten gar kein Zimmer, geschweige denn ein Bett gegeben, schließlich muss ich mich nicht beleidigen lassen. Haben Vorgesetzte nicht eigentlich auch so etwas wie eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Angestellten?“ Leo schüttelte nur noch verständnislos den Kopf. Mary und Paul konnten auch immer noch nicht glauben, was sie am Vortag erlebt hatten. So viel zu dem Lösungsvorschlag ihrer Eltern, sie müsse nur einen respektablen Beruf erlernen und studieren, dann würde sie von der Gesellschaft auch anerkannt. Genau deshalb hatte sie eine Hotelfachlehre in einem kleinen Hotel gemacht und anschließend Tourismusmanagement studiert. Ihr Studium hatte sie sich dadurch finanziert, dass sie Teilzeit in einer Hotelkette gearbeitet hatte. Vor einigen Monaten war sie fertig geworden und man hatte ihr eine Stelle in einem großen Vier-Sterne-Haus angeboten mit der Option, irgendwann zur Rezeptionsleitung aufzusteigen, wenn sie sich gut machte.
„Weist du, als ich hier angefangen habe, habe ich gedacht, dass es Spaß machen würde. Vier Sterne. Superior. Ich dachte, das bedeutet Luxus, Menschen mit einer gewissen Klasse, kultiviert und gebildet.“ Leo schaute sie interessiert an: „Und?“ „Und? Du bekommst es doch mit. Ich habe ungelogen noch nie so viele rassistische Kommentare zu hören bekommen wie hier.“ „War das denn in den anderen Hotels anders?“ Sie überlegte. „Ja, irgendwie schon. Zumindest haben mich die Gäste da normal behandelt. Das waren Menschen, wie du und ich, aus der Mitte der Gesellschaft, die sich gelegentlich mal eine Übernachtung im Hotel leisten. Oder Geschäftsreisende, die für kleines Geld übernachten und ihre Ruhe haben wollen. Klar waren die auch anstrengend, zum Beispiel wenn die nicht verstanden haben, dass man bei Low Budget eben keine Minibar auf dem Zimmer hat und nicht den Komfort eines Sterne-Hotels erwarten kann. Aber zumindest haben die mir da nicht das Gefühl gegeben, ich hätte dort nichts verloren, nur weil ich schwarz bin.“
Sie ließ ihren Blick durch die Lobby schweifen und lachte. „Weißt du, was mir neulich passiert ist?“ „Nee, was denn?“ „Während die meisten meinen, eine Afrikanerin hätte hier keinen Platz, hat mich doch glatt einer für zu deutsch befunden.“ Leo sah sie mit fragenden Augen an. „Wieso?“ „Na ja, da war doch diese Messe.“ „Oh, Gott, erinnere mich bloß nicht daran. Die waren doch alle Mister und Miss Oberwichtig und du konntest denen nichts recht machen. Die eine hat mir doch glatt erklärt, ihr Zimmer sei angeblich nicht richtig sauber, aber da könne ich ja nichts für, denn da, wo ich herkäme, gäbe es halt andere Standards.“ „Ach, trifft es dich armen Kosovaren gelegentlich auch mal? Das ist ja sehr beruhigend. Und? Was hast du ihr gesagt?“ „Ich habe so getan, als würde ich nur gebrochen Deutsch sprechen und hab’ mir von ihr zeigen lassen, wie ich das hätte besser machen können.“ Er grinste böse. „Ich will es ja schließlich lernen.“ Mary brach in schallendes Gelächter aus. „Du hast der nicht ernsthaft einen Putzlappen in die Hand gedrückt und die selber putzen lassen?!“ Leo kicherte. „Doch klar. Und ich habe auch immer eifrig genickt, wenn sie mir was erklärt hat. Ich bin ja schließlich ein fleißiger und wissbegieriger Schüler. Immer schon gewesen.“ Mary hatte bei der Vorstellung Tränen in den Augen. „Du bist echt unmöglich.“ „Also, was war jetzt? Wieso bist du auf einmal zu deutsch?“ „Ach so, ja, also da stand zu später Stunde einer vor mir, der nicht reserviert hatte und noch ein Zimmer wollte. Der hatte Glück, wir hatten tatsächlich noch was frei, weil am Nachmittag ein Gast storniert hatte. Aber du kennst ja unsere Messepreise. Da stand der Vogel da und wollte wissen, ob ich was am Preis machen könnte.“ „Berechtigtes Anliegen bei dem was die Zimmer zur Messezeit kosten. Und? Was hast du ihm gesagt?“ „Dass das nicht geht, weil der Preis vom System vorgegeben wird und ich da leider nichts ändern kann. Daraufhin fing er an, zu handeln. Ich ihm wieder erklärt, dass das nicht geht. Da meinte der glatt zu mir, aber meine Landsleute würden doch so gerne handeln, das müsste ich doch von zuhause gewohnt sein. Darauf hab ich nur noch mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, das ginge leider nicht. Entweder der Preis oder kein Zimmer.“ „Und was meinte er dann?“ „Dass das aber eine sehr deutsche Einstellung wäre und was ich denn für eine Afrikanerin sei, dass ich nicht handeln würde? Und überhaupt, ob ich nicht wenigstens ein bisschen Stolz auf meine Herkunft sei?“ Leo grinste. Er konnte sich schon fast denken, was jetzt kam, aber er fragte dennoch: „Und was hast du impulsives Mädchen ihm dann an den Kopf gehauen?“ „Dass ich äußerst stolz darauf sei, eine angolanische Deutsche zu sein und dass man bei uns in Chorweiler nie mit Leuten handelt, mit denen man Geschäfte macht – alles andere wäre nämlich verdammt ungesund...“
Artikel 3 Recht auf Leben und Freiheit
Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
Sie saß alleine vor dem Fenster. Für sie war das normal, denn die anderen Kinder hier im Heim gaben sich nicht großartig mit ihr ab. Was allerdings weniger daran lag, dass sie eine andere Hautfarbe hatte und aus dem Ausland kam, als eher daran, dass sie nicht sprach. Am Anfang hatten sich die anderen noch bemüht, mit ihrer neuen Mitbewohnerin Freundschaft zu schließen und ihr die Sprache beizubringen, aber ihre beharrliche Stummheit hatte die anderen mit der Zeit abgeschreckt.
Es war keinesfalls so, dass sie nicht sprechen konnte oder dass sie die fremde Sprache nicht beherrschte. Zwar hatte sie tatsächlich die erste Zeit aufgrund der Sprachbarriere nicht verstanden, was die anderen von ihr wollten, doch mit der Zeit hatte sie die fremden Laute entschlüsselt und mittlerweile verstand sie jedes Wort. Nein, sie wollte einfach nicht sprechen, denn das, was sie zu erzählen gehabt hätte, hätten die anderen sowieso nicht verstanden. Und wie hätte sie es ihnen erklären sollen, wenn ihr selbst die Worte dafür fehlten – sowohl in dieser, als auch in jeder anderen Sprache. Und weil sie so beharrlich stumm blieb, hielten die anderen sie wahlweise für eine taube Nuss oder für eine arrogante Ziege. Also blieb sie allein, denn wer gab sich schon freiwillig mit einer dummen, eingebildeten Kuh ab? Ihr selbst war das ganz recht so, denn obwohl die anderen alle ganz nett waren, konnte sie nichts finden, das sie mit ihnen gemein gehabt hätte. Diese Kinder lebten in einer völlig anderen Welt als der, aus der sie kam. Und irgendwie war das auch gut so.
Sie rückte sich das Kissen auf dem Fensterbrett zurecht und beobachtete die anderen, die an diesem goldenen Herbsttag draußen im Hof spielten. Ein paar von ihnen hatten einen großen Brummkreisel, den sie immer und immer wieder in Bewegung setzten. Wie gebannt schaute sie auf das herumwirbelnde Spielzeug, das sich immer schneller und schneller drehte und sie in ihren Gedanken in ihr Heimatdorf zurück katapultierte.
Es war ein goldener Herbsttag wie dieser und sie spielte mit den Nachbarskindern auf der Straße. Hier in ihrem Heimatdorf war das kein Problem, denn Verkehr gab es hier so gut wie keinen, sodass die Eltern keine Angst haben mussten, dass eines der Kinder einem Verkehrsunfall zum Opfer fallen könnte. Einer der Jungen hatte zum Geburtstag einen Kreisel geschenkt bekommen, der mit einer Peitsche zum Drehen gebracht wurde. Mit etwas Geschick konnte man den Kreisel nach dem ersten Peitschenhieb durch weitere Schläge in Bewegung halten. Die Kinder wetteiferten darum, wer es denn wohl am längsten schaffte, das Spielzeug drehen zu lassen. Immer und immer wieder hörte man die Peitsche knallen – bis auf einmal ein Knall ertönte, der zwar ähnlich klang, aber von weiter weg kam. Die Kinder blickten verwirrt auf, um die Quelle dieses sonderbaren Echos zu lokalisieren. Am Horizont breitete sich eine Staubwolke aus, die sich ihnen näherte und langsam Gestalt annahm.
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