Jetzt rächte sich, dass sie sich gestern unzureichend über die Vorbereitung gesetzt und heute Morgen nicht noch einmal ihre Schultasche kontrolliert hatte, wie sie es sonst immer tat. Aber sie war zu spät dran. Auch das passierte so gut wie nie.
Am liebsten wäre Rebecca auf der Stelle umgedreht und hätte sich krankgemeldet aus Angst, in ihrer eigenen Klasse zu versagen.
Nicht zum ersten Mal hatte sie den Eindruck, absolut nicht in die Schule zu gehören. Zwar floss jeden Monat ein geregelter Lohn auf ihrem Konto ein, aber sie hatte weder das Gefühl, dass sie auch nur annähernd das verdiente, was ihr zustand, noch dass sie in dem Beruf der Lehrerin jemals glücklich werden konnte.
Sympathie und Empathie für die Belange von Heranwachsenden zu empfinden – das schaffte sie auch nach Jahren noch nicht. Vor allem Kinder und Jugendliche in der Pubertät erkannten mit ihren feinen Antennen sofort, ob man ihnen gewogen war und merkten auch gleich, wenn man Apathie gegen sie hegte.
Rebecca fragte sich, ob dieser Job sie jemals glücklich machen würde, obwohl er ihr Sicherheit, geregelte Arbeitszeiten, Ferien und guten Lohn bot.
Und nun auch noch das verdammte Arbeitsblatt, das zu Hause auf dem Schreibtisch lag. Doch statt umzudrehen oder Paul zu benachrichtigen, fuhr sie wie unter Drogen starr weiter, auf den Verkehr um sie herum fluchend. Fluchend auf sich selbst …
Die Einfahrt zur Schule war passiert. Mechanisch rollte sie auf den leeren Parkplatz, nahm ihre angestammte Parklücke in Beschlag und trat in die kalte, beißende Märzluft hinaus. Der Wind zerrte hart an der Jacke und erzeugte Gänsehaut. »Ich werde die Stunde irgendwie hinter mich bringen«, murmelte Rebecca gereizt vor sich hin, während die Absätze ihrer Schuhe wie Pistolenkugeln auf dem Kopfsteinpflaster auftrafen und wie jeden Morgen an der Wand des Schulgebäudes widerhallten.
Die Siebtklässler, die sie in der ersten Stunde erwarteten, stellte sie mit einer größeren, fast die gesamte Stunde einnehmenden Partnerarbeit ruhig. Wenn der Kunstunterricht annähernd so glimpflich abgelaufen wäre …
Doch schon, als sie sich den Kunsträumen näherte, hörte sie den Lärm auf dem Flur, der für ihre Ohren zur Belastungsprobe wurde. Andy und Martin stritten sich lautstark, warfen sich üble Beleidigungen an den Kopf, vulgäre Ausdrücke fielen. Eine Masse an Schülern stand daneben und schaute dem Treiben belustigt zu. Niemand griff ein, um die Streithähne zu beruhigen.
Als Rebecca ihre Klasse erreichte, nahm kein Schüler Notiz von ihr. Sie wurde weder begrüßt noch darum gebeten, die Auseinandersetzung zu schlichten. Die Jugendlichen waren sich wohl der Erfolglosigkeit schon vorher bewusst.
Stattdessen ging Rebecca in der breiten Masse ihrer Schüler unter. Als sie die Tür zum Kunstraum aufschloss, waren Martin und Andy die einzigen Schüler, die nicht nach drinnen gingen, sondern auf dem Gang verweilten.
Mittlerweile hatte die Stunde begonnen, aber die Jungen standen noch immer vor der Tür und warfen sich Sätze in der Jugendsprache an den Kopf. »Alter, was willst’e von mir?«, schrie Andy.
»Du sollst aufhören, bei Ellen so scheiße über mich zu labern, Alter! Checks doch endlich, dass die nicht auf dich steht!«, gab Martin überlegen zurück.
»Boah, du bist ein Idiot!«, entfuhr es Andy.
Rebecca wollte einmal Stärke beweisen und rief ihnen vom Kunstraum aus zu: »Andy, Martin. Die Stunde hat begonnen. Kommt rein!« Wie zu erwarten war, reagierte keiner der beiden auf ihre Worte.
»Die Alte will doch von dir genauso wenig was. Die ist doch mit dem Typen aus der 10c zusammen. Bist du blind, Alter? Die gehen doch schon seit Anfang Januar miteinander.«
Andy war hochrot im Gesicht und auch Martin sah aus, als wäre er jeden Augenblick auf seinen Kontrahenten losgegangen. Eine Prügelei bahnte sich an.
Rebecca sah den Klassensprecher mit einem Mädchen am vorderen Tisch stehen. Sie winkte ihn zu sich und bat ihn, die Jungen ins Zimmer zu holen. Nach wenigen Worten begaben sich Martin und Andy in den Raum, würdigten sich aber keines Blickes mehr. Rebecca nutzte die Aufmerksamkeit, die die Mitschüler den beiden Jungs widmeten, um auszupacken.
Da jeder der Achtklässler darauf wartete, wer als Erster lospoltern würde, war es relativ ruhig und Rebecca konnte zügig zur Begrüßung der Klasse schreiten. »Guten Morgen.«
»Morgen«, murmelten ihr einige Schüler gelangweilt entgegen.
»Ihr habt euch in den letzten Stunden mit den Tageszeiten in der Kunst auseinandergesetzt, indem ihr selbst das Thema künstlerisch bearbeitet habt. Heute ist unsere letzte Stunde vor Ostern. Das heißt, dass wir das Projekt abschließen werden. Ihr werdet dazu eine neue Zeichenmethode kennenlernen.«
Rebecca überlegte, ob sie ihren Fehler zugeben sollte oder nicht, beschloss aber, die Wahrheit zu sagen: »Leider habe ich das Methodenblatt zu Hause vergessen. Wir müssen improvisieren. Das dürfte aber kein Problem darstellen.«
Jule geiferte: »Frau Peters, bei uns tragen Sie sich fehlende Materialien sofort ein. Wo ist die Spalte im Klassenbuch, in der wir Ihre fehlenden Unterrichtsmittel eintragen können?« Rebeccas Kiefer mahlte, während die Klasse johlte.
Ellen trat nach. »In welches Heft dürfen wir eintragen, wenn Sie mal was nicht richtig machen? Bei uns wird ja alles gleich brühwarm den Eltern erzählt.«
Es wurde immer lauter. »Genau!«, erhoben sich bejahende Stimmen. Die Situation glitt Rebecca aus den Händen und eskalierte in dem Moment, als sie darüber nachdachte, was zu tun war. Hilflos schaute sie in die Masse und es schien keinen Schüler mehr zu geben, der sich für sie in die Bresche schlagen wollte.
Jetzt rächte sich, wie achtlos sie mit Schülern umging. Wie sehr sie den Beruf als bloßen Job, den es zu erledigen galt, ansah. Ihre Gedanken halfen Rebecca in dem Moment nicht weiter und ihr »Pst« oder »Sch« brachte keine Besserung, weil es zu laut war, als dass sie noch Gehör fand. »Ruhe!«, schrie sie laut und hilflos durch den Raum. Vergeblich.
»Hey!« Es half nichts. Jeder Schüler hatte auf einmal etwas zu sagen, sogar die ruhigen Achtklässler schienen kein Halten mehr zu kennen. Am liebsten wäre Rebecca aus dem Klassenzimmer gerannt und angesichts der sie zerfleischenden Klasse niemals wiedergekommen.
Wenn jetzt nicht ein Wunder eintrat, war sie geliefert, soviel stand fest. Sogar der Versuch, den Klassensprecher um Hilfe zu bitten, scheiterte, denn unter der sich hochschraubenden Lautstärke verstand niemand mehr sein eigenes Wort.
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