1 ...8 9 10 12 13 14 ...31 »Sind Sie mit meinem Manne zufrieden?« fragte sie schließlich.
»Ich muss es wohl sein«, erwiderte Julian, bitter lächelnd. »Herr Bürgermeister hat mir hundert Franken geschenkt.«
Frau von Rênal sah ihn unschlüssig an. Dann aber sagte sie zu ihm in festem Ton, wie er ihn an ihr noch nicht erlebt hatte: »Begleiten Sie mich!«
Sie wagte einen Gang zum Buchhändler des Ortes, obgleich dieser Mann in dem schlechten Geruche stand, ein Liberaler zu sein. Daselbst suchte sie sich für zweihundert Franken Bücher aus, die sie ihren Kindern schenkte. Jeder der Knaben musste an Ort und Stelle seinen Namen in die ihm gehörigen Bücher eintragen. Es waren lauter Bücher, von denen sie wusste, dass Julian sie gerne läse.
Während sich Frau von Rênal über die Genugtuung freute, die sie ihm auf diese Art und Weise zu geben den Mut hatte, staunte er die Menge von Büchern an, die er im Laden des Buchhändlers vor sich sah. Er hätte sich niemals erkühnt, einen so unheiligen Ort zu betreten. Sein Herz klopfte ihm. Weit entfernt, zu ahnen, was in Frau von Rênals Gemüt vorging, grübelte er darüber nach, auf welchem Wege es ein angehender Theologe fertig bringen könne, etliche von diesen vielen Büchern in die Hände zu bekommen. Endlich hatte er einen guten Gedanken. Mit einiger Geschicklichkeit ließ sich Herr von Rênal gewiss überreden, dass sich seine Söhne mit der Geschichte der berühmten Edelleute der hiesigen Gegend beschäftigen sollten.
Vier Wochen darauf sah Julian seine Idee verwirklicht, so dass er es nach wieder ein paar Wochen wagte, dem feudalen Bürgermeister weit mehr zuzumuten: nämlich den liberalen Buchhändler abermals in Nahrung zu setzen und ein Abonnement bei ihm zu nehmen. Im Grunde war Herr von Rênal sehr wohl damit einverstanden, dass sein Ältester eine Ahnung von gewissen Werken bekäme, von denen später, auf der Kriegsschule, die Rede sein könnte; aber Julian musste es erleben, dass sein Gebieter steif und fest behauptete, das gehe zu weit. Julian vermutete einen geheimen Grund, vermochte aber nicht dahinter zu kommen.
Eines Tages fing er abermals davon an.
»Es ist mir hinterher eingefallen«, bemerkte er, »dass der gute Name eines Edelmannes unmöglich in der schmierigen Liste eines Buchhändlers stehen darf.«
Des Bürgermeisters Angesicht hellte sich auf.
Noch untertäniger fuhr Julian fort: »Auch für einen armen Studenten der Theologie wäre es ein ziemlich übel Ding, wenn es sich eines Tages herausstellte, dass sein Name in der Liste einer Leihbibliothek figuriert habe. Die Liberalen könnten mich bezichtigen, die niederträchtigsten Bücher entliehen zu haben. Wer weiß, ob sie sich nicht sogar erdreisten, die Titel solcher verderblicher Werke hinter meinen Namen zu setzen?«
Julian war über sein Ziel hinausgeschossen. Er bemerkte einen Anflug der Verstimmung und Misslaute in den Zügen des Bürgermeisters. Er verstummte. »Ich fange meinen Mann schon noch«, sagte er sich.
Etliche Tage darauf wollte der älteste Knabe in des Vaters Gegenwart Näheres über ein Buch wissen, das in der Quotidienne angezeigt war.
Der junge Hauslehrer sagte bei dieser Gelegenheit: »Wenn den Jakobinern auch nicht der kleinste Trumpf in die Hände gegeben, mir aber doch Möglichkeit geboten werden soll, Adolf hierüber zu belehren, so könnte ein Abonnement beim Buchhändler auf den Namen des allerletzten Dienstboten des Herrn Bürgermeisters genommen werden.«
»Kein dummer Gedanke!« meinte der Hausherr sichtlich erfreut.
»Nur wäre eine Einschränkung nötig«, fuhr Julian in jenem ernsten, mieserigen Tone fort, dessen sich gewisse Leute gern bedienen, wenn sie vor einem langersehnten Ziele angelangt sind. »Die Einschränkung nämlich, dass der Betreffende keine Romane entleihen darf. Sowie derlei gefährliche Bücher eingeschleppt werden, ist die Sittsamkeit der weiblichen Dienstboten im Hause gefährdet. Ja, auch der Diener…«
»Sie vergessen die politischen Schmähschriften!« ergänzte Herr von Rênal. Er sagte dies in hochtrabender Weise, um sich sein Behagen über den schlauen Ausweg, den der Hauslehrer entdeckt, nicht anmerken zu lassen.
So setzte sich Julians Leben aus einer Kette kleiner Machenschaften zusammen, deren Wege und Ziele seine Gedanken viel mehr beschäftigten als die deutliche Zuneigung der Frau von Rênal, die er ihr nur an den Augen abzulesen brauchte.
Die Weltanschauung, die ihn in seinem bisherigen Leben beherrscht hatte, blieb auch im Rênalschen Hause die nämliche. Hier wie vordem in der väterlichen Sagemühle hegte er tiefe Verachtung gegen die Menschen seines Umkreises. Er sah sich gehasst. Fast täglich kam es vor, dass er einen Verwaltungsbeamten oder Herrn Valenod oder sonst einen Freund des Hauses über irgendeinen Vorfall reden hörte, der sich vor aller Augen abgespielt hatte, und immer wieder fiel ihm dabei auf, dass sie die Dinge ganz anders hinstellten, als sie in Wirklichkeit gewesen waren. Wenn ihm eine Tat bewundernswürdig erschien, so konnte er sicher sein, dass sie den Leuten, die ihn umgaben, missfiel. Im stillen sagte er sich jedes Mal: »Entweder sind das Scheusale oder Schafsköpfe!« Das Spaßhafte bei all seiner Überhebung war der Umstand, dass er von den Dingen, über die man sprach, oft gar nichts verstand.
Er selbst hatte sein Leben lang mit keinem Menschen aufrichtig gesprochen außer mit dem alten Stabsarzte, und kaum über etwas andres denn über Bonapartes Feldzüge in Italien oder über chirurgische Dinge. Sein Jugendmut hatte Gefallen daran, wenn er sich schmerzhafte Operationen bis ins einzelne vorstellte. Dann sagte er sich: »Ich hätte nicht mit der Wimper gezuckt!«
Das erste Mal, als Frau von Rênal eine Unterhaltung mit ihm begann, die sich nicht um Kindererziehung drehte, verfiel er auf die Schilderung einer chirurgischen Operation. Frau von Rênal ward blass und bat ihn aufzuhören.
Julian wusste von nichts anderem. Daher trat trotz der Gemeinsamkeit ihres Lebens immer eine sonderbare Stille ein, sobald sie beide allein waren. So demütig sein Benehmen in Gegenwart andrer auch war, Frau von Rênal las in seinen Augen eine gewisse geistige Überlegenheit vor jedwedem, der in ihr Haus kam. Allein aber mit ihm, sah sie seine sichtliche Verlegenheit; sie beunruhigte sich darob, denn ihr Frauensinn sagte ihr, dass diese Verlegenheit keinesfalls ein zärtliches Motiv hatte.
Nach der Erzählung des alten Stabsarztes hatte sich in Julian eine sonderbare Vorstellung von der guten Gesellschaft gebildet; infolge davon bemächtigte sich seiner, wenn in Gegenwart einer Dame die Unterhaltung stockte, ein peinliches Gefühl. Er bildete sich ein, er trage die Schuld an diesem Schweigen. Am qualvollsten war ihm diese Empfindung unter vier Augen. Sein Hirn war der Tummelplatz der abenteuerlichsten und närrischsten Dinge, von denen ein Mann zu reden habe, wenn er mit einer Dame allein sei. Aber was er in seiner Verwirrung herausgriff, war unanbringbar. Seine Seele schwebte in den Sternen, und so vermochte er das ihn so arg demütigende Stillschweigen nicht zu brechen. Durch diese unerträglichen Qualen wurde sein ernstes Wesen auf den Wanderungen, die er mit Frau von Rênal und den Kindern unternahm, noch gemessener. Er verachtete sich bis zum Ekel. Wenn er sich in seinem Unglücke zum Sprechen zwang, sagte er zuweilen das Allerlächerlichste. Und um das Maß seines elenden Zustandes voll zu machen, erkannte er seine eigne Bizarrerie, ja er schaute sie wie in einem Zerrspiegel. Etwas freilich sah er nicht: den Ausdruck seiner eignen Augen. In ihrer Schönheit verriet sich seine Feuerseele. Wie die Augen genialer Schauspieler verliehen sie öfters den Worten, die er redete, einen holden Sinn, den sie gar nicht hatten. Es fiel Frau von Rênal auf, dass er im Alleinsein mit ihr niemals etwas Nettes sagte, außer wenn ihn irgendein plötzlicher Vorfall ablenkte und er gekünstelt zu sprechen völlig vergaß. Da die Freunde des Hauses sie mit originellen und geistreichen Einfallen nicht verwöhnt hatten, fand sie an diesem Wetterleuchten der Seele Julians umso köstlichere Freude.
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