Die meisten von uns wären längst kreischend über Bord gehüpft, aber nein, dieser kleine, schmächtige Mann, kriegsverwundet und früh gealtert, mit nur noch einem Arm und einem Auge, er steht da, gewinnt die Schlacht für England und lässt sich zur Belohnung von einem feindlichen Scharfschützen totschießen. Man mag das blutige Verblendung nennen, aber eine ungewöhnliche Leistung ist es doch. Angesichts solcher Heldensagen sollte man allerdings nicht vergessen, dass die meisten edlen Taten der Menschheitsgeschichte niemals aufgeschrieben wurden. Von den Matrosen auf Nelsons Schiffen ist beispielsweise deutlich weniger die Rede. Und den vielen Frauen der Geschichte hat ohnehin nie jemand ein Denkmal gesetzt. Haben Sie einmal gezählt, wie viele Statuen unter den Monumenten einer beliebigen europäischen Großstadt real existierende Frauen der langen europäischen Geschichte zeigen? Vermutlich keine einzige! Diejenigen Brunnen und Denkmalssockel, auf denen die Anwesenheit von Damen nur ein Vorwand ist, lüstern entblößte Weiblichkeit zu zeigen, sollen ausdrücklich nicht mitgezählt werden.
Die Eroberung der Welt Immer gibt es jemanden, den man nicht mag. Diese Barbaren! Auch so ein Wort, das aus dem alten Griechenland stammt. Damals bezeichnete man damit jene ebenso bedauerns- wie verachtenswerten Menschen, die nicht ordentlich Griechisch sprachen. Ihre raue Rede klänge wie »br br«. Daher das Wort barbaroi. Interessanterweise sind es ja immer die anderen, drüben, jenseits der Grenze. Man selbst hat selbstverständlich immer recht. Aus diesem sehr eingeengten Blickwinkel auf das Fremde entstehen oft gröbere Ir-rtümer. Man sieht förmlich einen Politiker der römischen Zeit vor sich stehen, der im vierten Jahrhundert unserer Zeit inbrünstig die ewige Macht Roms beschwört und seine Rede mit den Worten enden lässt: Diese Barbaren werden niemals genug Macht erringen, um Rom gefährlich zu werden, denn sie sind unfähig zu jeder höheren kulturellen Entwicklung. Und wenig später erringen sie dann die Macht, und dann sind sie da. Oft stellt sich in der Folge heraus, dass der vermeintliche Barbar die jetzt Bezwungenen und vermeintlich Zivilisierten selber für Barbaren hält. Merke: Die Barbaren von früher sind gar nicht selten die Herrscher der Zukunft. Dann errichten sie ein neues Reich und missachten neue Barbaren an den Grenzen.
Auch dies kann man aus der Geschichte lernen: wie oft der Mensch darin zu kurz gedacht hat. Wenigen segensreichen Einsichten stehen lange Perioden totaler Verblendung gegenüber. Immer wieder haben Menschen sinnlose Feindschaften gepflegt, Kriege geführt, Mitbürger aus den aberwitzigsten Gründen ermordet. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnten Frauen nicht wählen, da waren Arbeiter und Bauern nur dazu da, um den Mächtigen ein angenehmes Leben zu garantieren. Die Geschichte zeigt dem interessierten Betrachter in einem bunten Bilderbogen, was geschieht, wenn man so einfältig denkt. Wie steril und tot eine Gesellschaft ist, aus deren Mitte man die Frauen verdrängt! Wie krisengeschüttelt eine Ausbeutergesellschaft, in der jeder nur seinen Vorteil wahrnimmt und den Schwarzen Peter nach unten durchreicht! Wie aggressiv und am Ende selbstzerstörerisch der Hass auf alles Fremde und Andere sich äußert! Man kann sich angesichts dieser Vorgeschichte immerhin vornehmen, es besser zu machen, auch wenn durchaus nicht sicher ist, dass es einem auch gelingt.
Oft erreicht man ja genau das Gegenteil des ursprünglich Gewoll-ten. Sehen Sie sich einmal um. Wir stehen auf dem Petersplatz, an einem lauen römischen Frühlingstag, und dort drüben, das sind die Mauern des Vatikans. Lange ging es in den ehrwürdigen vatikanischen Palästen trotz der göttlichen Berufung ihrer Bewohner überaus irdisch zu, da wurden Kinder gezeugt, Gifte an Konkurrenten ausprobiert, kurz: Der Papstpalast war ein Abbild der Welt, nur etwas konzentrierter. Machiavelli, der toskanische Theoretiker der Politin-trige, dessen Name längst sprichwörtlich geworden ist, hat aus der Beobachtung unter anderem dieser Zustände seine Theorien vom Machterhalt entwickelt. Und über den hatten die Päpste allerdings vieles zu berichten, ebenso wie über die Erweiterung ihrer Macht. Bizarrerweise wandelte sich unter ihrer Herrschaft die friedliche Botschaft des jüdischen Philosophen Jesus zu einem angriffslustigen Dogma. Dieser Leiter einer jüdischen Splittergruppe hatte wenige Jahrzehnte nach dem Jahr eins seine Ansichten immer weiter reformiert und seinen sehr wenigen Anhängern radikale Wahrheiten von der Gnade Gottes und von der Feindesliebe verkündet. Mehr als tausend Jahre später überzogen völlig andere Menschen in seinem Namen die Welt mit Krieg. Ohne Jesus keine Bergpredigt und keine Christen, ohne Christentum kein Papst in Rom, keine Kreuzzüge, keine Ketzerverfolgung und kein europäischer Kolonialismus. So war das doch eigentlich nicht gedacht.
Die großen Eroberungszüge der europäischen Neuzeit boten für alle Beteiligten eine befriedigende Mischung aus heiligem Auftrag, Abenteuerlust, Gier und der Hoffnung auf einen angenehmen Platz im Paradies. Zu einer Zeit, als die irdische Existenz sehr schmerzhaft und kurz sein konnte, war dieser letzte Beweggrund nur zu verständlich. So begann für die Europäer die große Reise nach Übersee mit den mittelalterlichen Kreuzzügen. Ob dabei die eigentlich zu rettenden christlichen Heiligtümer Konstantinopel oder Jerusalem eher geplündert als gerettet wurden, wen kümmerte es. Weiter und weiter wagten sich die Europäer in die Welt hinaus, von der sie seit römischer Zeit immer mehr die Kenntnis verloren hatten. Man nennt es gerne das Zeitalter der Entdeckungen. Dazu sei ausdrücklich gesagt, dass Entdecken und Entdecktwerden zwei sehr unterschiedliche Angelegenheiten sind. So bekamen die Menschen am Rande der europäischen Welt ihre Kenntnis von den Fortschritten der Europäer immer dann, wenn wieder ein Heerzug in ihre Länder einbrach oder ein Kriegsschiff sich ihnen bedenklich näherte. Sehr viele von ihnen haben den wirtschaftlichen Aufschwung Europas mit ihrem Leben bezahlt. Sie legten vermutlich überhaupt keinen Wert darauf, von uns entdeckt zu werden.
Das mit der Entdeckung Amerikas war am Ende auch so ein Zufall. Was wäre eigentlich passiert, wäre Kolumbus daran vorbeigefahren oder vorher in einen tödlichen Sturm geraten? Wäre er dann so berühmt geworden, dass man - wie Mark Twain schrieb - in einem Museum in Havanna zwei seiner Schädel ausgestellt haben soll, den des jungen Kolumbus und den des erwachsenen? Die Geschichte des Entdeckers Christoph Kolumbus ist so abenteuerlich, dass sie eigentlich nur wahr sein kann. Er fuhr mit der sicheren Gewissheit los, in Richtung Westen den Osten zu erreichen. Die karibischen Inseln hielt er für Vorboten des indischen Festlands.
Und bis zu seinem Tod hielt er daran fest, auf dem amerikanischen Festland eigentlich Indien entdeckt zu haben. Zum Dank nennen wir die Menschen, denen er dort begegnete, bis heute Indios beziehungsweise Indianer. Mit Kolumbus’ starrsinniger Suche nach den Reichtümern der östlichen Länder begann auf dem amerikanischen Kontinent der Wahnsinn des Goldrausches. Immer mehr Menschen strömten über das Meer, um irgendwo in Urwäldern, Steppen oder auf Bergen Städte aus Gold zu finden.
Reisen durch die Geschichte
Einer der Ideengeber für die Hatz nach der goldenen Stadt war daran vollkommen schuldlos. Er hieß Marco Polo, lebte in Venedig und hatte Jahrhunderte zuvor die Reise immer weiter nach Osten angetreten, weit über die Grenzen der bekannten Welt hinaus. Er war nicht der Erste in der Familie, denn er folgte den Spuren seines Vaters und Onkels, die beide schon Peking erreicht hatten und ihn nach ihrer Rückkehr mit auf eine zweite Reise durch das Reich des mongolischen Großkhans nahmen, der über große Teile Asiens herrschte. Obwohl alle drei wohlbehalten in ihre Heimatstadt zurückkehrten, ist nur Marco Polo der Nachwelt bekannt geblieben. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Er hat seine Reise aufgeschrieben für die Nachwelt und von unglaublichen Reichtümern im Osten berichtet. Menschen wie ihn gab es zu allen Zeiten.
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