Langsam senkte sich eine unheimliche Stille auf den Hof herab, nur durchbrochen vom Geräusch der vier überlebenden Dienerinnen, die sich gierig auf die Leichen der Elfen gestürzt hatten und fraßen. Löwenstein winkte ihnen, und sie scharten sich mit blutigen Klauen und Gesichtern um den Thron wie Hunde, die von ihrer Beute zurückgerufen worden waren. Die Herrscherin blickte von ihrem Thron herab auf Stevie Blue, die geschlagen und blutend am Fuß des Throns im Wasser kauerte. Die Elfe schaffte es, ihr Schwert zu ziehen, aber ihre Hand zitterte vor Schmerzen. Sie stolperte entschlossen und mit zusammengepreßten Lippen vorwärts. Dram trat hinter sie und durchbohrte sie mit seinem Schwert.
Stevie Blue sank auf die Knie. Sie wimmerte, und Blut trat auf ihre Lippen. Dram zog sein Schwert aus ihrem Leib, und sie schüttelte sich, als wäre ihr plötzlich kalt geworden. Löwenstein erhob sich von ihrem Thron und stieg zu Stevie Blue hinunter. Sie kniete vor der Elfe nieder, einen verzierten silbernen Dolch in der Rechten, und beugte sich hinunter, bis ihr Gesicht ganz dicht vor dem der Elfe war.
»Hat Sie Uns nichts mehr zu sagen, Elfe? Wie schwach Wir doch sind, oder wie schlau Sie ist? Keine letzte Erklärung mehr für Ihre Sache?«
Stevie erschauerte aufs neue. Blut lief an ihrem Kinn herab.
Als sie schließlich sprach, konnte nur die Imperatorin ihre Worte hören.
»Ich werde wiederkommen. Es gibt viele wie mich. Eine wird dich kriegen. Du sollst in der Hölle schmoren, Hexe.«
Löwenstein stieß ihre Klinge mit einer geschickten Bewegung ins Herz der Elfe und nahm den Todeshauch der anderen genießerisch wie eine Feinschmeckerin in ihrem Mund auf.
Sie zog den Dolch zurück, legte die Fingerspitzen auf die Brust ihrs Opfers und gab ihr einen beinahe sanften Stoß. Stevie Blue fiel nach hinten ins schwarze Wasser und lag still.
Löwenstein richtete sich auf und ließ den Dolch in ihren Ärmel zurückgleiten. Sie erlaubte Dram, ihr auf den Thron zu helfen.
»Elfen reden nie«, sagte Dram leichthin. »Sie programmieren ihr Bewußtsein auf Selbstzerstörung, bevor sie ihre Geheimnisse verraten können. Ihr habt ihr einen leichten Tod geschenkt.«
»Er ist ein Spielverderber, Lord Dram. Sie starb voller Verzweiflung. Das reicht Uns. Im Augenblick interessiert Uns viel mehr, wie viele Esper Seine Sicherheitsabschirmung überwinden konnten.«
»Eine gute Frage«, entgegnete Dram. »Ich werde sie meinem Stab vorlegen, sobald diese Audienz vorüber ist, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Ich kann nur annehmen, daß irgendwo in meiner Organisation ein Verräter sitzt.«
»Wir dachten, das wäre unmöglich?«
»Genau wie ich. Wenn es einen Verräter gibt, dann werde ich ihn finden. Verlaßt Euch darauf.«
»Ich will hoffen, daß Er recht hat, Lord Dram«, sagte die Imperatorin. »Wenn Wir nicht darauf vertrauen können, daß Er uns beschützt, wozu ist Er dann nütze?«
Dram grinste und tauchte vorsichtig einen Finger in die Reste von Sahne, die sich noch immer auf ihrem Gesicht befanden. Nachdenklich leckte er den Finger ab.
»Cognac-Sahnetorte! Mein Lieblingskuchen. Wenn schon nichts anderes, dann haben die Elfen wenigstens einen guten Geschmack.«
»Natürlich«, erwiderte Löwenstein kühl. »Unsere Dienerinnen werden das sicher bestätigen.«
KAPITEL VIER
UNERWARTETE ERFAHRUNGEN
Die Stadt hatte früher einen anderen Namen getragen, aber niemand erinnerte sich mehr daran. In den letzten dreihundert Jahren war sie im gesamten Reich unter dem Namen Parade der Endlosen bekannt geworden, die Stadt der Arena und der Spiele. Es war keine besonders große Stadt, wenn man die Maßstäbe von Golgatha zugrunde legte, aber sie wuchs in jedem Jahr ein wenig, weil neue Bürger sich von ihr angezogen fühlten wie Fliegen von verrottendem Fleisch. Es gab dort Spielhallen und Vergnügungspaläste, künstliche Realitäten und PSI-Trips, Wunder, Schauspiele und Kuriositäten, die die Vorstellungskraft bei weitem übertrafen, aber niemand kam nur deswegen nach Parade der Endlosen . Das waren nur die Appetitanreger, die Vorspeisen, etwas, um den Gaumen anzuregen und die Sinne zu wecken, bevor man zu etwas Stärkerem überging.
Im Zentrum der Stadt, tief in ihrem blutigen, dunklen Herzen, lag die Arena: ein weites, offenes Rund aus sorgfältig geglättetem Sand, umrandet von nach außen ansteigenden Sitzreihen. Die Arena wurde durch eine Reihe von Kraftfeldern sorgfältig vom Rest der Stadt abgeschirmt. Sie wurden immer nur eines nach dem anderen gesenkt und gleich darauf wieder hochgefahren. Es war schwierig, in die Arena zu gelangen, aber noch schwieriger war es, sie wieder zu verlassen.
Wer hier lebte, verließ sie niemals. Wer hier lebte, der hatte seine eigenen Plätze in den Zellen, Kammern und verwinkelten Korridoren tief unterhalb der Arena. Die Gladiatoren schwelgten in relativem Luxus, während sie ihre Kampfkünste trainierten und von Ruhm und Ehre träumten. Trainer und Stab wohnten in einfacheren Räumlichkeiten, von wo aus sie für den glatten Ablauf der Veranstaltungen sorgten. Gefangene warteten in den dunklen Zellen des untersten Geschosses auf ihr Schicksal. Sie wußten, daß sie das Tageslicht nicht wieder erblicken würden, bis man sie stolpernd hinaus auf den blutigen Sand der Arena stieß. Gefangene gab es immer.
Menschen, Klone, Esper und Fremdrassige. Futter für den unersättlichen Appetit der Massen.
Von überall im Reich reisten die Menschen nach Parade der Endlosen , um in der Arena Blut und Leid zu sehen und wie die Karten von Leben und Tod nach den antiken Regeln der Vorväter ausgespielt wurden. Weitere Milliarden verfolgten die Spiele jede Nacht zu Hause auf ihren Holoschirmen.
Aber für die wahren Freunde der Schauspiele, die Kenner, war bloßes Sehen nicht genug. Sie mußten persönlich anwesend sein, mußten mit eigenen Augen sehen, die Atmosphäre in sich aufnehmen und die Lust auf Blut riechen, wenn die Menge ihren Lieblingen zujubelte, die Unfähigen niederschrie und einen weiteren Tod forderte. Die Massen hatten immer ihre Lieblinge, aber es war ein ehernes Gesetz, daß sie das nicht lange blieben. Das war auch der Grund, aus dem die Stadt ihren Namen hatte: Parade der Endlosen . Helden kamen und gingen, aber die Spiele überdauerten.
Die Stadt war auch in anderer Hinsicht einzigartig. Sie war die einzige Stadt auf Golgatha, die nicht von einem Clan beherrscht wurde. Die Imperatorin sorgte durch subtile Drohungen und weniger subtile Säuberungsaktionen dafür, daß die Spiele fair und unvoreingenommen blieben. Jedermann erhielt die gleiche Chance, auf dem blutgetränkten Sand der Arena zu sterben. Sonst hätte die Arena auch kein Vergnügen bereitet. Die Parade der Endlosen war auf diese Weise zu einem neutralen Gebiet geworden, einem Ort, an dem sich verfeindete Familien ehrenhaft treffen und miteinander reden konnten.
Die Clans ließen ihre Differenzen durch Stellvertreter in der Arena austragen. Man bewahrte das Gesicht, und der Ehre wurde Genüge getan. Wenn es dann für die Stellvertreter hart wurde… nun, niemanden kümmerte es. Jedenfalls niemanden, der wichtig war.
Als Gegenleistung für dieses Ventil entrichteten die Familien großzügige Beiträge zur Aufrechterhaltung des Arenabetriebes und seines Stabes. Noch mehr Geld floß allerdings in die Schatullen der Arena aufgrund der nie versiegenden Spielleidenschaft der Clans. Täglich wurden Vermögen gewonnen und verloren, wenn die Familien hohe Wetten zugunsten ihrer Gladiatoren und wegen der Ehre abschlossen. Die Kämpfer waren immer bezahlte Leute. Familienmitglieder würden nicht im Traum daran denken, in der Arena zu kämpfen. Es war eine Sache, in einem formellen Duell sein Leben zu riskieren; sich vor den Massen und zu ihrem Vergnügen zu erniedrigen, das war etwas ganz anderes. Außerdem war es nicht gut für die Moral der einfachen Bevölkerung, wenn sie ihre Aristokraten sterben sah. Es mochte sie auf dumme Ideen bringen.
Читать дальше