Ein leises Murmeln lief durch den Saal, als die in den vordersten Reihen Stehenden den neuen Gefangenen erkannten und seinen Namen flüsternd nach hinten weitergaben. Die Wachen brachten die Kugel vor dem Thron zum Halten, so daß die Herrscherin auf ihr neues Opfer herabblicken konnte. Die Geräusche im Saal verstummten wieder, als sich die Imperatorin zuckersüß und spöttisch an die Anwesenden richtete.
»Verehrte Lords, liebe Freunde! Erlaubt Uns, Euch den ehrenwerten Richter Nikolaus Wesley vorzustellen. Einst saß er dem Obersten Gericht Unseres Reiches vor, und sein Name war ein Synonym für Recht und Gesetz. Wir waren überzeugt, daß Wir ihm von all Unseren Untertanen am meisten vertrauen konnten. Wir haben Uns getäuscht. Er dachte, sein Wort wäre das Gesetz, aber er irrte sich. Es gibt nur ein Gesetz in Unserem Reich, und das ist das Unsrige. Und nachdem er seine Pflicht vergessen hatte, warf er auch noch seine Ehre in den Dreck und verbündete sich mit der falschen Sorte Mensch. Erzähl Er Uns doch, Richter: Wie lange unterstützt Er die Klon-Bewegung denn schon?«
Im dichtgedrängten Saal hätte man eine Stecknadel fallen hören können, als die Höflinge auf die Antwort des Richters warteten. Wenn es im Reich jemals einen Menschen gegeben hatte, dem alle vertraut, den alle bewundert hatten, ja, der von allen verehrt worden war, dann Richter Wesley. Seine Urteile waren von legendärer Vernunft und Wahrhaftigkeit, und die wenigen Bücher, die er geschrieben hatte, gehörten praktisch zur Pflichtlektüre der oberen Klassen. Und nun saß dieser Mann zusammengesunken in einer Stasiskugel, blutverschmiert und gedemütigt, und vielleicht gab es im gesamten Imperium keine Gerechtigkeit mehr. Langsam hob er den Kopf, als würde selbst eine so einfache Bewegung unendlich viel Kraft kosten. Irgendwann während seiner Gefangenschaft hatte man ihn übel zugerichtet. Ein Auge war vollständig zugeschwollen, und getrocknetes Blut klebte an seinen aufgeplatzten Lippen. Aber obwohl er so unendlich tief gefallen war, besaß er noch einen Rest von Würde, und als er
schließlich zu sprechen begann, klang seine Stimme ruhig und gemessen.
»Ich habe Euch achtunddreißig Jahre lang gedient, Löwenstein. Ich sprach Recht über alle, die vor mir standen. Zumindest habe ich mir das immer gesagt. Zu meiner Schande muß ich nun gestehen, daß es viel zu lange dauerte, bis ich das
Böse in Euch und Euren Gesetzen erkannte. Mein Leben war zu einer einzigen Verhöhnung dessen geworden, an das ich glaubte. Aber am Ende erkannte ich die Wahrheit, und jetzt werde ich meinen Blick nicht abwenden, selbst wenn das Licht in meinen Augen schmerzt. Ich habe eine einfache Tatsache entdeckt: auch Klone sind Menschen.«
»Nicht, bevor Wir nicht sagen, daß es so ist«, erwiderte die Herrscherin. »Aber Er hat Unsere Frage nicht beantwortet, Richter. Wie lange schon haben Wir einen Verräter an Unserer Brust gesäugt?«
Der Richter erwiderte standhaft ihren Blick und schwieg.
Die Imperatorin lächelte.
»Versteht Er, was das für ein Apparat ist, in dem Er gefangen ist, Verräter? Es ist ein Stasisfeld. In dieser Kugel vergeht die Zeit, wie Wir das befehlen. Wir können ihren Fortgang beschleunigen oder verlangsamen, ganz wie Wir wünschen.
Ein Jahr kann in einer einzigen Sekunde vergehen, oder eine Sekunde kann ein Jahr dauern. Ein einziges Augenzwinkern, und Er hat ein ganzes Jahrzehnt Seines Lebens verloren, und Er ist ein Greis in der Zeit, die es braucht, um unsere Fragen zu beantworten. Es sei denn, Er kommt zur Vernunft. Gib Er Uns die Namen des Abschaums, mit dem Er zusammengearbeitet hat, und verrate Er Uns, wo der Pöbel seine Schlupflöcher hat, und Er ist frei. Wir geben Ihm Unser Wort als Imperatorin.«
Der Richter grinste plötzlich, und frisches Blut strömte über sein Kinn, als seine Lippen erneut aufsprangen. »Euer Wort ist wertlos, Löwenstein. Ehre und Würde sind Euch fremd. Ich habe Euch nichts zu sagen.«
Die Imperatorin lehnte sich auf ihrem Thron zurück und gestikulierte knapp zu einem der Wachposten neben der Stasiskugel. Der Posten betätigte einen kleinen Regler auf einem Kontrollfeld an seinem Handgelenk, und der Richter grunzte überrascht auf, als hätte ihn jemand geschlagen. Plötzlich begann sein Haar zu wachsen, und dichte weiße Strähnen erschienen darin. Tiefe Falten gruben sich in sein Gesicht. Seine Gestalt schrumpfte merklich, und seine Hände alterten zu Klauen. Er stöhnte vor Schmerzen, als Arthritis seine Gelenke befiel. Löwenstein hob eine Hand, und der Alterungsprozeß hörte auf. Innerhalb weniger Augenblicke waren in der Kugel vierzig Jahre vergangen.
»Sprich Er mit Uns, Nikolaus. Das ist die letzte Gelegenheit, die Wir Ihm anbieten können. Ist Er wirklich willens zu sterben, um Kreaturen zu schützen, die nicht einmal menschlich sind?«
Richter Nikolaus Wesley bedachte die Herrscherin mit einem Lächeln, in dem bereits der Totenschädel zu erahnen war. »Selbst der niedrigste aller Klone ist mehr wert als Ihr, Löwenstein.«
Die Herrscherin machte eine wütende Handbewegung, und die Zeit raste durch das Stasisfeld der Kugel wie der Sand durch ein Uhrglas. Der Richter verwandelte sich in einen gebrechlichen Greis. Sein Haar fiel aus, und seine Haut wurde fleckig. Sein Gesicht magerte zum Schädel ab, als die Knochen sich durch die zusammenschrumpfende Haut drückten.
Und noch immer hatte er nichts zu sagen. Die Zeit verging.
Der Richter starb, und sein Körper zerfiel. Schließlich war nichts mehr im Stasisfeld zu sehen bis auf seine verwitterten Gewänder und ein paar Knochen, die sich allmählich in Staub auflösten. Die Wache schaltete das Stasisfeld ab, und die Kugel löste sich auf. Die Überreste des Richters fielen in das schwarze Wasser und versanken darin.
Im Vorzimmer saßen Kapitän Schwejksam und Investigator Frost. Man hatte sie in ein Kraftfeld gesperrt und in Ketten gelegt. Das Kraftfeld schimmerte an den Rändern des Sichtfelds, wohin man den Blick auch wandte. Das Vorzimmer wirkte auf diese Weise unecht und geisterhaft. Schwejksam ließ sich dadurch nicht täuschen. Die Gefahr, in der er und Frost schwebten, war allzu real. Er hatte sein Schiff verloren und den vogelfreien Todtsteltzer entkommen lassen. Er hätte ehrenhaft auf seiner Brücke sterben sollen, als das Schiff auf den Planeten stürzte. Sein Clan hätte seinen Tod betrauert, und alles wäre vorüber gewesen. Aber Investigator Frost hatte aus ihm unerfindlichen Gründen darauf bestanden, sein Leben zu retten, und jetzt saß er hier. In Ketten gelegt. An Händen, Füßen und Kehle. In ausreichend Ketten, um ein ganzes Dutzend Männer festzuhalten. Und all das nur, um zu sehen, welch interessante und ganz besonders schmerzhafte Todesart die Imperatorin sich für ihn ausgedacht hatte.
Offiziell hatte man ihn vor ein Kriegsgericht zitiert, wo ein Ausschuß aus Peers und Offizierskameraden ein Urteil fällen sollte. Aber das Wort der Herrscherin hatte den Vorrang vor allem anderen, und wenn sie es so wollte, dann besaß sie auch das Recht, sich als erste mit ihm zu beschäftigen. Andererseits hätte er von einem Kriegsgericht bestenfalls einen schnellen Tod erwarten können. Schwejksam rüttelte an seinen Ketten und rümpfte die Nase. Minderwertige Qualität, aber trotzdem vollkommen ausreichend, um ihn auch ohne Kraftfeld festzuhalten. Er würde nirgendwohin gehen. Es gab sowieso keinen Ort, an den er gehen könnte. Keinen Ort, an dem die Imperatorin ihn nicht finden würde. Und als Gesetzloser hätte er sowieso nicht leben wollen. Andauernd auf der Flucht, andauernd den Blick über die Schulter nach hinten gerichtet, um zu sehen, ob sie bereits hinter einem her waren. Kein Frieden.
Keine Chance für Glück, geschweige denn Ehre. Schwejksam seufzte schwer, nicht zu ersten Mal, und blickte Investigator Frost an, die neben ihm saß. Die Gefangenenwärter hatten sich etwas Besonderes für Frost ausgedacht und sie mit dicken stählernen Ketten behängt, unter deren schierem Gewicht ein normaler Mensch zusammengebrochen wäre. Doch Frost ignorierte ihre Fesseln. Sie saß stolz und aufrecht auf der hölzernen Bank, als wäre es ihre eigene Idee gewesen hierherzukommen. Das Kraftfeld diente hauptsächlich dem Zweck, Frost festzuhalten. Sie war ein weiblicher Investigator. Niemand wollte etwas dem Zufall überlassen.
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