»Kid Death… Kid Death…«
Der Angesprochene grinste und nickte den Höflingen zu, und die am nächsten Stehenden wichen zurück, als hätte er eine Giftschlange in ihre Mitte geworfen. Sie wußten, wer und was er war. Jedermann am Hof hatte von Kid Death gehört, dem lächelnden Mörder. Er schlenderte langsam herbei, und das leise plätschernde Geräusch des Wassers zu seinen Füßen klang schaurig laut in der Stille. Schließlich hielt er auf Armeslänge vor dem alten Sommer-Eiland, und die beiden standen sich Auge in Auge gegenüber: der alte Mann und der junge. Der unüberwindliche Krieger und der unbezwungene Duellist.
Kid Death zog das Schwert an seiner rechten Hüfte, faßte es an der Klinge und bot es lässig dem alten Sommer-Eiland an.
Der Lord verbeugte sich förmlich, nahm die Waffe entgegen und ging in Kampfstellung. Der jüngere Mann zog die Waffe an der linken Hüfte und ging ebenfalls in Kampfstellung.
Sommer-Eiland nickte anerkennend.
»Wenigstens war all dein Training nicht verschwendet, Kid.
Du warst der beste Schüler, den ich je hatte.«
»Danke, Großvater« Die Stimme des jüngeren Mannes klang leicht und dünn.
»Noch ein Kind, aus dem nichts rechtes geworden ist. Was zur Hölle stimmt bloß nicht mit eurer Generation? Vielleicht lag es am Wasser…?«
»Ich bin genau das, was du aus mir gemacht hast, Großvater: der geschickteste Schwertkämpfer des gesamten Imperiums. Du hast meine Klinge geschärft; hast du nie Angst gehabt, daß ich sie eines Tages gegen dich erheben könnte?«
Sommer-Eiland hob das Schwert und blickte seinem Enkel fest in die Augen. »Du hast deinen Vater und deine Mutter getötet, genau wie deine beiden Brüder. Das Gesetz konnte dir nichts anhaben, weil du dich damit gerechtfertigt hast, daß es Duelle gewesen seien. Niemand konnte deine Behauptungen widerlegen. Ich hätte dich höchstpersönlich umbringen sollen, aber ich konnte es nicht. Du und ich, wir beide sind alles, was noch von den Sommer-Eilands übriggeblieben ist, Kid. Laß es nicht hier in sinnlosem Blutvergießen enden, Junge, nur um der Eisernen Hexe eine Freude zu bereiten.«
»Ich mache das hier zu meiner eigenen Freude, Großvater.
Ist es nicht so, daß der Schüler seinen Lehrer immer zu übertreffen sucht? Und da ich der Imperatorin als Mörder diene, muß ich auch dahin gehen, wo ich morden kann, nicht wahr?
Meine Eltern waren enttäuscht, daß ich mir ein solches Leben ausgesucht habe, und sie versuchten mich aufzuhalten. Also mußte ich sie erledigen. Genau wie meine Brüder, als sie kamen und auf Rache sannen. Niemand wird sie vermissen, keinen von ihnen. Sie haben wenig gewagt und noch weniger erreicht. Aber ich, ich bin der Beste der Besten, der Tod auf zwei Beinen, der Henker Ihrer Majestät persönlich, bis auf den Namen. Aber auch den werde ich mir eines Tages holen, und dann wird es einen neuen Obersten Krieger geben.«
»Du wirst nicht lange genug leben, Kid. Die Hexe wird schon dafür sorgen. Sag mir, Junge – hast du eigentlich jemals etwas für deine Familie empfunden? Ich habe sie sehr geliebt.«
»Nein, Großvater. Nicht eine Spur. Ich empfand noch nicht einmal etwas dabei, sie zu töten. Aber genug geredet, alter Mann. Der Tanz beginnt.«
Kid Death machte einen Schritt nach vorn, und sein Schwert schnitt auf der Suche nach einer Schwachstelle in der Deckung des alten Sommer-Eiland scheinbar mühelos durch die Luft. Der alte Lord parierte die Streiche des Jüngeren und bewegte sich dabei nicht mehr, als er unbedingt mußte. Die Spitze seines Schwertes war immer genau auf das Herz seines Enkels gerichtet, und seine Augen blickten kühl und ruhig.
Einige Sekunden lang umkreisten sich beide lauernd, und dann bildeten sie ein blitzendes Knäuel aus schimmerndem Stahl und aufeinanderkrachenden Klingen. Der Zusammenprall war im Bruchteil einer Sekunde wieder vorüber, und sie kreisten erneut umeinander. Auf Kid Deaths linker Wange war ein langer, tiefer Schnitt zu sehen, und ein rotes Rinnsal lief an seinem Hals herab. Sommer-Eiland hatte das erste Blut vergossen. Sein Enkel grinste breit und stürzte sich auf den alten Mann. Das Schwert des Jüngeren schien überall zugleich zu sein, und die schiere Gewalt seines Angriffs zwang den anderen zurück, Schritt um Schritt. Aber dann verharrte der alte Mann und wich keinen Millimeter mehr, egal wie hart Kid Death ihn auch bedrängte; es war als wolle er sagen: Bis hierhin und nicht weiter . Ihre Schwerter prallten aufeinander, und sie standen sich Angesicht in Angesicht gegenüber, kämpften mit aller Kraft um die Oberhand. Sommer-Eilands Atem ging schwer, und sein Gesicht war rot angelaufen. Sein Enkel atmete nicht einmal schneller. Kid Death blickte dem Großvater tief in die Augen und zückte verstohlen den kleinen Dolch, der in einer verborgenen Scheide seines Ärmels steckte. Sommer-Eiland lächelte plötzlich und nickte seinem Enkel zu, und Kid Death stieß dem alten Mann die Klinge zwischen die Rippen.
Sommer-Eiland stöhnte unterdrückt und hustete Blut. Hellrote, blubbernde Blasen liefen aus seinem Mund, und alle Kraft schien ihn zu verlassen. Das Schwert polterte zu Boden, und Kid Death stieß in einer kurzen, brutalen Bewegung erneut zu. Sommer-Eiland sank auf die Knie, und sein Blut mischte sich mit dem umgebenden Wasser. Kid Death zog seine Waffe aus dem Körper des alten Mannes und beugte sich zu ihm hinunter. Er brachte sein Gesicht ganz dicht an das von Lord Sommer-Eiland.
»Du kanntest den Trick«, sagte der junge Mann leise. »Du selbst hast ihn mich gelehrt. Du wußtest, daß er kommen würde, und du hast nichts getan, um mich aufzuhalten. Warum nicht?«
»Weil ich nicht mehr leben möchte… in einem Imperium wie dem, das die Löwenstein errichtet…« Der alte Mann verstummte und spie einen Schwall Blut ins Wasser. »Und weil du… der letzte in unserer Linie bist. Wenn ich dich getötet hätte… dann wäre unsere Familie zusammen mit mir ausgestorben… Das wollte ich nicht. Jetzt bist du der Sommer-Eiland, Junge. Vielleicht machst du deine Sache besser, als ich es getan habe.«
Sein Kopf sank langsam nach vorn, als wollte er sich vor seinem Enkel verbeugen, und dann fiel er vornüber ins schlammige Wasser und blieb reglos in einer sich immer weiter ausdehnenden Lache seines eigenen Blutes liegen. Und Kid, der neue Lord Sommer-Eiland, richtete sich auf, zuckte die Schultern und wandte sich ab. »Ich habe meinen eigenen Namen, alter Mann. Den Namen, den ich mir verdient habe.
Und er gefällt mir besser als alles, was du mir geben könntest.«
Er hob sein blutiges Schwert grüßend in Richtung der Imperatorin, und sie nickte ihrem Henker majestätisch zu.
»Entferne Er sich nicht zu weit, Lord Sommer-Eiland, Es kann durchaus sein, daß Wir Seine Dienste noch einmal benötigen. Es gibt einen weiteren Verräter unter uns, mit dem Wir uns auseinanderzusetzen haben.«
Kid Death begab sich wieder neben den Thron, schob den Imperialen Esper achtlos zur Seite und begann in lässiger Manier, seine Klingen mit einem Lappen vom Blut des Großvaters zu reinigen. Der Feldglöck stand schweigend in den vorderen Reihen der Höflinge und beobachtete, wie Wachen herbeieilten und den Leichnam des alten Sommer-Eiland wegschafften. Löwenstein nickte erneut ihrer Dienerin zu, und diese erhob sich einmal mehr und klatschte in die Hände. In den Dampfschwaden hinter dem Thron erschienen zwei Wachen, die eine große, transparente Kugel vor sich herschoben.
Sie schwebte dank ihres Antigravfeldes in Hüfthöhe über dem Boden, ohne mit dem stinkenden Wasser in Berührung zu kommen. In der Kugel saß zusammengekauert ein Mann, der vor Erschöpfung den Kopf hängen ließ. Er schien Mitte Vierzig zu sein und besaß ein straffes Gesicht und eine schlanke Figur. Die goldenen Gewänder, mit denen er bekleidet war, mochten einst eindrucksvoll gewesen sein, aber inzwischen waren sie zerrissen und befleckt, größtenteils mit seinem eigenen Blut und Erbrochenem. Er trug keine Ketten, doch die transparente Kugel hielt ihn so sicher gefangen wie ein Käfig.
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