Simon Green - Der Eiserne Thron

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Im Jahre des Herrn 22--: Mit eiserner Faust regiert Ihre Majestät Kaiserin Löwenstein XIV. das galaktische Imperium.
Plebejer und Adel leiden gleichermaßen unter ihrer Knute.
Owen Todtsteltzer, Lord von Virimonde, Letzter einer Linie berühmter Krieger, versucht sich der Aufmerksamkeit und den Launen der Herrscherin zu entziehen – und fällt gerade dadurch in Ungnade. Unversehens wird, ein Kopfgeld auf Owen ausgesetzt, und er muß zur zwielichtigen Nebelwelt fliehen, wo er eine Truppe ungleicher Verbündeter um sich schart. Ihr Ziel: den Eisernen Thron zu stürzen…

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»Genau das sage ich die ganze Zeit!« maulte Gerold.

»Halt die Klappe, Gerold«, sagte William.

»Ihr seid hier, damit ich euch über die Vorgänge informieren kann«, sagte Crawford Feldglöck. »Also seid jetzt still und paßt gefälligst auf! Ich weiß nicht, was in letzter Zeit in dich gefahren ist, Finlay.«

»Ja«, stimmte Adrienne zu. »Das sieht dir überhaupt nicht ähnlich, Finlay. Sicher, es ist eine Verbesserung, aber ich erkenne dich nicht wieder.«

Finlay zwang sich dazu, entspannt zu bleiben. Er sank in den Stuhl zurück und wedelte elegant mit einem kleinen Tuch in der Rechten. »Mach nur weiter, Vater. Ich möchte nicht ungehorsam sein. Versucht nur, euch ein wenig mehr zu sputen! Ich habe in einer Stunde eine Anprobe für eine neue Garderobe. Ein sehr gewagtes Stück. Du wirst es hassen.«

»Der nächste Punkt auf der Tagesordnung«, fuhr William dazwischen, »betrifft die Probleme, auf die wir während unserer Bemühungen um die Lizenz zur Produktion des neuen Hyperraumantriebs stoßen. Der Wolf-Clan verstärkt seinen Druck, und das trotz der Vorteile, die die Technologie von Shub uns verschafft.«

»Zur Hölle mit den Wolfs«, knurrte der alte Feldglöck. »Mit denen werden wir schon fertig.«

»Was mir nicht gefällt, ist der scheinbare Zufall bei der ganzen Geschichte«, sagte William. »Irgendwer findet heraus, daß wir Geschäfte mit Shub machen, und plötzlich setzen die Wolfs uns unter Druck.«

Der Feldglöck brummte zustimmend und beugte sich vor.

»Horus, rede mit mir.«

Plötzlich erstrahlten vor jedem anwesenden Familienmitglied in das Holz der alten Tafel eingelassene Monitore. Die KI der Feldglöcks war verantwortlich für die Aufzeichnungen des Clans, einschließlich all derer, die offiziell gar nicht existierten. Horus’ Gesicht war eine Computersimulation: vollkommen in der Form, aber ohne jede Persönlichkeit. Crawford mochte keine Maschinen, die menschliche Regungen imitierten. Oder gar widersprachen. Finlay betrachtete das Gesicht der KI nachdenklich. Ihm war schon früher aufgefallen, daß Horus sein Gesicht leicht veränderte, je nachdem, mit wem er gerade sprach. Finlay hatte den Verdacht, daß die Maschine auch die preisgegebenen Informationen manipulierte, je nachdem, wer ihm Fragen stellte. Es war kein Geheimnis, daß der Feldglöck nicht allen die gleichen Informationen zukommen ließ, aber so war es in allen Familien.

Ganz normale Überlebenspolitik. Man konnte schließlich nie wissen, wann man das eine oder andere As im Ärmel benötigen würde. Finlay dachte auch darüber nach, was die KI dem armen, gelangweilten Gerold zeigen mochte. Vielleicht Bilder von hübschen Frauen, damit er ruhig blieb.

»Horus meldet sich bereit«, sagte die KI höflich. »Alle Funktionen stehen zur Verfügung. Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?«

»Sind unsere Daten noch immer sicher?« fragte Crawford.

»Hat jemand versucht, in die Speicher einzudringen?«

»Es gibt ständig derartige Versuche, Sir, aber bisher hatte keiner Erfolg. Trotzdem glaube ich, ich sollte darauf hinweisen, daß die Dinge in der Imperialen Matrix im Augenblick ein wenig außer Kontrolle zu geraten scheinen. Nichts ist mehr so sicher, wie es einmal war, Sir.«

Der Feldglöck runzelte die Stirn. »Geht das vielleicht ein wenig genauer?«

»Seltsame Gestalten kommen und gehen in der Matrix.

Fremde Gestalten. Fremde Kräfte, die ich nicht einzuschätzen weiß. Zeichen und Omen und Gesichter am Himmel. Sie kommen, Sir! Eigenartige Parameter, begrenzte Logik, verschobene Bündnisse in den Datenbänken… Sir, ich fühle mich nicht wohl. Ich…«

Das Gesicht der KI zog sich unnatürlich in die Länge, und sie schrie laut auf. Alle zuckten zusammen und wichen auf ihren Stühlen vom Tisch zurück, als das Schreien immer lauter wurde, bevor es unvermittelt abbrach. Das Gesicht auf den Monitoren verdrehte sich in sich selbst und zerfiel dann in Schlieren aus sich ständig verändernden Farben. Die KI versuchte einen Augenblick lang, ihr Gesicht wieder zusammenzusetzen, doch schließlich löste es sich vollständig in einem statischen Rauschen auf, das nach einigen Sekunden durch eine spöttische Metallmaske ersetzt wurde.

»Pech gehabt, Feldglöcks! Eure KI hat sich soeben in Luft aufgelöst. Schönen Gruß von den Kyberratten. Eure Geschäfte sind alle den Bach hinunter, eure Sicherheit ist ein einziges Chaos, und eure Kreditwürdigkeit ist geringer als die eines toten Klons mit Lepra an den Fingern. Wenn ihr meint, das wären schlechte Neuigkeiten, dann wartet erst mal ab, was als nächstes auf euch zukommt.«

Das Gesicht verschwand von den Schirmen, doch das laute Lachen hielt an, bis Crawford die Monitore wütend abschaltete. Alle redeten wirr durcheinander, bis die Stimme des alten

Feldglöck sich donnernd über den allgemeinen Lärm und das Chaos erhob.

»Ruhe, verdammt noch mal! Wer auch immer dahintersteckt – er will, daß wir in Panik ausbrechen! Wir befinden uns hier in Sicherheit; rings um den Turm sind unsere Leute auf Posten, und man benötigt eine verdammte Armee, um an ihnen vorbeizukommen und uns hier oben anzugreifen. Wir müssen nachdenken! Wer steckt dahinter? Was will man von uns?«

Er hielt inne und drehte sich um. In der plötzlichen Stille konnte es jeder hören: das durchdringende Heulen sich

nähernder Maschinen. Adrienne sprang auf die Beine und deutete auf die Fenster. Die Blicke der anderen folgten ihrem ausgestreckten Arm, gerade rechtzeitig, um eine ganze Flotte von Gravschlitten zu erkennen, die in Richtung des obersten Stockwerks des Feldglöck-Turms schossen. Sie hingen wie glänzende Raubvögel in der hellen Luft des Tages. Crawford schrie nach den Sicherheitsblenden, als ihm einfiel, daß die Lektronen außer Funktion waren. Er zog seinen Disruptor und aktivierte seinen persönlichen Schutzschild durch einen Schalter an seinem Arm. Das Kraftfeld summte laut und beruhigend, und alle anderen folgten seinem Beispiel und zogen ihre Waffen, als der erste Schlitten unter schepperndem Krachen durch das Panoramafenster brach.

Glas splitterte in alle Richtungen, und die Feldglöcks kauerten sich nieder und suchten hinter ihren Schilden Schutz. Bewaffnete Männer sprangen von den schwebenden Schlitten und schwangen Schwerter und Disruptorpistolen. Es schien kein Ende nehmen zu wollen, ständig kamen neue Schlitten hinzu. Die Tür flog auf, und Investigator Razor stürmte mit seinen Leuten herein. Wohin man blickte, überall waren bewaffnete Männer, und plötzlich schien der große Saal aus allen Nähten zu platzen. Finlay hob kalt seinen Disruptor und schoß einen der Angreifer durch den Kopf. Blut und graues

Hirn spritzten durch die Luft, und einen Augenblick später feuerte jeder seine Waffe ab. Energiestrahlen blitzten knisternd durch den Raum, sprangen von Schild zu Schild, brannten sich durch ungeschützte Glieder und Köpfe, und die Luft war plötzlich erfüllt vom Schreien der Verwundeten und Sterbenden und dem süßen Gestank verbrannten Fleisches.

Der Ausbruch von Hektik war genauso schnell vorüber, wie er begonnen hatte, und rasch wurden die Disruptoren weggesteckt und die Schwerter gezogen. Es würde gut zwei Minuten dauern, bis die Energiewaffen wieder einsatzbereit waren, und zwei Minuten waren eine Ewigkeit, in der viel geschehen konnte.

Finlay aktivierte seinen persönlichen Schutzschild an seinem Unterarm und bewegte sich zuversichtlich und mit erhobenem Schwert und Schild vorwärts. Ein Teil von ihm zollte dem Angriff und der professionellen Art seiner Vorbereitung unwillige Bewunderung. Die Kyberratten hatten die Sicherheitssysteme der Familie außer Gefecht gesetzt, die die

Annäherung der Gravschlitten verraten hätten, und so konnten die Schlitten sich unbehelligt an Razors Truppen im und um den Turm vorbeimanövrieren. Ein Esper hätte alles rechtzeitig bemerkt, doch der alte Feldglöck hatte darauf bestanden, einen ESP-Blocker einzusetzen, um die Geheimnisse der Familie zu bewahren. Finlay hörte, wie weitere Truppen den Turm hinaufstürmten, und er konnte nur hoffen, daß es ihre eigenen Leute waren. Sein Schwert krachte mit dem des ersten Gegners zusammen. Er schlug ihn beinahe lässig nieder. Irgendwie überraschte es ihn nicht im mindesten, als er ein Abzeichen des Wolf-Clans auf seiner Brust erkannte.

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