Auf ihrem Weg dachte sie über Farodin und Nuramon nach.
Es ist erstaunlich warm, dachte Mandred, als er erwachte. Ganz in der Nähe erklang Vogelgezwitscher. In die Halle der Helden war er gewiss nicht eingegangen. Vögel gab es dort keine … Und überhaupt sollte der Honigduft von schwerem Met in der Luft hängen und der Geruch von harzigem Fichtenholz, das in der Feuergrube glühte!
Er hätte nur die Augen aufschlagen müssen, um zu wissen, wo er war. Aber Mandred zögerte es hinaus. Er lag auf etwas Weichem. Nichts schmerzte. Hände und Füße kribbelten leicht, aber das war nicht unangenehm. Er wollte gar nicht wissen, wo er war. Er wollte einfach nur den Augenblick genießen, in dem er sich so wohl fühlte. So war es also, wenn man tot war.
»Ich weiß, dass du wach bist.« Die Stimme klang, als ob es ihr schwer fiele, Worte zu formen.
Mandred schlug die Augen auf. Er lag unter einem Baum, dessen Äste sich wie eine weite Kuppel über ihn wölbten. Neben ihm kniete ein Fremder und tastete mit starken Händen seinen Körper ab. Die Äste reichten bis dicht über seinen Kopf; sein Gesicht blieb im Spiel von Licht und Schatten verborgen.
Mandred blinzelte, um deutlicher sehen zu können. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Schatten schienen um das fremde Gesicht zu wirbeln, so als wollten sie es voller Absicht verbergen.
»Wo bin ich?«
»In Sicherheit«, entgegnete der Fremde knapp.
Mandred wollte sich aufrichten. Da bemerkte er, dass seine Hände und Beine auf den Boden gebunden waren. Nur den Kopf konnte er anheben.
»Was hast du mit mir vor? Warum bin ich gefesselt?«
Kurz blitzten zwischen den Schatten zwei Augen auf. Sie hatten die Farbe hellen Bernsteins, wie man ihn manchmal nach schweren Stürmen weiter im Westen an den Ufern des Fjordes fand.
»Wenn Atta Aikhjarto dich geheilt hat, kannst du gehen. Ich lege längst nicht so viel Wert auf deine Gesellschaft, dass ich dich fesseln würde. Er war es, der darauf bestand, deine Wunden zu versorgen …« Der Fremde machte einen seltsam schnalzenden Laut. »Deine Sprache macht einem Knoten in die Zunge. Sie ist ohne jede … Schönheit.«
Mandred sah sich um. Außer dem Fremden, der auf so unheimliche Weise vom Zwielicht umgeben war, war hier niemand. Von den tiefer hängenden Ästen des mächtigen Baumes fielen Blätter wie an einem windstillen Herbsttag und sanken sanft schaukelnd zu Boden.
Der Krieger blickte zur Krone hinauf. Er lag unter einer Eiche. Ihr Laub strahlte in kräftigem Frühlingsgrün. Es roch nach guter, schwarzer Erde, aber auch nach Verwesung, nach fauligem Fleisch.
Ein goldener Lichtstrahl stach durch das Blätterdickicht hinab zu seiner linken Hand. Jetzt sah er, was ihn gefangen hielt: Es waren die Wurzeln der Eiche! Um sein Handgelenk hatte sich fingerdickes, knotiges Wurzelwerk geschlungen, und die Finger waren von hauchzartem, weißem Wurzelgeflecht überzogen. Von dort kam der faulige Geruch.
Der Krieger bäumte sich in seinen Fesseln auf, doch jeder Widerstand war sinnlos. Fesseln aus Eisenbändern hätten ihn nicht fester halten können als diese Wurzeln.
»Was geschieht mit mir?«
»Atta Aikhjarto hat angeboten, dich zu heilen. Du warst vom Tod gezeichnet, als du die Pforte durchschrittest. Er hat mir befohlen, dich hierher zu bringen.« Der Fremde deutete zu den weit ausladenden Ästen hinauf. »Er zahlt einen hohen Preis dafür, das Gift des Frostes aus deinem Körper zu ziehen und deinem Fleisch die Farbe von Rosenblättern zurückzugeben.«
»Bei Luth, wo bin ich hier?«
Der Fremde stieß ein meckerndes Geräusch aus, das entfernt an ein Lachen erinnerte. »Du bist da, wo deine Götter keine Macht mehr haben. Du musst sie verärgert haben, denn eigentlich behüten sie euch Menschenkinder davor, durch diese Pforten zu gelangen.«
»Die Pforten?«
»Der Steinkreis. Wir haben gehört, wie du zu deinen Göttern gebetet hast.« Wieder verfiel der Fremde in meckerndes Lachen. »Du bist jetzt in Albenmark, Mandred, bei den Albenkindern. Das ist ziemlich weit weg von deinen Göttern.«
Der Krieger erschrak. Wer die Pforten zu der jenseitigen Welt durchschritt, war ein Verfluchter! Er hatte genug Geschichten über Männer und Frauen gehört, die in das Reich der Albenkinder geholt wurden. Keine dieser Geschichten nahm ein gutes Ende. Und doch … Wenn man beherzt auftrat, konnte man sie zuweilen dazu bringen, einem einen Dienst zu erweisen. Ob sie von dem Manneber wussten?
»Warum hilft mir Atta Aik … Atta Ajek … die Eiche?«
Der Fremde schwieg eine Weile. Mandred wünschte, er hätte dessen Gesicht sehen können. Es musste wohl ein Zauber sein, der es so beharrlich vor seinen Blicken verbarg.
»Atta Aikhjarto muss dich für bedeutsam halten, Krieger. Bei manchen sehr alten Bäumen, so heißt es, reichen die Wurzeln so tief, dass sie in eurer Welt gründen, Mensch. Was immer Atta Aikhjarto um dich weiß, muss ihm so viel bedeuten, dass er einen großen Teil seiner Kraft für dich opfert. Er nimmt dein Gift in sich auf und gibt dir dafür von seinem Lebenssaft.« Der Fremde deutete auf die fallenden Blätter. »Er leidet statt deiner, Mensch. Und du hast fortan die Kraft einer Eiche in deinem Blut. Du wirst nicht mehr sein wie die anderen deiner Art, und du wirst …«
»Genug!«, unterbrach eine scharfe Stimme den Redefluss des Fremden. Die Äste des Baums teilten sich, und eine Gestalt, halb Mensch, halb Pferd, trat an Mandreds Lager.
Der Krieger schaute das Geschöpf fassungslos an. Nie zuvor hatte er von einer solchen Kreatur gehört. Dieses Mannpferd hatte den muskulösen Oberkörper eines Menschen, der aus dem Rumpf eines Pferdes wuchs! Sein Gesicht wurde von einem in Locken gedrehten schwarzen Bart eingerahmt. Das Haupthaar war kurz geschoren, und ein Goldreif ruhte auf seiner Stirn. Um die Schultern geschlungen trug er einen Köcher mit Pfeilen, und in der Linken hielt er einen kurzen Jagdbogen. Er hätte einen stattlichen Krieger abgegeben, wäre da nicht dieser rotbraune Pferdeleib gewesen.
Das Mannpferd verneigte sich knapp in Mandreds Richtung. »Man nennt mich Aigilaos. Die Herrin von Albenmark wünscht dich zu sehen, und man hat mir die Ehre übertragen, dich zum Königshof zu geleiten.« Er sprach mit tiefer, melodiöser Stimme, doch betonte er die Worte dabei auf seltsame Weise.
Mandred spürte, wie sich der eiserne Griff der Wurzeln lockerte und ihn schließlich ganz freigab. Doch er hatte nur Augen für das Mannpferd. Dieses seltsame Geschöpf erinnerte ihn an den Manneber. Auch er war halb Mensch, halb Tier gewesen. Wie mochte erst die Herrin dieses Mannpferdes aussehen?
Mandred tastete über seinen Oberschenkel. Die tiefe Wunde hatte sich geschlossen, ohne auch nur eine Narbe hinterlassen zu haben. Versuchshalber streckte er die Beine. Kein unangenehmes Kribbeln, keine Schmerzen mehr! Sie schienen völlig gesundet, so als wären sie niemals vom Frostbiss verstümmelt gewesen.
Vorsichtig stand er auf. Noch traute er der Kraft seiner Beine nicht. Durch die Sohlen seiner Stiefel fühlte er den weichen Waldboden. Das war Zauberei! Mächtige Zauberei, wie keine Hexe im Fjordland sie hätte wirken können. Beine und Füße waren tot gewesen. Jetzt war das Gefühl wieder in sie zurückgekehrt.
Der Krieger trat an den mächtigen Eichenstamm heran. Fünf Männer hätten den Baum mit ausgestreckten Armen nicht umfassen können. Er musste Jahrhunderte alt sein. Ehrfürchtig kniete Mandred vor der Eiche nieder und berührte mit der Stirn die zerklüftete Rinde. »Ich danke dir, Baum. Ich stehe mit meinem Leben in deiner Schuld.« Er räusperte sich verlegen. Wie bedankte man sich bei einem Baum? Einem Baum mit Zauberkräften, den der gesichtslose Fremde mit einer Ehrfurcht behandelte, als wäre er ein König. »Ich … Ich werde wiederkehren und dir zu Ehren ein Fest feiern. Ein Fest, wie wir es in den Fjordlanden begehen. Ich …« Er breitete die Arme aus. Es war jämmerlich, sich mit nichts als einem Versprechen bei seinem Lebensretter zu bedanken. Es sollte etwas Handfesteres sein …
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