Farodin und Nuramon waren verwundert, als sie merkten, wie alles um sie herum sich wandelte. Es wurde heller, der Nebel schwand, und der Boden verformte sich leicht. In der Ferne drangen die Wälder und die Berge aus der Finsternis, und die Insel im grünen Licht verwandelte sich in die Insel der Menschenwelt. Der Himmel wurde dunkelblau. Es dämmerte, und die Sterne gingen auf. Nuramon und Farodin standen da und staunten. So mächtig war der Torzauber ihrer Liebsten!
Noroelle atmete die Luft tief ein. »Es ist wunderschön.« Sie sah das Stundenglas, das im Muschelkreis stand, nahm es auf und ging voraus zur Insel. Am Stein blieb sie stehen und schaute zum Albenstern zurück. »Hier stand die Königin, als sie das Tor öffnete und mich fortschickte.« Sie zerschlug das Stundenglas an dem Stein. Das Glas zerbrach, und der Sand verteilte sich. »Nun schließt sich auch dieser Kreis.« Sie deutete zum Wald. »Dort auf der kleinen Lichtung hat Emerelle mir gesagt, dass ich jede Hoffnung vergessen soll. Ich würde alles verlieren, selbst das Mondlicht. Und sie hat es so liebevoll gesagt, als wäre nicht sie es, die das Urteil über mich sprach. Lasst uns dort hingehen!« Sie schritt voran. Ihre Liebsten nahmen die Taschen auf, die am Waldrand lagen, und folgten ihr.
Sie erreichten die Lichtung auf der anderen Seite der Insel. Hier hatten Farodin und Nuramon mit ihren Gefährten vor langer Zeit ein Lager aufgeschlagen. Nichts erinnerte mehr daran.
»Lasst uns hier sitzen«, sagte Noroelle. Sie fasste ihre Liebsten bei den Händen, und gemeinsam ließen sie sich im hohen Gras nieder. »Erzählt mir alles, was ihr erlebt habt. Alles. Ich möchte es wissen.«
Nuramon holte zwei Barinsteine aus seiner Tasche, die ihm Wengalf letzte Nacht geschenkt hatte, und legte sie ins Gras. Er sah Farodin fragend an, und dieser nickte. Dann begann er mit den Worten: »Als wir durch das Tor bei Atta Aikhjarto schritten und in die Andere Welt kamen, da erkannte ich, wie sehr sich diese Gefilde von unserer Heimat unterscheiden. Die Luft war trübe, und die Dinge schienen auf den ersten Blick nicht zueinander zu passen. Wir fanden die Spur des Mannebers, und als die Nacht kam, da lagerten wir in einem Wald. Und dort begann das Verhängnis …«
Farodin lauschte den Worten Nuramons und wurde ganz in ihren Bann geschlagen. Sein Gefährte besaß eine Erzählstimme, die mit keiner anderen zu vergleichen war. Er beneidete ihn ein wenig darum. Nuramon schreckte nicht davor zurück, Noroelle die Geschehnisse und Gräuel jener Nacht in allen Einzelheiten zu beschreiben. In Noroelles Gesicht konnte Farodin lesen, wie nahe ihr die Erzählung ging. Sie umfasste den Aquamarin, den sie an der geflochtenen Kette trug, und immer wieder stockte ihr der Atem. Die Erzählung von Farodins Heilung durch Nuramons Hände ließ sie zittern. Und Farodin spürte, wie sehr sein Herz klopfte. Er hatte diese Geschichte so noch nie aus dem Munde seines Gefährten vernommen. Als er von der Rückkehr nach Albenmark sprach und von Obilee und ihrem Empfang auf der Terrasse, fragte Nuramon, wie Farodin diesen Moment wahrgenommen hatte. Und fortan wurde ihre Geschichte ein Wechselspiel zwischen den beiden Gefährten.
Noroelle hing an jedem Wort, das ihre Liebsten sprachen. Sie lösten einander bald so harmonisch ab, als hätten sie in den letzten Jahrhunderten Tag für Tag ein großes Epos gelernt. Wenn sie von den Leiden erzählten, standen ihr die Tränen in den Augen. Wenn sie von den Eskapaden Mandreds erzählten, da musste sie lachen, selbst wenn sie derb waren und ihre Geliebten Wörter in den Mund nahmen, die sie früher wohl schockiert hätten. Sie erzählten bis spät in die Nacht hinein.
Nuramon endete mit den Worten: »Die Königin sagte uns, wir drei wären die letzten Albenkinder in der Anderen Welt. Dann schritten wir durch das Tor. Der Pfad nach Albenmark löste sich auf, und mit dem Schritt in die Zerbrochene Welt endete unsere Suche. Und das ist die Geschichte von Noroelle der Zauberin, von Farodin dem großen Recken, von Nuramon der alten Seele und von Mandred Torgridson, dem Menschensohn.«
Sie schwiegen lange und sahen einander an.
Noroelle wünschte sich, dieser Augenblick könne ewig währen. Sie ließ die Geschehnisse, die ihre Liebsten geschildert hatten, noch einmal an sich vorüberziehen. »Ich wünschte, ich könnte Mandred danken! Ich habe ihn nur so kurz gesehen, aber eure Worte haben ihn auch zu meinem Gefährten gemacht. Vielleicht steht den Menschen das Mondlicht tatsächlich offen. Und ihr, meine beiden, ihr habt mehr getan, als irgendwer von euch erwarten konnte. Ich gab euch die Steine, um euch vor dem Devanthar zu schützen. Nie und nimmer hätte ich erwartet, dass ihr nach mir suchen und mich befreien würdet.« Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich freue mich für euch, denn ihr werdet in Albenmark auf immer Helden sein. Besonders für dich freue ich mich, Nuramon. Du hast deine Erinnerung gefunden, und nun weißt du, was ich immer gespürt habe: dass du mehr bist, als du scheinst. In all den Jahren in meiner kleinen Welt habe ich gelernt, in mich hineinzublicken. Und auch ich bin mehr, als ich scheine. Denn auch ich trage die Seele einer gestorbenen Elfe in mir.«
Damit hatte Nuramon nicht gerechnet. »Auch du erinnerst dich an deine früheren Leben?«
»Ja. Früher hieß ich Aileen. Wie so viele starb ich in den Trollkriegen bei der Shalyn Falah. Dolgrim, der Herzog der Trolle, hat mich einst erschlagen.«
Farodin wich den Blicken Noroelles aus. Seine Liebste erinnerte sich an ihr früheres Leben! Dann musste sie sich auch an ihn erinnern.
Noroelle strich Farodin über die Wange. »Warum hast du es mir nicht gesagt? Warum hast du nicht gesagt, dass ich die Seele Aileens in mir trage?«
»Ich wollte nicht, dass du mich wegen einer alten Verpflichtung liebst.«
»Dann hast du aus dem richtigen Grund geschwiegen… Ich habe dir damals die ewige Liebe versprochen. Doch ich war Aileen, und als Noroelle habe ich euch beiden neue Versprechen gegeben. Ich habe euch gesagt, dass ich meine Entscheidung treffen würde, wenn ihr von der Elfenjagd zurückkehrt. Und dann habe ich sie offen gelassen, weil ich dachte, ich würde euch nie wiedersehen. Ich wünschte, ich könnte euch beide wählen. Und nun, da wir die einzigen Albenkinder in dieser Welt sind, wäre das gewiss ein kluger Pfad. Doch mir ist offenbar geworden, wem mein Herz gehört und was geschehen wird, wenn ich mich zu ihm bekenne.«
Farodin wurde unruhig. Sie hatten sich so lange um Noroelle gesorgt, dass ihre Entscheidung für eine Weile unwichtig geworden war. Doch nun kehrten sie auf ihrem Pfad dorthin zurück, wo sie damals am Beginn der Elfenjagd gestanden hatten. Und es gab jetzt keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen. Nun würde sich entscheiden, ob seine Suche nach Aileen und dann die Suche nach Noroelle, ja, ob sein ganzes Leben Früchte trug.
Nuramon war noch immer überrascht, dass Farodin Noroelle als Aileen kannte. Er musste an den Streit in Iskendria denken, wo er Farodin viele Vorwürfe gemacht hatte, weil er sich Noroelle lange Zeit nicht hatte offenbaren können. Nun verstand er, warum sein Gefährte es so gehalten hatte.
»Ich sehe, wie sehr euch meine Worte aufwühlen«, sagte Noroelle. »Ihr beide hättet eine erfüllte Liebe verdient. Wer wäre jemals so weit gegangen wie ihr? Welche Minneherrin hat jemals einen solchen Dienst empfangen? Doch ich kann nicht aus Dankbarkeit lieben.« Sie fasste Farodins Hand. »Du bist der Mann, den ich einst liebte, als ich Aileen war. Du warst alles, wonach ich mich damals sehnte. Doch ich bin schon seit langem Noroelle. Und Noroelle ist viel mehr, als Aileen einst war. Betrachte mich wie eine Elfe, die sich über die Jahrhunderte verändert hat und nicht dieselbe geblieben ist. Selbst du hast dich verändert, seit wir uns bei der Elfenjagd verabschiedeten. Du versteckst deine Gefühle nicht mehr.« Nun nahm sie Nuramon bei der Hand. »Und du bist gewachsen, wie ich es mir immer gewünscht habe. Wie ich selbst bist du so viel mehr als damals. Ich kann begreifen, wie du dich fühltest, als die Erinnerung emporkam … Die Frage ist: Waren Farodin und ich damals füreinander bestimmt? Oder hatten wir bereits unsere Zeit? Und war Aileen die Liebste Farodins, und ist Noroelle die Liebste Nuramons? Ich kenne die Antwort. Nach all diesen Jahren, die für mich vergangen sind, sollt ihr sie hören.«
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