Emerelle kam nun vor, fasste die Hand der jungen Königin Gishild und sprach: »Mandred hat wie ein Albenkind gelebt und ist wie einer unserer Helden gestorben. Mit ihm wollen wir jeden Menschen fortan als Albenkind betrachten. Denn selbst die Weisesten unter uns kennen nicht euer Geheimnis. Wir wissen nicht, woher ihr kamt und wohin ihr gehen werdet. Doch mein Herz würde sich freuen, wenn das, was ihr Fjordländer die goldenen Hallen der Götter nennt, nichts anderes wäre als das Mondlicht. Und wenn dies die Wahrheit ist, dann wird Mandreds Seele uns alle eines Tages dort erwarten, auch wenn er seinen Körper hier zurücklassen muss.«
Nuramon kamen erneut die Tränen. Der Gedanke, Mandred im Mondlicht wiederzusehen, rührte ihn. Er glaubte fest daran. Eine Seele verschwand nicht einfach. Und auch wenn fast alle Albenkinder mit ihrem Körper, ja sogar mit dem, was sie auf dem Leib trugen, im Mondlicht verschwanden, so waren es doch ausgerechnet die beseelten Bäume, denen man nachsagte, dass sie ihren Körper zurückließen, um ins Mondlicht zu schweben. Nuramon glaubte daran, dass es Mandred ebenso ergehen würde.
Farodin blickte auf die Stelle, an der Xern die Eichel vergraben hatte. Er und Nuramon hatten sich oft gefragt, wie Atta Aikhjartos Magie Mandred verändert hatte. Nun, am Ende des Weges, hatten sie die Antwort erhalten. Mandred war seit dem Tag, da er nach Albenmark kam, mit Atta Aikhjarto verbunden. Sein Körper würde sich nun mit der Seele Aikhjartos verbinden.
Die Königin berührte Farodin und Nuramon an den Schultern. »Meine beiden treuen Freunde, es ist Zeit für den Abschied. Der Zauber schreitet voran, die Albenpfade in die Andere Welt werden schwächer. Noch habt ihr Zeit dazu, allen euer Lebewohl zu sagen. Kommt!« Emerelle fasste sie beide an der Hand und führte sie zwischen der Trauergemeinschaft hindurch in die Mitte der Lichtung zu den Pferden.
Farodin und Nuramon hatten in der Nacht über Felbion und den Braunen gesprochen und beschlossen, sie zurückzulassen. Die beiden Pferde waren ihnen treue Gefährten gewesen und hatten es sich verdient, in Albenmark zu bleiben. Also hatten sie die Dinge, die sie mitnehmen wollten, in große Leinentaschen gepackt, die sich bequem über der Schulter tragen ließen. Nun redeten sie den Tieren gut zu. Zu ihrer Überraschung sträubten sie sich nicht, sondern schwenkten den Kopf immer wieder zu Yulivee.
»Bei dir werden sie auch weiterhin gut aufgehoben sein«, sagte Nuramon zu der Zauberin und trat zu ihr, während Farodin zu seinen Verwandten ging. Sie trug rote Trauergewänder, wie sie in Valemas üblich waren; sie waren von weitem Schnitt und aus feinstem Tuch gewoben. »Wir müssen nun Abschied voneinander nehmen. Du bist mir eine gute Schwester gewesen, auch wenn unsere gemeinsame Zeit nur von kurzer Dauer war. Alles, was mir gehörte, ist nun dein. Du trägst mein Vermächtnis, Schwester.«
»Ich werde es mit Würde tragen«, entgegnete Yulivee und zeigte ihr schelmisches Lächeln. »Und ich werde eine Sage schreiben, _Die Sage des Elfen Nuramon_. Sie wird sehr schmeichelhaft sein. Es wird eine lange Erzählung sein, von deiner Geburt bis zu diesem Augenblick. Anschließend werde ich sie bei Hofe vortragen. Dann werden deine Taten und die deiner Gefährten auf ewig gerühmt.«
»Du warst schon als Kind eine gute Erzählerin«, entgegnete Nuramon.
Sie lachte. »Ich komme ganz nach meinem Bruder.«
Nuramon dachte an den Tag zurück, da er Yulivee zum ersten Mal begegnet war. »Ich frage mich, was aus dem Dschinn und den Hütern des Wissens geworden ist.«
»Die Menschen haben die Bibliothek vernichtet.«
Nuramon senkte den Blick.
Yulivee legte die Hand unter sein Kinn und hob seinen Kopf. »Habe ich dir die Geschichte von der mutigen Yulivee erzählt, die auszog, um in Albenmark die Seelen der Dschinnen und die der Hüter des Wissens zu finden? Habe ich das? Nein?« Sie grinste. »Ich fand sie alle und habe sie nach Valemas gebracht. Wir haben dort eine Bibliothek errichtet. Das alte Wissen ist nicht verloren. Eines Tages werden sie sich an ihr früheres Leben erinnern.«
Nuramon schloss sie in die Arme. »Du bist einzigartig, Yulivee. Leb wohl!«
Sie küsste ihn auf die Stirn. »Grüße Noroelle von mir.« Sie hob den Finger in ironischer Drohung. »Und halte dich von den Ordensrittern fern.«
»Das werde ich!«, versprach Nuramon.
Nomja trat näher. Sie trug hellblaue Kleider aus schwerem Stoff, so wie alle Alvemerer an diesem Tag der Trauer. Sie hielt seinen alten Bogen in Händen. »Du solltest ihn mitnehmen. Er wird dir gute Dienste leisten.«
Nuramon schüttelte den Kopf. »Nein, er mag dir ein Zeichen sein. Doch nur, wenn du es willst. Ich habe die Erinnerung an meine früheren Leben erreicht. Und du kannst es ebenso. Dann wirst du dich an unsere Zeit in der Menschenwelt erinnern. Der Tod, der dich dort ereilte, wird verblassen und dir gewiss heldenhaft erscheinen.«
»Und der Bogen soll ein Zeichen dafür sein?«
»Du musst ihn nie spannen. Bogen und Sehne sind immer eins, wie die Seele und das Leben.«
Nomja nickte langsam. »Ich verstehe … Der Weg zur Erinnerung ist lang. Aber ich werde ihn beschreiten, Nuramon.«
»Leb wohl, Nomja!« Er schloss sie in die Arme. »Du warst mir eine gute Kampfgefährtin und eine Freundin.«
»Nuramon!«, rief eine bekannte Stimme, und Wengalf kam mit Thorwis herbei. Der König trug eine goldene Plattenrüstung, der Zwergenzauberer seine schwarze Robe.
Nuramon ging in die Hocke und legte seinem alten Freund die Hand auf die Schulter. »Danke für alles, Wengalf.«
Die Augen des Königs funkelten. »Ich werde Alwerich von diesem Tag erzählen, wenn er wiedergeboren ist. Er wäre gewiss gerne dabei gewesen.«
»Sage ihm, dass ich ihm seine letzte Heldentat nie vergessen werde. Und sag Solstane, dass es mir Leid tut.«
»Das werde ich.«
»Kennst du nun das Geheimnis deiner Schwerter?«, fragte Thorwis.
»Ja. Emerelle hat mir alles erzählt. Und meine Erinnerung ordnet sich allmählich. Ich verdanke euch Zwergen, was ich heute bin. Lebt wohl in euren alten Hallen und vergesst mich nicht.«
Während Nuramon sich nun von seiner Sippe verabschiedete, traf Farodin auf Giliath. Die Kämpferin lächelte ihn an.
Sie hatten sich im Morgengrauen vor Emerelles Burg getroffen, und Giliath hatte das Duell gewonnen. Sie hatte ihm einen Schlag auf die Wange versetzt. Damit war der Kampf entschieden gewesen. »In Valemas ist es Brauch, einem Freund eine Bitte zu erfüllen, bevor man geht«, sagte sie.
»Was ist es?«, fragte er und lächelte zurück. »Wünschst du noch ein Duell?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, diese Fehde ist endgültig ausgetragen … Wenn eines meiner Kinder ein Sohn sein sollte, darf ich ihm deinen Namen geben?«
»Wie viele Kinder gedenkst du denn zu bekommen?«
»Ein langer Krieg ist vorüber, Farodin. Das Sterben hat ein Ende. Es ist die Zeit des Lebens angebrochen. Unzählige Seelen wollen wiedergeboren werden.«
Ihr Lachen drang zu Nuramon. Er wandte sich um, und sein Blick fiel auf Obilee, die abseits stand, als wollte sie das Geschehen aus sicherer Entfernung betrachten. Auch sie trug das blaue Gewand der Alvemerer. Er trat zu ihr. »Möchtest du dich nur von ferne von mir verabschieden?«, fragte er.
»Es ist nur …«, begann sie leise. »Es tut mir Leid, was ich in jener Nacht gesagt habe. Ich hätte schweigen sollen. Den Augenblick, den du mir geschenkt hast, hätte ich nicht annehmen dürfen.«
»Sag das nicht, Obilee. Der Augenblick war dein, und es liegt nichts Schlechtes in ihm.« Er fasste ihre Hand. »Bewahre diesen Moment in deiner Erinnerung als etwas Schönes. Farodin und ich werden nun gehen. Eines Tages werden wir stark genug sein, Noroelle zu befreien. Mach dir keine Sorgen um uns, sondern erinnere dich stets daran, dass wir in der Anderen Welt abseits von allem Übel leben und an dich und all die anderen denken. Wir werden uns ausmalen, wie du einem vortrefflichen Elfen begegnest und dich in ihn verliebst. Und wir werden uns fragen, wie viele Kinder du haben wirst und ob sie ihrer Mutter nacheifern werden. Eines Tages werden wir dich im Mondlicht wiedersehen. Und dann werden wir von dir die Wahrheit erfahren.« Er umarmte sie innig.
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