Ollowain zog sich stöhnend in den Sattel. »Das ist leicht«, stieß er gepresst hervor. »Du musst nur den Schmutz meiden.«
Der weiße Hengst stieg auf die Hinterbeine und hätte den Schwertmeister fast abgeworfen. Ollowain griff in die Mähne. Aus dem Sattel hatte er einen guten Überblick über die Kämpfe. Die Trolle zogen sich zurück. Sie wurden jetzt von allen Seiten bedrängt. Obwohl sie noch immer Widerstand leisteten, stand ihre Niederlage außer Frage. Die eigentliche Schlacht war vorüber. Was nun folgen würde, war das Gemetzel. Mitten im Getümmel steckte Alfadas. Auch er hatte ein neues Pferd. Ollowain fragte sich, ob sein Ziehsohn den Tod suchte. Die Grenze zwischen Mut und selbstmörderischer Tollkühnheit hatte Alfadas längst überschritten. Der Elf gab seinem Hengst die Sporen und trieb ihn ins Gedränge der Schlacht.
Das große Pferd strauchelte. Dicht an dicht lagen Tote und Sterbende auf dem Eis. Es stank nach Blut und Exkrementen. Der Himmel hatte den Atem angehalten. Es regte sich nicht der leiseste Lufthauch.
Die Trolle schafften es noch einmal, die Umklammerung ihrer Feinde zu durchbrechen. Sie eilten der Palisade entgegen. Wenn sie sich im engen Passweg verschanzten, dann hätten Menschen und Elfen keinen Vorteil mehr von ihrer Übermacht.
Ollowain trieb seinen Hengst voran. Dumpfer, pochender Schmerz in seinem Bein quälte ihn. Er überließ es anderen, die Flüchtenden niederzustechen. Sein Ziel war der gedrungene Krieger, der in der Bresche des Walls stand. Er drückte eine zierliche, weiße Gestalt an sich. Der Schwertmeister fluchte. Sie hatten Emerelle! Dann war also die Palisade gefallen, und die Flüchtlinge waren besiegt. Sie kamen zu spät!
»Ich verlange freien Abzug!«, rief der Troll mit sich überschlagender Stimme. »Ich bin Dumgar, der Herzog vom Mordstein. König Branbart wird meinen Tod fürchterlich rächen, wenn ihr mir etwas zu Leide tut.« Der Troll hob die Rechte. Darin hielt er ein langes Knochenmesser. »Und ich werde der Tyrannin die Kehle ...« Ein Pfeil riss Dumgar die Waffe aus der Hand. Der Trollherzog schrie auf. Emerelle ließ sich nach vorn fallen und versuchte dem Herzog zu entkommen.
Ollowain riss an den Zügeln und glitt aus dem Sattel. Eine heiße Woge von Schmerz erfasste ihn, als er sein verletztes Bein belastete. Humpelnd eilte er der Königin entgegen. Dumgar versuchte Emerelle zu packen. Er griff nach ihrem langen Haar. In der Linken schwang er eine Keule.
Plötzlich stand ein schlanker Krieger vor ihm. Alfadas zog dem Troll sein Schwert mitten über den Bauch. Dann drehte er sich zur Seite, duckte sich und rammte Dumgar einen Dolch in die Kniekehle.
Ollowain erreichte Emerelle. Der Königin waren die Hände auf den Rücken gebunden. Man hatte ihr einen Knebel in den Mund gesteckt und eine Lederbinde über die Augen gelegt. Er schloss sie in die Arme. »Du bist in Sicherheit, Herrin.«
Der Trollfürst presste seine Hände auf den Leib. Blutige Gedärme rutschten aus dem klaffenden Schnitt. Alfadas stand dicht vor Dumgar. Er hielt ihm einen schlanken Dolch entgegen. »Kennst du diese Waffe, Mörder? Sie gehörte einem Kind. Ich werde dir damit deine Leber herausschneiden und sie dann an meinen Hund verfüttern. Und solltest du wiedergeboren werden, so schwöre ich dir, werde ich dich finden und noch einmal töten.«
»Du bist sicher der Elfenjarl«, stieß Dumgar hervor. »Du kommst zu spät!« Ein Hustenkrampf schüttelte ihn. Er ging in die Knie. Noch immer hielt er mit beiden Händen seinen Leib umklammert. »Du hast ein hübsches, blondes Weib, dem du einen dicken Bauch gemacht hast, nicht wahr. Meine Jäger haben sie letzte Nacht im Wald gefunden. Von ihrem Stolz ist da nicht mehr viel geblieben.«
Alfadas ließ den Dolch sinken. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
Der Troll zog seine Hände zurück. Bläuliche Darmschlingen quollen aus seinem feisten Leib und platschten in den Schnee.
»Es war köstlich, ihr begegnen zu dürfen.« Dumgar hustete. Weitere Darmschlingen quollen ihm aus dem Leib. »Sie liegt vor dir«, stieß er keuchend hervor. »Sie liegt vor dir!«
Hustend sank er vornüber in den Schnee.
Ulric rieb sich über die nackten Arme. Er fror erbärmlich. Gundar hatte nicht Recht behalten. Ihre Kleider waren nicht trocken geworden. Und das Feuer war verloschen. Sie saßen schon eine Ewigkeit in der Dunkelheit. Die Kälte hatte Ulric geweckt. Er hätte nicht einschlafen sollen! Aber er war so müde gewesen. Er hatte verschlafen und kein neues Holz auf die Glut gelegt. Er könnte heulen vor Wut. Aber es half nicht. Er hatte die Asche durchwühlt in der Hoffnung, wenigstens noch einen winzigen Funken zu finden. Vergebens. Er hätte nicht einschlafen dürfen!
Halgard machte ihm keine Vorwürfe. Sie sprach schon lange nicht mehr. Ihre Zähne klapperten. Ihre Hände fühlten sich eisig an.
Wenn wenigstens Blut zurückkehren würde! Ob er wohl noch lebte? Ulric lauschte in die Finsternis. Er betete, das leise Plätschern von Wellen zu hören. Aber es war totenstill.
Totenstill! Ulric musste an Halgards Worte denken. Sie lagen hier in einem Grab. Yilvina atmete nicht. Der Troll... Manchmal glaubte Ulric zu hören, wie er sich ganz leise bewegte. Der Kerl war heimtückisch! Vielleicht hatte er sich ja nur tot gestellt? Oder er war eine Weile ohnmächtig gewesen. Und jetzt wartete er darauf, sie anzugreifen.
Trolle waren heimtückisch, hinterhältig und unbegreiflich! Er dachte daran, wie ihn der Troll mit den Brandnarben auf dem Bauch in Honnigsvald gepackt und ihm seinen Dolch abgenommen hatte. Der Mistkerl hatte sich gar nicht dazu herabgelassen, richtig mit ihm zu kämpfen. Seinen Dolch hatte er einfach weggeworfen. Und dann hatte der Troll ihn zu dem Platz gebracht, wo alle geschrien hatten. Ulric wusste, was da getan wurde! Er hatte es gesehen.
Dort hätte auch er umgebracht werden sollen.
Doch dann war dieser andere Troll mit dem Steinhammer im Gürtel gekommen. Die beiden hatten geredet. Der Steinhammertroll hatte Ulric dann lange angesehen und ihm schließlich etwas in seiner Grenzsprache gesagt. Ulric hatte das natürlich nicht verstanden, aber er hatte begriffen, dass er gehen durfte. Halgard hatte er schnell wieder gefunden. Er war gut darin, Halgard wieder zu finden!
Sie war sehr erleichtert gewesen, als er zurückgekehrt war. Ganz wie in der Stadt, als er von Großvaters Schlitten gesprungen war. Er hatte Erek gesagt, er werde nach hinten zu Kalf und Mutter gehen. Da hatte er gelogen. Hoffentlich würde Großvater ihm das verzeihen.
Halgard war verloren gegangen, als die Schlitten losgefahren waren, ganz wie er es befürchtet hatte. Aber er hatte sie gleich gefunden. Sie hätten es sogar fast noch geschafft, den letzten Schlitten zu erreichen, hätten nur die Wachen das Stadttor nicht so schnell geschlossen ... Als dann Trolle nach Honnigsvald gekommen waren, hatten sie ihn und Halgard wie alle anderen zum Ufer des Fjords gebracht. Und dann hatten sie damit angefangen, einzelne Männer und Frauen zu holen. Ulric erinnerte sich an die Schreie. Das war schlimm gewesen. Daran sollte er nicht denken! Es machte ihm selbst jetzt noch Angst.
Er starrte in die Dunkelheit.
Wenn er nur ein klein wenig sehen könnte! Ulric hob die Hand und bewegte sie langsam auf sein Gesicht zu. Selbst als die Handfläche seine Nasenspitze berührte, konnte er sie nicht erkennen. Zu Hause war es nie so dunkel gewesen. Selbst wenn die dicke Wolldecke vor seiner Nische zugezogen war, kam immer noch ein leichter Lichtschimmer herein. Es war, als habe er keine Augen mehr im Kopf. Er stutzte. Konnte das sein? Vielleicht hatte der Troll ihm ja die Augen fortgehext?
Ulric tastete nach seinem Gesicht. Nein. Sie waren noch da.
»Hast du auch Angst?«, fragte Halgard.
Der Junge konnte ihre Worte kaum verstehen, so schwach war ihre Stimme.
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