»Es ist nicht so weit«, schnaufte Hilfy, die den Planeten später verlassen hatte als die anderen. »Bestimmt haben sie die Landung gehört. Er wird Bescheid wissen.«
»Er muss«, stimmte Haral zu.
Auch die anderen, dachte Pyanfar und verlangsamte mit Bedacht ihr Tempo. Eile führte zu Erschöpfung, und das wäre wirklich keine kluge Maßnahme. Tully folgte ihrem Beispiel und verkürzte seine langen Schritte; die Llun, die zurückgeblieben war, holte wieder auf. Die Mähnen flatterten im Wind, am stärksten die von Tully. Die Sonne strahlte mit milder Wärme herab: Herbst, erkannte Pyanfar und sah sich um, bemerkte die schweren Spitzen des Grases und die Färbungen der Landschaft. Insekten erhoben sich panisch in die Luft und setzten sich dann wieder.
»Sie schicken sicher einen Wagen«, meinte Chur, »wenn sie uns entdeckt haben.«
»Ich hoffe«, sagte Pyanfar; aber bislang hatte sich niemand blicken lassen; es gab keine Staubfahne, nichts in der Art. »Vielleicht«, überlegte sie, »haben sie alle Hände voll zu tun. Es wäre auch nicht gut, wenn sie von dort weggingen, nicht, wenn sich die Lage zugespitzt hat.«
Niemand antwortete darauf. Es erforderte keine Antwort. Sie ging weiter, begab sich in die erste Reihe. Dies war vertrauter Boden; sie kannte ihn schon seit ihrer Kindheit. Sie erreichten einen Bach und durchwateten sein knöcheltiefes Wasser; als sie auf der anderen Seite herauskamen, war Tully am Hinken. »Er hat sich den Fuß geschnitten«, sagte Chur und stützte ihn, während er den Fuß hob, um ihn zu untersuchen. »Du kommst mit!« sagte Pyanfar unnachsichtig, und er nickte, schnappte nach Luft und ging weiter.
Es war jetzt nicht mehr allzu weit. Sie erreichten die zu den Toren führende Straße, auf der sie alle — vor allem Tully — leichter gehen konnten. Pyanfar wischte sich die Mähne aus den Augen und begutachtete den Weg voraus, wo sich der Goldstein der äußeren Wälle der Chanur-Holding über den Horizont erstreckte — keine Verteidigungsanlage, sondern ein Hemmnis für Gartenschädlinge und ähnliches —, gegen das die freie Ebene in grasigen Wellen wogte. Dahinter — weitere Bauwerke aus demselben goldenen Gestein. Dort gab es mit Sicherheit Wagen… hinter ihnen, weiter die Straße hinab, den Flughafen. Von dort würden alle gekommen sein, die ganzen interessierten Parteien und Schmarotzer, nur nicht die Abenteurer aus den Bergen, aus den Einsiedeleien und Freistätten, die über das Land gekommen waren und an den Grenzen herumschlichen; gewiss waren Fahrzeuge über diese Straße hineingefahren, hatten die Tore durchquert und standen jetzt auf dem Feld hinter dem Haus geparkt… dort, wo sie stets ihre Besucher unterbrachten.
Als Kohan ihren Onkel besiegt hatte…
Die Jahre rollten rückwärts und wieder vorwärts, ähnlich den Impulsen eines Sprunges, und hinterließen sie ebenso aufgewühlt. Heimwärts… mit der ganzen Geistesverfassung, die die Dinge so leicht nahm, so gottverdammt eifrig.
Die Natur. Die Natur war es, die Männer nutzlos machte, zu überempfindlich, um den Planeten zu verlassen, um irgendeine Position mit Verantwortung innezuhaben, die über die Liegenschaften hinausging. Die Natur war es, die ihnen Verstand und Stabilität vorenthielt.
Oder die Erziehung.
Die Tore aus Gitterwerk standen weit offen, führten zu einer Hecke aus rostbraunblättrigem Ernafya, das selbst im Herbst nach Moschus duftete, einer Hecke, die zu den inneren Toren und dem Haus führte, ein ununterbrochener und kopfhoher Gang. Sie durchquerte das Tor, blickte zurück, während die anderen sie einholten, und als sie sich dann wieder umdrehte…
»Pyanfar!« Jemand trat aus der Hecke hervor, ein Rascheln der Blätter; eine tiefe, männliche Stimme, und sie wirbelte herum, fuhr mit der Hand zur Tasche, dachte an jemanden aus den Freistätten. Sie erstarrte, ohne die Bewegung beendet zu haben, durch die um einen Herzschlag verspätete Erkenntnis — eine ihr bekannte Stimme, eine gebeugte Gestalt, die sich aufgerichtet hatte, beschmutzt und verunstaltet.
»Khym«, murmelte sie. Die anderen waren stehen geblieben und befanden sich in einem Schleier außerhalb der Brennweite ihrer Augen. Der Anblick tat ihr weh; makellos und würdevoll war Khym gewesen; jetzt aber hing sein rechtes Ohr in Fetzen, waren Mähne und Bart von einer Wunde verunstaltet, die von der Stirn bis zum Kinn verlief; ältere Wunden überzogen seine Arme; überhaupt war sein ganzer Körper eine Karte aus Verletzungen, alten und neuen. Er sank zu Boden, kauerte sich noch halb innerhalb der Hecke zusammen, und die Knie standen aus den Lumpen seiner Hose hervor. Er senkte den verschmutzten Kopf und blickte wieder auf, schielte aus dem geschwollenen rechten Auge.
»Tahy«, sagte er mit schwacher Stimme. »Sie ist drinnen. Sie haben die Tore niedergebrannt… Ich habe gewartet — auf dich gewartet.«
Sie starrte bestürzt auf ihn hinab, die Ohren heiß wegen der Anwesenheit ihrer Besatzung und der Llun — auf dieses Wrack, das ihr Gefährte gewesen war, das auch diesen Namen verloren hatte, als Mahn von ihm an ihren Sohn gefallen war.
»Sie haben in der Halle Feuer gemacht«, stammelte Khym; sogar seine Stimme war nur noch ein Schatten ihres früheren Klanges. »Chanur hat sich nach innen zurückgezogen. Die anderen rufen nach Na Kohan — aber er kommt nicht heraus. Die Faha haben ihn im Stich gelassen — alle außer… außer Ker Huran; Araun ist noch da. Sie haben Gewehre benutzt, um die Tore niederzubrennen, Pyanfar.«
»Kohan wird jetzt kommen«, sagte Pyanfar. »Und ich erledige Tahy.« Sie machte Anstalten zu gehen, zögerte dann aber. »Wie bist du nach Chanur gekommen? Weiß Kohan Bescheid?«
Das gesunde Auge sah zu ihr auf; aus dem schielenden anderen, das fast geschlossen war, strömte Flüssigkeit. »Bin gegangen. Lange her. Habe vergessen, wie lange. Na Kohan ließ mich…, bleiben. Wusste, dass ich hier war, ließ mich aber bleiben. Geh weiter, Pyanfar! Geh weiter! Du hast keine Zeit mehr.«
Sie ging weiter, die zum Haus führende Straße entlang, nicht ohne zurückzublicken. Und Hilfy ging neben ihr her, auch Chur und die Llun, aber Tully… Tully war zurückgeblieben, starrte auf Khym hinab, und Khym streckte eine Hand aus, um ihn festzuhalten, nur um ihn zu betrachten…
Khym, der sich über die von ihr erzählten Geschichten gefreut hatte, über die Geschichten von fremden Häfen und Außenseitern, und der noch nie ein Schiff und noch nie einen Außenseiter gesehen hatte, bis jetzt nicht…
»Tully!« rief sie, und Haral packte ihn am Arm und brachte ihn schnell. Und dann: »Khym..
.« rief sie; Aus einem einzigen Grund — aus Scham. Kohan war genauso weich gewesen.., als Khym hierher in sein Exil gestreunt war, um einen besseren Tod zu finden als den von fremder Hand.
Er sah zu ihr auf, ein langsames Erwachen der Hoffnung. Sie nickte in Richtung des Hauses, und er rappelte sich auf und folgte ihnen; sie wartete gerade lange genug, um sich davon zu überzeugen, drehte sich dann sofort um und marschierte rasch die staubige Straße entlang, beäugte die Hecken, die ihrer Krümmung folgten. Sie dachte an Hinterhalt; aber das war eine Methode von Außenseitern, etwas für Kif und Mahe, nicht für Hani beim Versammeln…
Aber…
»Verteilt euch!« sagte sie und gab der Besatzung einen Wink.
»Die Gartenwand — geht dorthin, und wir erledigen diese Tochter von mir. Hilfy, du gehst mit Haral. Chur, du nimmst Tully. Ker Llun, du und ich, wir gehen durch das Tor.«
Ginas Llun nickte, die Ohren flach angelegt vor Erschöpfung, und während die anderen sich in entgegengesetzte Richtungen durch die Hecke verstreuten, steckte Pyanfar die Hände in den Gürtel und schritt rasch um die Biegung der Straße und auf die inneren Tore zu. Schritte schlurften hinter ihr — das war Khym; sie drehte den Kopf, um nachzusehen, um ihn mit einem Nicken zu ermutigen, sie selbst in grellroter Seide, ihre Begleiterin in beamtenschwarz, und Khym… in schmutzigen Lumpen, die möglicherweise einmal blau gewesen waren. Er näherte sich ihr, kam an ihre Seite, humpelte etwas; und, Götter, der Gestank von Eiter aus seinen Wunden… aber er hielt tapfer mit.
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