»Wir hatten schon«, sagte Chur. Der Reihe nach senkten sich die Körper, als sich alle zurücklegten. Tully versuchte mit Handzeichen und verstümmelten Wörtern zu reden, und Hilfy und Chur verständigten sich mit ihm, so gut es ging, sprachen langsam über etwas, das mit dem Schiff und der Atmosphäre zu tun hatte. Ihm war kalt; sie hielten ihn fest und ließen sich endlich nieder. Pyanfar rollte mühsam die Augen zu Haral und schloss sie dann wieder, vom Schmerz betäubt.
Für keine der beiden Situationen, die auf der Station und die auf dem Planeten, konnten sie jetzt noch etwas tun. Kohans Nerven würden mittlerweile schon fast ausgefranst sein. Diese Hinundher-Psychologie der Herausforderung würde stündlich an ihm fressen. Es war, wie wenn man sich den Mut für einen Sprung zuredete und dann zurückwich. Der zweite Versuch fiel dann noch schwerer, eine Anstrengung aus dem Herzen heraus. Die Götter wussten, wie lange schon die Situation an Kohans Nerven sägte. Monate. Seit der Nacht, in der Hilfy fortgegangen war. Vorher schon — seit er wusste, dass Khym Mahn wahrscheinlich unter der Herausforderung fiel. Es gab einen Punkt, über den hinaus er alles Essen wieder hochwürgen würde, das er zu sich zu nehmen versuchte; er die ganze Nacht herummarschierte und damit seine Kräfte erschöpfte, auch durch den ständig hohen Adrenalinspiegel, der ihn innerhalb von Tagen bis auf Haut und Knochen verzehren würde.
Huran und einige der anderen Gefährtinnen waren geblieben. Da waren auch noch seine zwei jüngsten Söhne, die zu den Grenzen rannten, wenn sie auch nur ein bisschen Verstand besaßen, um nicht in seiner Reichweite zu bleiben. Da waren gut zwanzig Töchter, die vielleicht genug Wert an den Tag legten, um darauf zu achten, dass er aß und schlief, soviel nur möglich war, wenn diese Zeit heranrückte. Töchter, Gefährtinnen und mit den anwesenden Kapitänen noch ein paar Halbschwestern, die von allen am zuverlässigsten waren. Aber es gab auch noch ausgewachsene Chanur-Männer, die vielleicht aus dem Exil zurückkamen, um die Situation weiter hochzutreiben; zurück vom Einsiedlerleben, vom Umherwandern, von die Götter wussten welchen Beschäftigungen, die das Leben der Männer in den Freistätten ausfüllten. Sie waren bei jeder Herausforderung dabei; hoffnungslos, aufgestachelt und gefährlich trieben sie sich an den Grenzen herum.
Was den jungen Kara Mahn anging, so war er wahrscheinlich gut. Er hatte Khym bezwungen, der bis dahin weit mehr durch seinen Verstand als durch Kraft überlebt hatte.
Kara hatte das letzte mal, als sie ihn gesehen hatte, sowohl Körpergröße als auch Intelligenz versprochen. Chanurblut, letztendlich, und Chanurtemperament. Sie verfluchte ihre Dummheit, einen Gefährten wie Khym gesucht zu haben — einen ruhigen und friedlichen Wohnsitz, eine Bergzuflucht und Khym, einen Ruheort, einen Garten wie in einem Traum.
Khym hatte ihren Geschichten gelauscht, ihre Nerven beruhigt, sie mit seinem Witz zum Lachen gebracht; ein idealer Gefährte, der keinerlei Bedrohung für Chanur-Interessen darstellte. Aber, Götter, sie hatte nie daran gedacht, was sie an jenem Ort zurückließ, ihren eigenen chanurblütigen Sprössling, größer als Khyms Töchter und Söhne von örtlichen Ehefrauen, größer und stärker und auch — wenn solche Dinge vererbt werden konnten — streitsüchtig und fordernd.
Nichts Derartiges wie Familientreue. Ihr Sohn begehrte sein Chanur-Erbe so sehr, dass er es sich aneignen wollte.
Verbesserung der Rasse hatten es die Hani-Philosophen genannt. Churrau hanim. Der Tod von Männern bedeutete nichts, nichts außer der stattfindenden Veränderung: der Han passte sich an, und die Überlebenden zeugten dann die Jungen. Ein Mann war so gut wie jeder andere und diente seinem Zweck gut genug.
Aber, bei den Göttern, es stimmte nicht, denn es gab die Jungen und Rücksichtslosen, die vielleicht eines schlechten Tages gegen einen besseren Gegner gewinnen konnten; es gab Herausforderungen wie die jetzige, die sich gegen Chanur bildete, die mehr bedeutete als den Kampf von einem gegen einen.
Und manchmal — Götter — liebte man sie.
Sie schlief etwas in der stetigen Beschleunigung und bei Empfindungen, die so unbehaglich waren, dass Betäubung die beste Zuflucht war. Und in der Verwirrung von Sprung und Zeit ließ sich ihr Körper überreden, dass Freischicht war oder vielleicht die Schicht darauf.
Eine neue Wahrnehmung holte sie aus diesem Zustand heraus, Gewichtslosigkeit und jemandes Zupacken, das sie am Davonschweben hinderte, als ein Licht aufblitzte. »Zeit zum Abstieg«, sagte Haral, und Pyanfar langte vorsichtshalber nach einem sicheren Halt.
Es war ein rauer Abstieg; sie hatte nichts anderes erwartet. Sie besaß keine Vorstellung von der Form des Landers, aber es handelte sich nicht um eine der geflügelten, gleitenden Fähren. Der Lander hämmerte sich auf die Art seiner Modellreihe seinen Weg nach unten, und seine Vibrationen drangen in das Mark lebendiger Knochen und ließen Haut und Gewebe und die Augen in ihren Höhlen erzittern; man konnte nichts anderes machen, als durchhalten und sich verzweifelt wünschen, dass es etwas zu sehen gab, dass es etwas für die Hände zu tun gab, irgendeine Folge von Dingen, die Nachdenken und Erledigung erforderte.
Es ging soweit, dass Pyanfar einfach die Augen schloss und ihre wahrscheinliche Position zu errechnen versuchte; sie kam zu dem Schluss, dass ihr die Rolle eines Fahrgastes nicht zusagte. Dann nahm der Lärm zu und das Zerren änderte die Richtung — Götter, dieser Lärm! Sie hörte etwas und hoffte inbrünstig, dass es die ausfahrenden Landebeine waren.
Sie befanden sich jetzt im geradlinigen Abstieg — Vibrationen rhythmischer Art.
Aufsetzen, erst ein Fuß und dann die anderen, ein Ruck und noch eine Folge kleinerer Rucke, dann Stille.
Pyanfar zuckte mit den Ohren im plötzlichen Gefühl, taub zu sein, blickte sich dann zu ihren durchgeschüttelten Kameradinnen um. Oben und Unten hatten sich verlagert; der kardanisch aufgehängte Fahrgastbereich hatte sich reorientiert, so dass der Zentralkorridor jetzt flach und begehbar war. »Raus!« sagte Pyanfar. »Wollen wir mal schauen, wo sie uns abgesetzt haben.«
Hilfy schloss die gepolsterte Sicherheitsbarriere auf, und sie gingen. Hydraulische Systeme arbeiteten geräuschvoll, und als sie bis zum Leitstand gekommen waren, flutete Tageslicht durch die offene Schleuse auf das metallische Deck.
Die anderen stiegen aus. Pyanfar zögerte einen Moment der Höflichkeit lang, um der Rau- Besatzung zu danken, die ihr Schiff gesichert hatte und aus dem Leitstand geklettert kam.
»Wenn ihr mitkommt«, sagte Pyanfar, »nun, dann seid ihr auf Chanur-Land willkommen. Oder wenn ihr hier bleibt — wir bringen weitere Fahrgäste, sobald wir können.«
»Wir warten«, sagte Nerafy Rau. »Wir haben euch dicht herangebracht, Chanur. Wir halten das Schiff startbereit. Wir werden warten!«
»Gut«, sagte sie. So zog sie es auch vor. Sie duckte sich unter den Rohren hindurch und schwang sich hinunter auf die ausgefahrene Leiter, kletterte auf die felsige Ebene hinab, wo sie gelandet waren, und blieb im keilförmigen Schatten des Landers stehen. Die Luft roch nach Verbranntem und nach heißem Metall; das Schiff knackte und ächzte und Rauch kräuselte sich aus dem naheliegenden Gestrüpp.
Nach Bodenzeit war es Mittag. Die Schatten zeigten es. Pyanfar gesellte sich zu den anderen und blickte dorthin, wohin Chur deutete, zu den Gebäuden, die sich am grasbewachsenen Horizont zeigten: die Chanur-Holding; Faha war noch weiter entfernt. Und die Berge, die sich rechts von ihnen in blaue Weiten erhoben — dort lag die Mahn-Holding.
Wirklich nicht weit.
»Kommt!« sagte Pyanfar. Durch den Blick in die Ferne war ihr schwindelig geworden, und so verkürzte sie ihren Blick auf die felsige Strecke vor sich. Der Horizont lag verkehrt; und die Farben, Götter, die Farben … Die Welt besaß eine grelle Helligkeit, eine Fülle an Stoffen, den Duft von Gras und Staub und das Gefühl des warmen Windes. Man konnte sich daran berauschen; man hatte schnell genug davon, und der Anblick erfüllte sie für einen Moment mit irrationaler Panik, ein Hinübergleiten von einer Wirklichkeit in die andere.
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