Anfang Juni standen die Bäume in vollem Laub, trieben die Rosen aus. Überall in der Stadt erblühte die altmodische, Portland Rose genannte Sorte so unverwüstlich wie Unkraut an dornigen Ranken. Alles ging wieder seinen gewohnten Gang. Die Wirtschaft erholte sich wieder. Die Leute mähten ihre Rasen.
Orr stattete dem Staatlichen Sanatorium für Geisteskranke in Linnton, ein wenig nördlich von Portland, einen Besuch ab. Der in den neunziger Jahren errichtete Komplex stand auf einer großen Klippe mit Ausblick auf die Marschen des Willamette und die gotische Eleganz der St. Johns Bridge. Ende April und im Mai waren sie hier vollkommen überbelegt gewesen, da es nach den unerklärlichen Ereignissen des Abends, die inzwischen nur noch als »Bruch« bezeichnet wurden, zu einer regelrechten Seuche von Nervenzusammenbrüchen gekommen war; aber das hatte nachgelassen, und jetzt entsprach die Routine in der Nervenheilanstalt wieder der personell unterbesetzten, überfüllten schrecklichen Norm.
Ein großer Pfleger mit sanfter Stimme brachte Orr nach oben zu den Einbettzimmern im Nordflügel. Die Tür, die in diesen Flügel führte, war, wie die Türen zu den Zimmern auch, schwer, mit einem kleinen Guckloch in einer Höhe von einem Meter fünfzig ausgestattet, und alle Türen waren abgeschlossen.
»Nicht, daß er Ärger machen würde«, sagte der Pfleger, als er die Korridortür aufschloß. »Ist nie gewalttätig geworden. Aber er übt einen schlechten Einfluß auf die anderen aus. Wir haben es schon auf zwei verschiedenen Stationen mit ihm versucht. Keine Chance. Die anderen haben Angst vor ihm, so was habe ich noch nie gesehen. Sie beeinflussen einander alle und haben Panikanfälle und unruhige Nächte und so weiter, aber nicht so. Sie haben Angst vor ihm. Kratzen nachts an den Türen, um von ihm wegzukommen. Und dabei liegt er einfach immer nur da. Na ja, früher oder später werden Sie es mit eigenen Augen sehen. Ich nehme einmal an, ihm ist es gleichgültig, wo er sich befindet. Da sind wir«
Er schloß die Tür auf und ging vor Orr in das Zimmer. »Besuch, Dr. Haber«, sagte er.
Haber war dünn. Der blauweiße Schlafanzug hing wie ein Sack an ihm. Sein Haar und der Bart waren kurz geschnitten, aber gepflegt und ordentlich. Er saß auf dem Bett und blickte in die Leere.
»Dr. Haber«, sagte Orr, aber seine Stimme versagte; er verspürte enormes Mitleid, aber auch Angst. Er wußte, was Haber sah. Er hatte es ebenfalls gesehen. Er sah Welt nach dem April 1998. Er sah die Welt, wie der Verstand sie mißverstand: den bösen Traum.
In einem Gedicht von T. S. Eliot gibt es einen Vogel, der behauptet, daß die Menschheit nicht viel Wirklichkeit ertragen kann; aber der Vogel irrt sich. Ein Mensch kann das ganze Gewicht des Universums achtzig Jahre lang ertragen. Das Unwirkliche erträgt er nicht.
Haber war verloren. Er hatte den Kontakt verloren.
Orr wollte etwas sagen, fand aber keine Worte. Er ging langsam hinaus, und der Pfleger, der ihm nicht von der Seite wich, machte die Tür zu und schloß sie ab.
»Ich kann es nicht«, sagte Orr. »Es gibt keinen Weg.«
»Keinen Weg«, sagte der Pfleger.
Als sie den Flur entlanggingen, fügte er mit seiner sanften Stimme hinzu: »Dr. Walters sagte mir, daß er ein sehr prominenter Wissenschaftler gewesen ist.«
Orr kehrte mit dem Boot in die Innenstadt von Portland zurück. Im Nahverkehr herrschte noch ein heilloses Durcheinander; Bruchstücke, Überbleibsel und Anlagen von sechs verschiedenen öffentlichen Verkehrsmitteln verstopften die Stadt. Reed College hatte eine U-Bahn-Haltestelle, aber keine U-Bahn. Die Seilbahn zum Washington Park endete an einem Tunnel, der halb unter dem Willamette hindurchführte und dann aufhörte. In der Zwischenzeit hatte ein geschäftstüchtiger Bursche ein paar der Boote wieder in Betrieb genommen, die den Willamette und den Columbia hinauf und hinunter gefahren waren, und benutzte sie für regelmäßige Fahrten zwischen Linnton, Vancouver, Portland und Oregon City als Fähren. Es war eine angenehme Reise.
Orr hatte für seinen Besuch im Sanatorium eine lange Mittagspause gemacht. Sein Arbeitgeber, der Außerirdische E’nememen Asfah, interessierte sich nicht dafür, wann die Arbeit gemacht wurde, ihm kam es nur darauf an, daß sie gemacht wurde. Wann man was machte, blieb einem selbst überlassen. Orr erledigte einen großen Teil seiner Arbeit im Kopf, wenn er am Morgen eine halbe Stunde halb wach im Bett lag, bevor er aufstand.
Es war fünfzehn Uhr, als Orr zum Kitchen Sink zurückkehrte und sich in der Werkstatt an sein Reißbrett setzte. Asfah befand sich im Vorführraum und bediente Kundschaft. Sein Personal bestand aus drei Designern, und er hatte Lieferverträge mit verschiedenen Herstellern, die alle möglichen Arten von Küchengeräten anfertigten, Schüsseln, Kochtöpfe, Besteck, Werkzeug, alles, ausgenommen schwere Elektrogeräte. Nach dem Bruch herrschte ein grauenhaftes Durcheinander in Industrie und Handel; nationale und internationale Regierungen waren wochenlang so überfordert gewesen, daß infolge dessen ein gewisses laissez-faire herrschte und kleine private Firmen, die diese Periode überstanden hatten oder während der Zeit gegründet worden waren, sich in einer guten Ausgangsposition befanden. In Oregon wurden eine Reihe dieser Firmen, die ausnahmslos mit materiellen Gütern der einen oder anderen Art handelten, von Aldebaranern geleitet; sie waren gute Manager und ausgezeichnete Kaufleute, mußten aber Menschen für jede Form von körperlicher Arbeit beschäftigen. Die Behörden mochten sie, weil sie Beschränkungen und Kontrollen seitens des Staates bedingungslos akzeptierten, denn die Weltwirtschaft kam langsam wieder auf die Füße. Die Leute redeten sogar schon wieder vom Bruttosozialprodukt, und Präsident Merdle hatte bis Weihnachten eine Rückkehr zur Normalität zugesagt.
Asfah machte in Groß- und Einzelhandel, und das Kitchen Sink war beliebt wegen seinen unverwüstlichen Waren und fairen Preisen. Seit dem Bruch kamen in immer größerer Zahl Hausfrauen, die die unbekannten Küchen neu möblierten, in denen sie seit jenem Abend im April kochten. Orr prüfte gerade ein paar Holzmuster für Schneidbretter, als er jemanden sagen hörte: »Ich hätte gern einen von diesen Schneebesen«, und weil ihn die Stimme an die Stimme seiner Frau erinnerte, stand er auf und warf einen Blick in den Vorführraum. Asfah zeigte einer mittelgroßen Frau um die Dreißig, mit brauner Haut und kurzem, drahtigem schwarzen Haar auf einem wohlgeformten Kopf etwas.
»Heather«, sagte er und trat näher.
Sie drehte sich um. Sie betrachtete ihn, wie es schien eine lange Zeit. »Orr«, sagte sie. »George Orr. Richtig? Wann haben wir uns kennengelernt?«
»Das war —« Er zögerte. »Sind Sie nicht Anwältin?«
E’nememen Asfah stand in seinem riesigen grünen Panzer da und hielt einen Schneebesen.
»Nee. Anwaltsgehilfin. Ich arbeite für Rutti und Goodhue im Pendleton Building.«
»Das muß es sein. Da bin ich einmal gewesen. Gefällt, gefällt Ihnen das? Ich habe es entworfen.« Er holte einen anderen Schneebesen aus dem Korb und führte ihn ihr vor. »Gut ausbalanciert, sehen Sie. Und er ist schnell. Normalerweise machen sie die Drähte zu straff oder zu schwer, außer in Frankreich.«
»Sieht gut aus«, sagte sie. »Ich besitze einen alten elektrischen Mixer, wollte so etwas aber wenigstens an die Wand hängen. Arbeiten Sie hier? Früher nicht. Jetzt fällt es mir wieder ein. Sie waren in einem Büro in der Stark Street, und waren bei einem Arzt in Freiwilliger Behandlung.«
Er hatte keine Ahnung, woran oder an wieviel sie sich erinnerte und wie es zu seinen eigenen multiplen Erinnerungen paßte. — Seine Frau hatte natürlich graue Haut gehabt. Es gab immer noch graue Menschen, hieß es, besonders im Mittleren Westen und in Deutschland, aber die meisten anderen hatten wieder eine weiße, braune, schwarze, rote, gelbe Farbe, oder Mischfarben. Seine Frau war eine graue Person gewesen, eine weitaus sanftmütigere Person als diese hier, dachte er. Diese Heather hatte eine große schwarze Handtasche mit Messingverschluß dabei, und wahrscheinlich einen Flachmann voll Brandy darin; sie kam hart rüber. Seine Frau war aggressionslos gewesen, und zwar couragiert, aber mit einem schüchternen Gemüt. Dies war nicht seine Gattin, sondern eine leidenschaftlichere Frau, lebhaft und mit Ecken und Kanten.
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