Orr nahm die Elektroden ab, deren Kabel wie Fadenwürmer zwischen Habers Schädel und dem Verstärker verliefen. Orr betrachtete die Maschine, deren Türen allesamt offenstanden; sie sollte zerstört werden, dachte er. Aber er hatte keine Ahnung, wie er das bewerkstelligen sollte, und auch nicht den Willen dazu. Zerstörung lag nicht in seiner Natur; und eine Maschine ist sogar noch unschuldiger und freier von Sünde als ein Tier. Sie kennt keinerlei Absichten, außer unseren eigenen.
»Dr. Haber«, sagte er und schüttelte die schweren, breiten Schultern ein wenig. »Haber! Wachen Sie auf!«
Nach einer Weile kam Bewegung in die massige Gestalt, und sie richtete sich auf. Sie war ganz schlaff und haltlos. Der massive, aber hübsche Kopf hing zwischen den Schultern. Der Mund stand offen. Die Augen blickten starr geradeaus in die Dunkelheit, in die Leere, in das Nicht-Sein im Zentrum von William Haber; sie waren nicht mehr milchig, sie waren leer.
Orr verspürte Angst vor ihm, Angst um Leib und Leben, und wich zurück.
Ich muß Hilfe herbeiholen, dachte Orr, allein werde ich nicht damit fertig … Er ging aus dem Büro, durchquerte ein unbekanntes Wartezimmer, lief die Treppe hinunter. Er war noch nie in diesem Gebäude gewesen und hatte keine Ahnung, was es sein mochte oder wo es sich befand. Als er draußen auf der Straße anlangte, wußte er, daß es sich um eine Straße in Portland handelte, mehr aber auch nicht. Er befand sich nicht einmal in der Nähe des Washington Park oder der Hügel im Westen. Diese Straße hatte er noch niemals vorher betreten.
Die Leere von Habers Wesen, sein wirkungsvoller Alptraum, der sich von dem träumenden Gehirn nach außen ausdehnte, hatte Verbindungen zerstört. Die Kontinuität, die stets zwischen den Welten oder Zeitverläufen von Orrs Träumen geherrscht hatte, war jetzt unterbrochen worden. Das Chaos hatte seinen Einzug gehalten. Er besaß wenig und zusammenhanglose Erinnerungen an die Existenz, in der er sich jetzt befand; sein gesamtes Wissen stammte fast ausschließlich aus den anderen Erinnerungen, den anderen Traumzeiten.
Andere Menschen, die nicht über sein Wissen verfügten, mochten besser für diese Veränderung der Existenz gewappnet sein: aber sie würden auch mehr Angst verspüren, da sie keine Erklärung dafür hatten. Sie würden feststellen, daß sich die Welt radikal, sinnlos und urplötzlich verändert hatte, ohne eine denkbare rationale Ursache für die Veränderung. Dr. Habers Traum würde in hohem Maße Tod und Schrecken nach sich ziehen.
Und Verlust. Und Verlust.
Er wußte, daß er sie verloren hatte; hatte es gewußt, seit er mit ihrer Hilfe in die schreckliche Leere um den Träumenden herum hinausgetreten war. Sie war ebenso unwiederbringlich dahin wie die Welt der grauen Menschen und das riesige, unechte Gebäude, in das er hineingelaufen war, nachdem er sie allein im Verfall und der Auflösung des Alptraums zurückgelassen hatte. Sie war fort.
Er versuchte nicht, Hilfe für Haber zu finden. Für Haber gab es keine Hilfe. Auch nicht für ihn selbst. Er hatte alles getan, was er jemals tun würde. Er wanderte weiter durch die fremden Straßen. Anhand der Anlage der Straßen konnte er erkennen, daß er sich im nordöstlichen Teil von Portland befand, eine Gegend, in der er sich nie besonders gut ausgekannt hatte. Die Häuser waren niedrig, und an den Straßenecken konnte er manchmal einen Blick auf die Berge werfen. Mount Hood ragte dunkelviolett und erloschen in den zunehmend dunkleren Aprilhimmel. Der Berg schlief.
Träumte, träumte.
Orr ging ziellos eine Straße entlang und dann die nächste; war so erschöpft, daß er sich manchmal einfach direkt auf dem Bürgersteig hinlegen und eine Weile ausruhen wollte, aber dennoch ging er weiter. Jetzt näherte er sich dem Industriegebiet, das näher am Fluß lag. In der halb zerstörten und halb verwandelten Stadt, einem Durcheinander und einem Chaos grandioser Pläne und unvollständiger Erinnerungen, herrschte die Regsamkeit eines Tollhauses; Feuer und Wahnsinn sprangen von Haus zu Haus über. Und dennoch gingen die Menschen wie eh und je ihren Verrichtungen nach: Zwei Männer raubten einen Juwelierladen aus, und dahinter kam eine Frau, die mit einem plärrenden, im Gesicht knallroten Säugling auf den Armen zielstrebig nach Hause ging.
Wo immer zu Hause sein mochte.
Sternenlicht fragte Nicht-Wesen: »Meister, existiert Ihr? Oder existiert Ihr nicht?« Aber es bekam keine Antwort auf die Frage …
Dschuang-Dsi , XXII
Irgendwann in dieser Nacht, als Orr versuchte, durch das Chaos der Vororte zur Corbett Avenue zu gelangen, hielt ihn einer der aldebaranischen Außerirdischen an und überredete ihn, mit ihm zu kommen. Orr folgte ihm fügsam. Nach einer Weile erkundigte er sich, ob es sich um Tiua’k Ennbe Ennbe handelte, aber er fragte es ohne innere Überzeugung und schien sich nicht besonders dafür zu interessieren, als der Außerirdische ihm wortreich erklärte, daß man ihn Jor Jor und den Außerirdischen selbst E’nememen Asfah nannte.
Der Außerirdische führte ihn zu seinem Apartment nahe beim Fluß, über einer Fahrradreparaturwerkstatt und gleich neben der Hope Eternal Gospel Mission, die heute Abend ziemlich überfüllt war. Überall auf der Welt bat man die verschiedenen Götter mehr oder weniger höflich um eine Erklärung dafür, was sich zwischen 6:25 und 7:08 Uhr pazifischer Standardzeit abgespielt hatte. Von unten tönte in süßem Mißklang ausgerechnet »Rock of Ages« herauf, als sie die dunkle Treppe zu der Wohnung im ersten Stock hinaufgingen. Dort schlug der Außerirdische vor, daß sich Orr auf das Bett legen sollte, da er müde aussah. »Schlaf, der das zerriß’ne Garn der Obhut wieder heilt«, sagte er.
»Zu schlafen, vielleicht träumen; ay, das ist der wunde Punkt«, entgegnete Orr. Die seltsame Art und Weise, wie die Außerirdischen kommunizierten, hatte etwas, dachte er; aber er war viel zu müde, um darüber nachzudenken, was das sein mochte. »Wo wirst du schlafen?« fragte er, als er sich auf das Bett fallen ließ.
»Nir gend wo«, antwortete der Außerirdische und zerlegte mit seiner tonlosen Stimme das Wort in drei gleichberechtigte Silben.
Orr bückte sich, um die Schnürsenkel zu lösen. Er wollte die Bettdecke des Außerirdischen nicht mit seinen Schuhen beschmutzen, damit würde er ihm seine Freundlichkeit schlecht vergelten. Beim Bücken wurde ihm schwindlig. »Ich bin müde«, sagte er. »Ich habe heute viel getan. Das heißt, ich habe etwas getan. Das Einzige, das ich jemals getan habe. Ich habe auf einen Knopf gedrückt. Meine ganze Willenskraft, die akkumulierte Kraft meiner gesamten Existenz, waren erforderlich, um diesen verdammten AUS-Knopf zu drücken.«
»Du hast wohl gelebt«, antwortete der Außerirdische.
Er stand in einer Ecke und hatte offenbar vor, unbegrenzte Zeit dort stehenzubleiben.
Er stand nicht da, dachte Orr: nicht in dem Sinne, wie er selbst stehen, sitzen, liegen oder sein würde. Er war in demselben Sinne da, wie man in einem Traum irgendwo ist.
Orr legte sich hin. Er spürte deutlich das Mitgefühl und die beschützerische Zuneigung des Außerirdischen, der auf der anderen Seite des dunklen Zimmers stand. Der Außerirdische sah ihn, nicht mit den Augen, als kurzlebig, fleischlich, ohne Panzer, ein seltsames, unendlich verwundbares Wesen, das in den Strömungen des Möglichen dahintrieb: etwas, das Hilfe brauchte. Ihm war das einerlei. Er brauchte Hilfe. Müdigkeit übermannte ihn, griff ihn auf wie eine Strömung des Meeres, in dem er langsam versank. »Er’ perrehnne«, murmelte er und kapitulierte vor dem Schlaf.
»Er’ perrehnne«, antwortete E’nememen Asfah lautlos.
Orr schlief. Er träumte. Es gab keinen wunden Punkt. Seine Träume kamen und gingen wie Wellen aus der Tiefsee, fernab von jedem Ufer, auf und ab, profund und harmlos, brachen sich nirgendwo, veränderten nichts. Sie tanzten ihren Tanz inmitten aller anderen Wellen im Meer des Seins. Durch seinen Schlaf schwammen die großen grünen Meeresschildkröten, tauchten voll schwerer, unerschöpflicher Anmut durch die Tiefen, waren in ihrem Element.
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