»Sie waren gut vorbereitet«, meinte Jessica.
»Wir haben achtzig Jahre unter den Harkonnens gelebt«, erklärte Kynes. Er führte sie in die Dunkelheit hinein und schloß die Tür hinter sich.
In der Finsternis erkannte Jessica einen auf dem Boden liegenden, leuchtenden Pfeil.
Hinter ihr sagte Kynes: »Wir werden uns hier trennen. Diese Tür ist massiver, sie wird mindestens eine Stunde lang die Leute aufhalten. Folgen Sie den Pfeilen, die Sie auf dem Boden sehen. Sobald Sie sie passiert haben, werden sie wieder verlöschen. Sie werden durch ein Labyrinth zu einem anderen Ausgang geführt, wo ein Thopter steht. Heute nacht ist mit einem Sturm über der Wüste zu rechnen. Sie können nur darauf hoffen, ihn zu durchdringen und sich in ihm verborgen zu halten. Meine Leute haben das oft getan, wenn sie in gestohlenen Maschinen unterwegs waren. Wenn Sie es schaffen, in den obersten Luftschichten des Sturms zu bleiben, kann Ihnen nichts passieren.«
»Und was ist mit Ihnen?« fragte Paul.
»Ich versuche, auf einem anderen Weg zu entwischen. Wenn sie mich dennoch schnappen … nun, immerhin bin ich der Planetologe des Imperators. Ich kann immer noch behaupten, Ihr Gefangener gewesen zu sein.«
Wir rennen wie Feiglinge, dachte Paul. Aber wie anders kann ich überleben, um meinen Vater zu rächen?
Er wandte sich um, warf einen Blick auf die Tür.
Jessica, die seine Bewegung gesehen hatte, sagte: »Duncan ist tot, Paul. Du hast seine Wunden selbst gesehen. Wir können jetzt nichts mehr für ihn tun.«
»Dafür werden sie eines Tages bezahlen«, erwiderte Paul.
»Nicht, wenn Sie sich jetzt nicht beeilen«, drängte Kynes.
Paul fühlte seine Hand auf der Schulter.
»Wo werden wir uns wiedersehen, Kynes?« fragte er.
»Ich werde dafür sorgen, daß die Fremen Sie suchen. Die Richtung, in der sich der Sturm bewegt, ist bekannt. Beeilen Sie sich jetzt. Möge die Große Mutter sie mit Schnelligkeit und Glück ausstatten.«
Sie hörten, wie er verschwand, als leises Rascheln in der Finsternis.
Jessica tastete nach Pauls Hand und zog ihn sanft zurück. »Wir dürfen uns nicht verlieren«, meinte sie.
»Ja.«
Paul folgte ihr über den ersten Pfeil hinaus und sah, wie er, kaum daß sie ihn passiert hatten, seine Leuchtkraft verlor. Vor ihnen tauchte der nächste auf.
Auch er erlosch, kaum daß sie daran vorbei waren.
Der nächste.
Sie rannten jetzt.
Pläne innerhalb von Plänen innerhalb von Plänen innerhalb von Plänen, dachte Jessica. Sind auch wir jetzt ein Teil eines Planes geworden, den irgend jemand gemacht hat?
Die Pfeile führten sie um eine Reihe von Biegungen, vorbei an abzweigenden Gängen, die im matten Licht ihrer Leuchtkraft nur schattenhaft wahrgenommen werden konnten. Dann ging der Weg in die Tiefe, wurde nach einiger Zeit wieder eben, führte dann hinauf. Schließlich trafen sie auf Stufen, umrundeten eine Ecke und stießen auf eine leuchtende Wand, in deren Mittelpunkt sich ein Verschlußmechanismus befand.
Paul bediente ihn.
Die Wand glitt zur Seite. Licht flackerte auf, und sie erblickten eine felsenumsäumte Kaverne, in der ein Thopter stand. Hinter der Maschine befand sich eine weitere Wand, die offenbar beweglich war, wie das auf ihr angebrachte Zeichen andeutete.
»Wohin ist Kynes gegangen?« fragte Jessica.
»Er hat nur das getan, was jeder Führer einer Guerilla-Einheit tun würde«, erklärte Paul. »Er teilte uns in zwei Gruppen und sorgte dafür, daß wir keine Kenntnis davon erhielten, wohin er flüchtete. Ebenso weiß er nicht, wohin wir gehen. Das ist für den Fall wichtig, daß man ihn festnimmt. Er könnte nichts ausplaudern.«
Paul zog Jessica in den Raum hinein. Ihre Füße wirbelten Staub auf.
»Hier ist lange Zeit niemand mehr gewesen«, meinte er.
»Er schien ziemlich sicher zu sein, daß die Fremen uns finden werden«, sagte Jessica.
»Ich teile seine Sicherheit.«
Paul ließ ihre Hand los, umkreiste den Ornithopter, berührte dann die Luke der Maschine und öffnete sie. Er deponierte sein Bündel im hinteren Teil. »Sie haben die Maschine wirklich gut versteckt«, meinte er. »Von der Armaturenbank aus kann man die Tür fernbedienen, ebenso das Licht. Achtzig Jahre unter der Herrschaft der Harkonnens haben schon zu einigem Bemerkenswertem geführt«, fügte er sarkastisch hinzu.
Jessica lehnte sich gegen die Maschine und rang nach Atem. »Die Harkonnens werden das ganze Gebiet abgeriegelt haben«, erwiderte sie. »Schließlich sind sie nicht dumm.« Sie konzentrierte ihre Sinne und deutete nach rechts. »Der Sturm liegt in dieser Richtung.«
Paul nickte. Er mußte sich zu jeder weiteren Bewegung regelrecht zwingen. Und ihm war auch klar, woran das lag. Irgendwann in dieser Nacht waren ihm die Zusammenhänge klargeworden, die die Zukunft bestimmten. Aber das Hier und Jetzt erschien ihm wie ein nebelhafter, mysteriöser Ort. Es war, als hätte er sich selbst gesehen, aus großer Entfernung, wie er in ein Tal hinuntergestiegen und aus seinem eigenen Blickfeld entschwunden war. Von den zahllosen Pfaden, die wieder aus diesem Tal herausführten, war einer derjenige, der Paul Atreides wieder ins Licht brachte — aber die anderen nicht.
»Wenn wir noch länger warten, werden sie besser vorbereitet sein«, gab Jessica zu bedenken.
»Steig ein und schnall dich an«, sagte Paul.
Er setzte sich neben sie, immer noch mit dem Gedanken beschäftigt, daß er sich in genau dem nicht einsehbaren Gebiet befand, das er nicht hatte durchdringen können. Ihm wurde mit einem plötzlichen Schock klar, daß er sich zuviel mit diesen Dingen auseinandersetzte, daß diese Tatsache die Schuld an seinem Schwächegefühl trug.
»Wenn du nur deinen Augen vertraust, führt das dazu, daß die anderen Sinne verkümmern.« Ein Bene-Gesserit-Axiom. Paul akzeptierte es für sich und nahm sich vor, nie wieder in eine Falle dieser Art zu tappen … falls er noch lange genug leben würde.
Er überprüfte die Sicherheitssysteme. Die Schwingen des Thopters standen in der vor dem Start üblichen Ruhestellung. Paul ließ sie noch enger an die Seitenwände ziehen und traf alle Vorbereitungen für einen jener Blitzstarts, die Gurney Halleck ihm beigebracht hatte. Der Startschalter bewegte sich leicht. Die Skalen der Frontarmatur erwachten zum Leben, als die Düsen sich mit Energie vollsogen. Turbinen begannen leise zu zischen.
»Fertig?« fragte er.
»Ja.«
Er schaltete die Fernsteuerung für das Licht aus.
Um sie herum wurde es dunkel.
Pauls Hand glitt wie ein Schatten unter der grünen Bordbeleuchtung über die Fernbedienung der Außentür. Knirschend schob sich die Wand zur Seite. Eine Sandfontäne wurde in die Kaverne gewirbelt, dann schloß sich die Tür wieder. Es war, als fiele ein starker Druck von seinen Schultern.
Ein breiter Streifen des Sternenhimmels tauchte vor ihnen auf. Paul aktivierte einen anderen Schalter. Die Schwingen begannen auf und nieder zu gleiten und hoben den Thopter wie einen Vogel aus seinem Nest. Volle Energie erweckte die Düsen nun vollends zum Leben. Die Maschine vibrierte.
Jessicas Hände glitten leicht über die Kontrollen. Sie konnte die Sicherheit, die die Bewegungen ihres Sohnes ausstrahlte, beinahe fühlen. Und dennoch fürchtete sie sich. Pauls Ausbildung ist jetzt unsere einzige Hoffnung, dachte sie. Seine Jugend und seine Gewitztheit.
Paul führte den Düsen mehr Energie zu. Der Thopter bockte, und der plötzliche Andruck preßte sie tiefer in die Sitze. Dann erschien vor ihren Augen die breite Wand der Sterne. Noch mehr Energie in die Schwingen, die jetzt in vollem Einsatz arbeiteten und die Maschine in die Luft hoben. Ehe sie sich versahen, glitten sie über einem Felsenmeer dahin, über zackige Klippen im Schein nächtlicher Sterne. Der von einer fernen Staubwand in seiner Leuchtkraft behinderte rote Mond erschien am Horizont zu ihrer Rechten. Und dann sahen sie die Sturmwolke.
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