»Sire«, murmelte Kynes.
»In den Augen des Imperators«, fuhr Paul fort, »stelle ich einen Störfaktor dar. Ich störe alle, die beabsichtigen, diesen Planeten unter sich aufzuteilen. Und so wahr ich hier sitze: Ich habe die Absicht, auch weiterhin der Kloß in ihrer Kehle zu sein; der Kloß, an dem sie eines Tages ersticken!«
»Gerede«, sagte Kynes.
Paul starrte ihn an.
Plötzlich sagte er: »Es gibt hier auf Arrakis eine Legende. Nach ihr wird eines Tages der Lisan al-Gaib kommen, die Stimme aus der Außenwelt, und sie wird die Fremen in das Paradies führen. Ihre Leute haben …«
»Aberglauben!« entgegnete Kynes.
»Vielleicht«, gab Paul ihm recht. »Vielleicht aber auch nicht. Manchmal haben Aberglauben seltsame Wurzeln.«
»Sie haben einen Plan«, erwiderte Kynes. »Das merkt man … Sire. «
»Könnten die Fremen mir einen hundertprozentigen Beweis dafür liefern, daß sich hier tatsächlich Sardaukar in den Uniformen der Harkonnens herumtreiben?«
»Kleinigkeit.«
»Der Kaiser wird wieder einen Harkonnen auf Arrakis an die Schaltstellen der Macht bringen«, fuhr Paul fort. »Vielleicht sogar das Ungeheuer Rabban. Soll er. Sobald er sich dadurch selbst ans Messer geliefert hat, soll er mit der Möglichkeit rechnen, sich vor dem Landsraad zu rechtfertigen. Und dort soll er zu erklären versuchen, wie …«
»Paul!« sagte Jessica.
»Vorausgesetzt«, warf Kynes ein, »daß der Landsraad Ihre Beschwerde akzeptiert! Und auch dann kann die Sache nur einen Ausgang haben: einen allgemeinen Krieg zwischen dem Imperator und den Hohen Häusern.«
»Chaos«, bekräftigte Jessica.
»Ich wäre bereit«, sagte Paul, »mich mit dem Imperator in Verbindung zu setzen und ihm zu diesem Chaos eine Alternative aufzuzeigen.«
Jessica sagte trocken: »Du willst ihn erpressen?«
»Das ist eines der Werkzeuge der großen Politik«, gab Paul zurück. Seine Stimme klang bitter. »Er hat keinen Sohn, nur Töchter.«
»Du würdest nach dem Thron streben?« fragte Jessica.
»Der Imperator hätte keine andere Wahl, wenn er verhindern will, das sein Reich in Schutt und Asche gelegt wird«, meinte Paul. »Er wird ein solches Risiko nicht eingehen.«
»Ein verzweifeltes Spiel, das Sie da projizieren«, sagte Kynes.
»Was fürchten die Hohen Häuser des Landsraad am meisten?« fragte Paul. »Sie fürchten genau das, was jetzt auf Arrakis geschehen ist: daß die Sardaukar über sie hereinstürmen und einen nach dem anderen erledigen. Das ist überhaupt der Grund, warum der Landsraad existiert . Nur das hält die Große Konvention zusammen. Nur in ihrer Gesamtheit haben sie die Chance, sich dem Imperator gegenüber zu behaupten.«
»Aber sie sind …«
»Genau davor haben sie Angst«, beharrte Paul. »Das Wort Arrakis könnte für sie zu einem Schlachtruf werden. Sie alle würden sich in meinem Vater wiedererkennen — den sie von der Herde trennten und ermordeten.«
Kynes sagte zu Jessica: »Geben Sie diesem Plan eine Chance?«
»Ich bin kein Mentat«, erwiderte sie.
»Aber Sie sind eine Bene Gesserit.«
Sie warf Kynes einen fragenden Blick zu und meinte schließlich: »Sein Plan hat einige gute und einige schlechte Punkte … wie sie jeder Plan in diesem ersten Entwicklungsstadium aufweisen würde. Ein Plan hängt immer von seinem Konzept und seiner Durchführung ab.«
»Das Gesetz«, rezitierte Paul, »ist die ultimate Wissenschaft. So steht es über der Tür des Imperators zu lesen. Und ich werde ihm zeigen, wie man Gesetze befolgt.«
»Und ich bin nicht sicher«, sagte Kynes, »daß wir der Person, die diesen Plan entwickelt hat, trauen können. Arrakis benötigt einen anderen Plan; einen, der uns …«
»Vom Thron aus«, sagte Paul, »wäre ich in der Lage, Arrakis mit einer einzigen Geste in ein Paradies zu verwandeln. Das wäre der Preis für Ihre Unterstützung.«
Kynes versteifte sich. »Meine Loyalität ist nicht zu verkaufen, Sire. «
Paul warf ihm über den Tisch hinweg einen nachdenklichen Blick zu und studierte das alte, bärtige Gesicht mit den blauen Augen, in dem plötzlicher Zorn aufgeflammt war. Ein rauhes Lächeln zog sich um seine Mundwinkel, als er sagte: »Was Sie gesagt haben, gefällt mir. Ich möchte mich entschuldigen.«
Kynes wich Pauls Blick nicht aus, sondern sagte plötzlich: »Ein Harkonnen würde niemals einen Fehler zugeben. Vielleicht sind Sie wirklich anders, Atreides.«
»Es könnte ein Fehler in ihrer Erziehung sein«, meinte Paul. »Sie sagen, Sie seien nicht käuflich, aber ich glaube dennoch, daß ich im Besitz des Preises bin, den Sie akzeptieren können. Für Ihre Loyalität biete ich Ihnen die meinige … voll und ganz.«
Mein Sohn, dachte Jessica, besitzt die Aufrichtigkeit der Atreides. Er hat diese großartige, beinahe naive Ehrenhaftigkeit, die ihnen allen zu eigen war. Welch kraftvolle Waffe sie damit doch besitzen …
Es war unübersehbar, daß Pauls Worte Kynes bewegt hatten.
»Sie reden Unsinn«, sagte er trotzdem. »Sie sind doch nur ein Junge, der …«
»Ich bin der Herzog«, erwiderte Paul. »Ich bin ein Atreides. Kein Atreides hat jemals ein solches Versprechen gebrochen.«
Kynes schluckte.
»Wenn ich sage, daß meine Loyalität Ihnen voll und ganz gehört, dann meine ich das auch«, fuhr Paul fort. »Ich meine das ohne Einschränkung. Ich würde mein Leben für Sie hergeben.«
»Sire!« stieß Kynes hervor, und der Tonfall, in dem er dieses eine Wort hervorbrachte, zeigte Jessica, daß er ihren Sohn nicht mehr als fünfzehnjährigen Jungen, sondern als das betrachtete, was er war: ein Mann, ein Vorgesetzter. Alle Amüsiertheit war aus seiner Stimme gewichen.
In diesem Augenblick würde er ebenfalls sein Leben für Paul hingeben, dachte sie. Wie gelingt es den Atreides' nur, die Menschen so leicht und schnell für sich einzunehmen?
»Ich weiß, daß das Ihr Ernst ist«, sagte Kynes jetzt. »Aber die Harkonn…«
Die Tür hinter Pauls Rücken flog auf. Er warf sich herum, sah Waffen blitzen, hörte aufgeregtes Geschrei und sah verzerrte Gesichter hinter der Schwelle.
Mit seiner Mutter neben sich eilte Paul zu der Tür, wo Idahos Körper als letztes Bollwerk den Zugang zu Kynes' Büro versperrte. Er hatte den Schildgürtel aktiviert und klammerte sich mit letzter Kraft an der Türfüllung fest, während klauenartige Hände dem Schild mit schweren Axthieben zusetzten. Der Strahl eines Lähmers leuchtete auf.
Dann war Kynes auch schon neben ihm, und mit einem letzten Blick auf Idahos blutiges Gesicht warfen sie sich gemeinsam mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Tür. Draußen wimmelte es von Männern in den Uniformen der Harkonnens. Dann war die Tür zu. Kynes verriegelte sie rasch.
»Ich glaube, ich habe mich entschieden«, sagte er.
»Irgend jemand hat Ihre Maschinen geortet, bevor sie abgestellt wurden«, sagte Paul und zog seine Mutter von der Tür fort. Er sah die Verzweiflung in ihren Augen.
»Ich hätte mißtrauisch werden müssen, weil der Kaffee nicht kam«, meinte Kynes.
»Der Raum hat einen weiteren Ausgang«, stellte Paul fest. »Ist er benutzbar?«
»Die Eingangstüre«, schnaufte Kynes, »wird mindestens zwanzig Minuten halten. Es sei denn, sie setzen eine Lasgun ein.«
»Sie werden sie solange nicht einsetzen, wie sie nicht wissen, ob wir hier drinnen einen Schild aufgestellt haben«, meinte Paul.
»Es waren Sardaukar in Harkonnen-Uniformen«, flüsterte Jessica.
Schwere Schläge donnerten von außen gegen die Tür. Sie kamen in rhythmischen Abständen.
Kynes deutete auf die Regale an der rechten Wand und sagte: »Hierher.« Er schob etwas beiseite, langte mit der Hand hinein und betätigte eine Schaltung. Das ganze Regal schwang plötzlich zur Seite und gab den Blick auf einen dunklen Tunnel frei, dessen Eingangstür ebenfalls aus Plastahl bestand.
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