Die ganze Aktion ging so schnell vor sich, daß Hawats Männer sie überhaupt nicht richtig mitbekamen. Erst als die Gruppe zwischen den Klippen verschwunden war, kam Leben in die erschöpften Soldaten.
Einer von ihnen schrie: »Was haben sie mit Arkie vor? Er war …«
»Sie bringen ihn weg, weil sie ihn … begraben wollen«, erklärte Hawat mit lauter Stimme.
»Die Fremen begraben ihre Toten nicht!« rief der Mann. »Versuche uns nicht hereinzulegen, Thufir! Wir wissen genau, was sie tun. Arkie war einer von …«
»Das Paradies ist jedem Mann sicher, der in den Reihen des Lisan al-Gaib kämpft«, sagte der Fremen. »Und wenn ihr wirklich dem Lisan al-Gaib dient, wie ihr behauptet habt, was soll dann das Klagegeschrei? Das Andenken an einen Mann, der unter diesen Umständen sein Leben ließ, wird so lange bestehen bleiben wie die Menschheit existiert.«
Aber Hawats Männer erhoben sich. Ihre Gesichter zeigten deutlich, daß sie mit dieser Erklärung nicht einverstanden waren. Einer ergriff seine Lasgun.
»Bleibt stehen, wo ihr seid!« brüllte Hawat und vergaß in diesem Moment sogar die Schlaffheit seiner Muskeln. »Diese Leute respektieren unseren Toten. Die Sitten unterscheiden sich von den unserigen auf Arrakis, aber ihre Bedeutung ist die gleiche!«
»Sie werden Arkies Körper von jeglicher Flüssigkeit befreien«, knirschte der Mann mit der Lasgun.
»Wollen die Männer der Zeremonie beiwohnen?« fragte der Fremen.
Er sieht das Problem nicht einmal, wurde Hawat klar. Die Naivität der Fremen war erschreckend.
»Sie machen sich Sorgen um einen beliebten Kameraden«, erklärte er heiser.
»Wir werden euren Kameraden mit dem gleichen Respekt behandeln wie jeden der unseren«, entgegnete der Fremen, hob die Hand und ballte sie zur Faust. »Dies ist der Bund des Wassers. Wir kennen die Riten. Das Fleisch eines Mannes ist sein Eigentum sein Wasser gehört dem Stamm.«
Als der Mann mit der Lasgun einen weiteren Schritt nach vorn machte, sagte Hawat schnell: »Ihr werdet unseren Verwundeten helfen?«
»Man stellt den Bund nicht in Frage«, erwiderte der Fremen. »Wir werden für euch tun, was ein Stamm für sich selbst tun kann. Zuerst müssen wir euch mit Anzügen versorgen, dann sehen wir weiter.«
Der Bewaffnete zögerte.
Hawats Stellvertreter sagte: »Helfen Sie uns wegen … Arkies Wasser?«
»Nein«, erwiderte Hawat rauh. »Sie helfen uns, weil wir jetzt zu ihnen gehören.«
»Andere Sitten«, murmelte einer der Männer.
Hawat begann sich zu entspannen.
»Und sie werden uns helfen, nach Arrakeen zu gelangen?«
»Wir werden Harkonnens töten«, erklärte der Fremen grinsend. »Und Sardaukar.« Er machte ein paar Schritte zurück, legte die Hände schalenförmig hinter die Ohren und warf lauschend den Kopf zurück. Dann sagte er: »Ein Flugzeug nähert sich. Versteckt euch zwischen den Felsen und bewegt euch nicht.«
Auf einen Wink von Hawat gehorchten die Männer sofort.
Der Fremen packte Hawat am Arm und schob ihn in die Richtung der anderen. »Wir werden kämpfen, wenn die Zeit dazu gekommen ist«, murmelte der Mann, langte unter seine Robe und beförderte einen winzigen Käfig zutage, in der eine kleine Kreatur hockte.
Hawat erkannte eine Fledermaus, die ihm den Kopf zuwandte und ihn aus völlig blauen Augen ansah.
Der Fremen zog die Fledermaus aus dem Käfig heraus, streichelte sie und preßte sie zärtlich gegen seine Brust. Dann beugte er sich über den Kopf des Geschöpfs und ließ einen Tropfen Speichel in den aufgerissenen Rachen fallen. Die Fledermaus breitete ihre Schwingen aus, blieb jedoch auf der Handfläche ihres Herrn sitzen. Der Fremen hatte plötzlich eine dünne Röhre in der anderen Hand und richtete sie, unverständliche Geräusche von sich gebend, gegen den Schädel des Tieres. Dann hob er die Hand und warf die Fledermaus in die Luft.
Sofort schoß sie zwischen den Felsenklippen dahin und verschwand.
Der Fremen faltete den Käfig zusammen und ließ ihn wieder unter der Robe verschwinden. Erneut legte er den Kopf auf die Seite und horchte. »Sie durchsuchen das Hochland«, sagte er. »Die Frage ist nur, wen sie da suchen.«
»Es ist ihnen sicher nicht unbekannt geblieben, in welche Richtung wir geflohen sind«, meinte Hawat.
»Man soll niemals davon ausgehen, daß man selbst das einzige Ziel einer Jagd ist«, erwiderte der Fremen. »Paßt auf die andere Seite der Ebene auf. Gleich werdet ihr etwas erleben.«
Die Zeit verging.
Einer von Hawats Männern begann sich zu bewegen und flüsterte.
»Bleibt still«, zischte der Fremen, »und verhaltet euch wie Tiere auf der Jagd.«
Hawat erkannte auf den gegenüberliegenden Klippen eine Bewegung.
»Mein kleiner Freund hat die Botschaft überbracht«, erklärte der Fremen. »Er ist ein ausgezeichneter Kurier, egal ob am Tage oder in der Nacht. Es wäre schade, wenn ich ihn je verlöre.«
Die Bewegungen am anderen Ende der Ebene hörten auf. Jetzt war zwischen den Felsenhöhen nichts anderes mehr auszumachen als eine vier oder fünf Kilometer durchmessende Sandfläche, glitzernd unter heißen Sonnenstrahlen. Die Luft begann vor Hitze zu flimmern.
»Jetzt völlig still sein«, flüsterte der Fremen.
Eine Anzahl verschwommener Figuren erschien aus einer Spalte der gegenüberliegenden Wand. Sie bewegten sich direkt auf die Ebene zu. Hawat erschienen sie wie Fremen. Er zählte sechs Männer, die sich schwer dabei taten, die Dünen zu überqueren.
Hinter Hawats Gruppe erklang plötzlich das schlagende Geräusch schwerer Ornithopter-Rotoren. Die Maschine tauchte unerwartet auf dem über ihnen liegenden Bergrücken auf. Es war eine Maschine der Atreides', die man lediglich mit den Tarnfarben der Harkonnens versehen hatte, und sie flog genau auf die Männer zu, die gerade in der Ebene sichtbar wurden.
Die Gruppe blieb am Rand einer Düne stehen und winkte.
Der Thopter zog eine enge Schleife und kam schließlich in einer Staubwolke vor den Fremen zur Landung. Fünf Männer sprangen aus der Maschine. Hawat sah das verräterische Glitzern ihrer Körperschilde. Ihre harten, zielbewußten Bewegungen sagten ihm, daß es sich um Sardaukar handelte.
»Aiiih!« sagte der Fremen neben ihm laut. »Sie benutzen diese idiotischen Schilde!« Er zischte verächtlich.
»Es sind Sardaukar«, flüsterte Hawat.
»Schön.«
Die Sardaukar schlossen die wartenden Fremen in einem Halbkreis ein. Die Sonne reflektierte die gezückten Klingen. Die Fremen standen auf einem Haufen, ohne eine bestimmte Formation einzunehmen.
Plötzlich spuckte der beide Gruppen umgebende Sand ein Heer von Fremen aus. Sie waren sofort in der Nähe des Ornithopters, und dann in seinem Inneren. An der Stelle, wo die beiden Gruppen aufeinandergetroffen waren, verhinderte eine mächtige Staubwolke jegliche Sicht.
Als der Staub sich senkte, waren die einzigen noch stehenden Personen Fremen.
»Ein Glück, daß sie nur drei Mann in der Maschine zurückließen«, ließ sich der neben Hawat hockende Fremen vernehmen. »Ich glaube nicht, daß wir den Thopter sonst in einem Stück erwischt hätten.«
Einer von Hawats Männern keuchte: »Aber das waren Sardaukar! «
»Habt ihr gesehen, wie gut sie kämpften?« fragte der Fremen. Hawat schnappte nach Luft. Er schmeckte den Geruch versengten Sandes, fühlte Hitze und Trockenheit auf der Zunge. Er fühlte sich erleichtert, als er sagte: »Sie haben wirklich gut gekämpft.«
Der erbeutete Thopter startete jetzt mit zunächst zögerndem, dann immer schneller werdendem Flügelschlag. Er flog nach Süden und stieg immer höher.
Sie wissen also auch mit Thoptern umzugehen, dachte Hawat.
Aus der Ferne winkte einer der Fremen mit einem grünen Stofffetzen: einmal … zweimal.
»Es kommen noch mehr!« sagte der Fremen, der neben Hawat stand. »Macht euch fertig! Ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, daß es solche Schwierigkeiten gibt, hier wieder herauszukommen.«
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