Mehr als hundert Brigaden — zehn Legionen!
Nicht einmal die Gesamtausbeute an Gewürz von fünfzig Jahren konnte diese Kosten decken.
Aber es wird sich dennoch auszahlen.
Ich habe einfach unterschätzt, was der Baron für einen solchen Angriff auszugeben bereit wäre, dachte Hawat. Das hat meinen Herzog das Leben gekostet.
Und dann war da noch die Sache mit dem Verräter.
Ich werde noch so lange leben, dachte Hawat, um sie hängen zu sehen. Ich hätte diese Bene-Gesserit-Hexe umbringen sollen, als sich mir die Chance bot. Er zweifelte nicht eine Sekunde daran, daß er wußte, wer diesen Verrat begangen hatte: Lady Jessica. Nur sie konnte die Gegenseite mit den Informationen versorgt haben.
»Ihr Mann Gurney Halleck und ein Teil seiner Streitkräfte sind bei unseren Schmugglerfreunden untergekommen«, sagte der Fremen.
»Gut.«
Gurney will also auch diesen Höllenplaneten verlassen. Aber noch sind wir nicht alle gegangen.
Hawat warf einen Blick auf die Männer, die ihm noch verblieben waren. Am Abend vorher war er mit dreihundert von ihnen aufgebrochen. Jetzt waren sie nur noch zwanzig, die Hälfte davon verwundet. Einige schliefen, andere standen herum, hatten sich gegen den Fels gelehnt oder hockten im Sand. Ihr letzter Thopter, mit dem sie die Verwundeten ausgeflogen hatten, war ebenfalls nicht mehr. Kurz vor dem Morgengrauen hatte er seinen Geist aufgegeben. Sie hatten ihn, um keine verräterischen Spuren zu hinterlassen, mit den Lasguns zerschnitten und eingegraben. Erst dann hatten sie sich zu diesem Versteck am Rande der Ebene aufgemacht.
Hawat konnte nur grob abschätzen, wo sie sich derzeit befanden, irgendwo zweihundert Kilometer südöstlich von Arrakeen. Die Hauptwege zwischen dem Schildwall und den dort ansässigen Sietchgemeinschaften mußten irgendwo südlich von ihnen liegen.
Als der Fremen seine Kapuze etwas nach hinten schob, sah Hawat das sandfarbene Haupt- und Kinnhaar des Mannes. Er trug es glatt nach hinten gekämmt und besaß eine hohe Stirn. Seine Augen zeigten das undeutbare Blau eines Menschen, der an das Gewürz gewohnt ist. Der Fremen fingerte an den Filterstopfen herum und überprüfte ihren Sitz. Neben der Nase leuchtete eine Narbe.
»Wenn ihr die Ebene hier in der Nacht durchqueren wollt«, begann er erneut, »dürft ihr keine Schilde benutzen. Es gibt in dem Wall eine Lücke …«, er drehte sich auf den Fersen um und deutete nach Süden, »… und dort ist eine offene Fläche, die in das Erg hinausführt. Die Schilde ziehen die Aufmerksamkeit eines …«, er zögerte, »… eines Wurms auf sich. Sie kommen an sich nicht oft in diese Gegend, aber wenn ihr Schilde einsetzt, könnt ihr sicher sein, daß sie das spüren.«
Er hat ›Wurm‹ gesagt, dachte Hawat, und dabei wollte er zuerst etwas ganz anderes sagen. Aber was? Und — was will er wirklich von uns?
Hawat seufzte.
Er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben so müde gewesen zu sein. Ihn plagte eine Muskelschlaffheit, gegen die sogar Energiepillen machtlos waren.
Diese verdammten Sardaukar!
Es war deprimierend, nur an diese Soldaten-Fanatiker und den kaiserlichen Verrat, den sie repräsentierten, zu denken. Und am schlimmsten war, daß er durch seine Mentatfähigkeiten genau darüber im Bilde war, daß es keine Chance gab, dies je vor einem Konzil des Landsraad zur Sprache zu bringen.
»Ihr wollt auch zu den Schmugglern gehen?« fragte der Fremen jetzt.
»Ist das denn möglich?«
»Der Weg ist weit.«
Fremen mögen es nicht, nein zu sagen, hatte ihm Idaho einmal erzählt.
Hawat erwiderte: »Du hast mir immer noch nicht gesagt, ob es euren Leuten möglich ist, meinen Verwundeten zu helfen.«
»Sie sind verwundet.«
Jedesmal die gleiche verdammte Antwort!
»Wir wissen, daß sie verwundet sind«, sagte Hawat gereizt. »Das ist überhaupt nicht die …«
»Friede, Freund«, unterbrach ihn der Fremen sanft. »Was sagen eure Verwundeten dazu? Sind welche unter ihnen, die einsehen, daß euer Stamm Wasser benötigt?«
»Wir haben nicht über Wasser gesprochen«, sagte Hawat, »sondern …«
»Ich kann euren Widerwillen verstehen«, unterbrach ihn der Fremen erneut. »Sie sind eure Freunde und gehören dem gleichen Stamm an. Aber — habt ihr Wasser?«
»Nicht viel.«
Der Fremen deutete auf Hawats Tunika und die Haut, die sich darunter abzeichnete. »In einem Sietch werdet ihr ein Blickfang sein, ohne eure Anzüge. Ihr müßt eine Entscheidung treffen, mein Freund.«
»Wir können mit eurer Hilfe rechnen?«
Der Fremen zuckte die Achseln.
»Ihr habt kein Wasser.« Er warf einen Blick auf die hinter Hawats Rücken liegende Gruppe. »Wie viele von euren Verwundeten würdet ihr hergeben?«
Hawat schwieg und starrte den Mann an. Als Mentat war es eine Kleinigkeit, zu erkennen, daß sie beide aneinander vorbeiredeten. Die Klänge der Worte wurden auf diesem Planeten in einer ganz anderen Art aufgefaßt.
»Ich bin Thufir Hawat«, sagte er dann, »und ich habe das Recht, für meinen Herzog zu sprechen. Ich will ein Abkommen mit euch treffen, daß darauf hinausläuft, daß ihr meine Truppe solange unterstützt, bis sie ihre letzte Aufgabe erledigt hat. Sie besteht daraus, daß wir einen Verräter fangen und hinrichten müssen.«
»Du verlangst, daß wir euch in einer Vendetta beistehen?«
»Die Vendetta werde ich selbst ausführen. Ich möchte von der Verpflichtung befreit werden, für meine Verwundeten zu sorgen.«
Der Fremen sah ihn ungläubig an. »Wie kannst du deinen Verwundeten gegenüber verpflichtet sein? Sie sind nur sich selbst verpflichtet. Das Wasser ist das Problem, Thufir Hawat. Und du verlangst von mir, daß ich dir diese Entscheidung abnehmen soll?«
Der Mann legte eine Hand auf die unter seiner Robe versteckte Waffe.
Hawat dachte erschreckt: Könnte das eine Falle sein?
»Was ist es, wovor du dich fürchtest?« fragte der Fremen.
Diese Leute mit ihrer schrecklichen Direktheit! Hawat sagte vorsichtig: »Auf meinem Kopf steht ein Preis.«
»Ah!« Der Fremen zog die Hand zurück. »Du dachtest, bei uns gäbe es so etwas wie Korruption? Du kennst uns wirklich nicht. Die Harkonnens haben nicht einmal genügend Wasser, um damit eines unserer kleinen Kinder zu kaufen.«
Aber sie hatten das Geld für einen Transport von mindestens zweitausend Kampfschiffen, dachte Hawat. Und diese Tatsache erschreckte ihn.
»Wir kämpfen beiden gegen die Harkonnens«, sagte er. »Sollten wir deswegen nicht auch die Probleme teilen, die uns gemeinsam bedrücken?«
»Das tun wir«, erwiderte der Fremen. »Ich habe gesehen, wie ihr die Harkonnens bekämpft habt. Ihr wart gut. Ich habe mir mehr als einmal gewünscht, euch an meiner Seite zu sehen.«
»Sag mir, was ich für euch tun kann«, gab Hawat zurück.
»Wer kann das sagen?« fragte der Fremen. »Die Streitkräfte der Harkonnens sind überall. Aber ihr habt noch immer keine Wasserentscheidung getroffen.«
Ich muß jetzt vorsichtig sein, sagte sich Hawat. Wir reden hier über eine Sache, die mir unklar ist.
Laut sagte er: »Bist du bereit, mir die Lage zu erklären?«
Der Fremen murmelte etwas Unverständliches und deutete dann mit ausgestrecktem Arm auf die nordwestlichen Felsklippen. »In der letzten Nacht haben wir euch über den Sand kommen sehen.« Sein Arm sank zurück. »Ihr seid zwischen den Dünen gelaufen. Ihr habt weder Destillanzüge noch Wasser. Ihr werdet es nicht lange machen.«
»Auf Arrakis muß man sich erst einstellen«, erwiderte Hawat.
»Stimmt. Aber wir haben Harkonnen-Soldaten getötet.«
»Was macht ihr mit euren eigenen Verletzten?« fragte Hawat.
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