›Im Hause meines Vaters‹, von Prinzessin Irulan.
»Jetzt töten die Harkonnens sich gegenseitig«, flüsterte Paul. Kurz vor Einbruch der Nacht war er erwacht. Jetzt saß er hochaufgerichtet in dem versiegelten und dunklen Destillzelt. Während er sprach, vernahm er die vagen Geräusche seiner Mutter, die ihm gegenüber lag.
Er warf einen Blick auf den am Boden liegenden Entfernungsmesser und studierte die in der Finsternis wie Phosphor aufleuchtende Skala.
»Es wird bald Nacht sein«, sagte seine Mutter. »Sollten wir nicht eine der Zeltklappen öffnen?«
Es war Paul schon vorher aufgefallen, daß ihr Atmen einem veränderten Rhythmus folgte, daß sie die ganze Zeit über ruhig dagelegen hatte, bis sie ganz sicher war, daß er nicht mehr schlief.
»Das würde uns auch nicht weiterhelfen«, antwortete er. »Es hat inzwischen einen Sturm gegeben. Das Zelt ist jetzt ganz mit Sand bedeckt. Ich werde es ausgraben müssen.«
»Immer noch kein Zeichen von Duncan?«
»Nichts.«
Paul strich mit dem Daumen geistesabwesend über den herzoglichen Siegelring. Eine plötzliche, irrationale Wut auf den Planeten, der am Tode seines Vaters mitschuldig war, ergriff ihn und ließ ihn erzittern.
»Ich habe gehört, wie der Sturm anfing zu heulen«, sagte Jessica.
Die Inhaltslosigkeit ihres unverlangten Kommentars trug dazu bei, ihn zu ernüchtern. Er konzentrierte sich auf den Sturm — wie er ihn zu Anfang noch durch den transparenten Teil des Zeltes hatte toben sehen. Die Sandkörner waren um sie herumgeweht, hatten auf dem Boden getanzt und waren schließlich emporgehoben worden. Der Himmel verschwand beinahe unter dem Ansturm des Wirbels und nahm die Farbe an, die sonst nur die Oberfläche des Planeten Arrakis bedeckte. Schließlich waren sogar die Lichter der Sterne erloschen. Das Zelt war völlig unter dem Sand begraben.
Mehrere Male hatten die Zeltstangen geknirscht. Aber sie hielten das Gewicht aus.
»Versuch noch einmal den Empfänger«, schlug Jessica vor.
»Nutzlos«, erwiderte Paul.
Er tastete nach der Wasserleitung, die zu seinem Destillanzug gehörte und nahm einen warm schmeckenden Schluck. Ihm wurde klar, daß er bereits mehr und mehr dazu überging, die Sitten und Gebräuche des Planeten zu akzeptieren, daß er nichts Abstoßendes dabei empfand, sich von dem zu ernähren, was der eigene Atem und der eigene Körper produzierte. Der Geschmack des Wassers war nicht der Rede wert, aber es befeuchtete seine Kehle.
Jessica, die Paul trinken hörte, spürte plötzlich wieder die enge Umhüllung des Destillanzugs. Sie ignorierte den Durst, der sie plagte. Irgendwie war sie davon überzeugt, daß noch mehr auf sie einstürmen würde, wenn sie ihm nachgab. Allein der Gedanke, wie sorgsam sie nun mit dem umgehen mußten, was sie auf diesem Planeten hatten, erfüllte sie mit Sorge.
Es war einfacher, sich zurücksinken zu lassen und weiterzuschlafen.
Aber sie hatte während des Tagesschlafs einen Traum gehabt, der sie mit leisem Zittern erfüllte, wenn sie darüber nachdachte. Sie hatte im Traum ihre Hände gesehen, wie sie mit dem Sand gespielt hatten und einen Namen schrieben: Leto Atreides. Der Sand hatte die Buchstaben wieder zugeweht, und jedesmal, wenn sie den Versuch unternahm, sie neu zu schreiben, war sie zum gleichen Ergebnis gekommen. Stets, bevor der letzte Buchstabe stand, war der erste schon wieder verschwunden.
Der Sand war unbeständig.
Der Traum wurde zu einem Klagen, wurde lauter und lauter, und irgend etwas erinnerte sie an ihre eigene Stimme, an das Weinen eines kleinen Mädchens, das sie einst selbst gewesen war.
Meine unbekannte Mutter, dachte Jessica. Da war eine Bene Gesserit, die mir das Leben schenkte und mich den Schwestern übergab, weil man es ihr aufgetragen hatte. Ob sie glücklich dabei war, daß es ein Kind der Harkonnens werden würde?
»Die einzige Möglichkeit, sie zu schlagen, liegt in dem Gewürz«, sagte Paul.
Wie kann er in einem solchen Augenblick an einen Angriff denken? dachte Jessica.
»Ein ganzer Planet voller Gewürze«, erwiderte sie. »Und wie willst du sie damit schlagen?«
Sie hörte, wie er die Position wechselte.
»Auf Caladan«, entgegnete Paul, »bestand unsere Macht aus den See- und Luftstreitkräften.« Er machte eine Pause. »Hier, auf Arrakis, sind wir auf die Macht der Wüste angewiesen. Und die Fremen sind der Schlüssel dazu.«
Seine Stimme kam jetzt vom anderen Ende des Zelts, aber die Bitterkeit, die auf sie einströmte, war unverkennbar.
Das ganze Leben lang hat man ihn darauf trainiert, die Harkonnens zu hassen, dachte sie. Und jetzt findet er heraus, daß er einer der ihren ist … durch mich. Wie wenig er mich kennt! Ich war die einzige Frau meines Herzogs. Und ich habe sein Leben und sein Schicksal ebenso akzeptiert, wie die Anweisungen, die ich als Bene Gesserit erfüllen muß.
Die zum Zelt gehörende Glühbeleuchtung wurde unter Pauls Händen heller und erfüllte alles mit grünem Licht. Paul kroch auf die Verschlußluke zu. Er hatte den Destillanzug jetzt vorschriftsmäßig angelegt. Seine Stirn war bedeckt, die Mundfilter an ihrem Ort, die Nasenstopfen justiert. Momentan waren nur noch seine dunklen Augen sichtbar: ein schmaler Ausschnitt seines Gesichts, das sich ihr noch einmal zuwandte.
»Bereite dich darauf vor, daß ich öffne«, sagte er mit einer Stimme, die das Filter beinahe unkenntlich machte.
Jessica zog das Filter vor den Mund und begann, den Anzug zu verschließen, während sie beobachten konnte, was Paul tat.
Paul öffnete das Zeltsiegel, Sand begann zu rieseln, als die Öffnung rasch größer wurde. Ehe er sich versah, oder etwas dagegen unternehmen konnte. Innerhalb der sandigen Wand bildete sich ein Loch. Paul schlüpfte hindurch. Jessica achtete auf die Geräusche, die er erzeugte, während er an die Oberfläche tauchte.
Was wird dort draußen auf uns warten? durchzuckte es sie. Die Harkonnen-Soldaten und Sardaukar sind Gefahren, mit denen wir rechnen müssen — Aber … wird es nicht auch Dinge geben, von denen wir keine Ahnung haben?
Sie dachte an die seltsamen Überlebenswerkzeuge, die sich in dem Bündel befunden hatten. Jedes einzelne schien ihr auf eine fremde Gefahr hinzudeuten, gegen die man sie einsetzen mußte.
Ein Schwall noch heißen Oberflächensandes traf plötzlich ihr Gesicht, das glücklicherweise durch den Filter geschützt war.
»Reich mir das Bündel herauf«, sagte Paul von oben.
Sie beeilte sich, seinem Wunsch nachzukommen und hörte, wie die Literjons gurgelten und gluckerten, als sie das Bündel über den Zeltboden zog. Als sie nach oben sah, erkannte sie Paul. Hinter ihm leuchteten die Sterne.
»Hierher«, flüsterte er, griff nach der Ausrüstung und zog sie zu sich hinauf.
Jetzt füllten mehr Sterne ihr Blickfeld. Sie erschienen ihr wie die glänzenden Mündungen unheildrohender Waffen, die genau auf sie gerichtet waren. In diesem Moment tauchte ein Meteoritenschauer in die Atmosphäre des Planeten ein und verglühte. Das Aufleuchten verdampfenden Gesteins erschien Jessica wie eine Warnung, wie Streifen auf dem Rücken einer Wildkatze, wie glitzernde Krallen, die nach einem Gegner hieben.
»Schnell«, sagte Paul. »Ich will das Zelt abreißen.«
Eine Sandfontäne regnete auf sie herab, als ihre linke Hand die Oberfläche erreichte. Wieviel Sandkörner kann eine Hand umfassen?
»Soll ich dir helfen?« fragte Paul.
»Nein, es geht schon.«
Jessica schluckte, trotz ihrer ausgetrockneten Kehle, glitt in das Loch hinein und fühlte, wie der lose Sand unter ihren Händen nachgab. Paul langte zu ihr hinab, packte ihren Arm. Dann stand sie auch schon neben ihm auf der sternenbeschienenen Oberfläche einer Wüstenlandschaft und blickte sich um. Wo man auch hinsah: der Sand beherrschte alles. Er breitete sich vor ihnen aus, in jeder Richtung. Lediglich die wenigen Felsen, hinter denen sie Schutz gefunden hatten, veränderten diesen Eindruck. Jessicas überwache Sinne tasteten die nähere Umgebung ab.
Читать дальше