Den Atem anhaltend unterdrückte sie den Impuls, die Arme nach ihm auszustrecken. Den Schlüssel aufhängen … das war gleichbedeutend mit Endgültigkeit. Aber jetzt war weder die richtige Zeit noch der richtige Ort, sich zu sorgen. »Als ich hereinkam, sah ich unsere Flagge über dem Haus wehen«, bemerkte sie.
Er warf einen Blick auf das Gemälde seines Vaters. »Wo willst du das aufhängen?«
»Irgendwo in diesem Raum.«
»Nein.« Die Art, wie er die Ablehnung von sich gab, zeigte ihr, daß jeglicher Widerspruch fehl am Platze war. Dennoch mußte sie es versuchen.
»Mylord«, begann sie. »Wenn wir …«
»Meine Antwort heißt nein. Ich bin bereit, dir in vielen anderem etwas zuzugestehen, aber in diesem Fall nicht. Ich komme gerade aus dem Speisesaal, und dort gibt es …«
»Mylord! Bitte.«
»Es geht also darum, was wichtiger ist: mein Familiensinn oder deine Verdauung«, führte er aus. »Das Gemälde kommt dennoch in den Speisesaal.«
Sie seufzte. »Ja, Mylord.«
»Es steht dir allerdings frei, auch weiterhin in deiner Suite zu essen. Ich erwarte lediglich, daß du zu offiziellen Anlässen an meiner Seite sitzt.«
»Vielen Dank, Mylord.«
»Und hör damit auf, mir diese formalistischen Antworten zu geben. Du solltest dankbar dafür sein, daß ich dich nie geheiratet habe, meine Liebe. Denn dann würde es zu deinen Pflichten gehören, das Mahl mit mir einzunehmen.«
Ohne auch nur einen Gesichtsmuskel zu verziehen, nickte sie.
»Hawat hat bereits unseren Giftaufspürer an der Tafel befestigt«, erklärte er. »In deiner Suite steht ein tragbares Gerät.«
»Du hast diese … Schwierigkeiten also schon vorausgesehen«, sagte Jessica.
»Ich dachte ebenso an deine Bequemlichkeit, meine Liebe. Ich habe Personal engagiert. Es sind Eingeborene, aber Hawat hat sie ausnahmslos untersucht. Fremen. Sie werden uns zur Hand gehen, bis wir unsere eigenen Leute von momentanen anderen Pflichten befreien können.«
»Können wir hier überhaupt jemandem vertrauen?«
»Jedem, der die Harkonnens haßt. Vielleicht möchtest du nach einer gewissen Zeit sogar die Haushofmeisterin in deinen Diensten behalten. Sie nennt sich Shadout Mapes.«
»Shadout«, sagte Jessica nachdenklich, »ist das nicht eine Art Titel bei den Fremen?«
»Ich habe gehört, daß es soviel wie ›Wasserholer‹ bedeutet. Ein Wort, das eine wichtigere Bedeutung hat, als man sich vorstellen kann. Sie ist vielleicht nicht die typische Untergebene, aber nach Duncans Berichten spricht Hawat von ihr als von einer ehrenhaften Person. Sie sind beide davon überzeugt, daß sie willig ist zu dienen — ganz speziell dir.«
»Mir?«
»Die Fremen wissen, daß du eine Bene Gesserit bist. Es gibt hier einige Legenden über euch.«
Dafür hat die Missionaria Protectiva gesorgt , dachte Jessica. Jede Welt ist vorbereitet.
»Bedeutet das, daß Duncan Erfolg hatte?« fragte sie. »Werden die Fremen mit uns zusammenarbeiten?«
»Es sind noch keine endgültigen Abmachungen getroffen worden«, erwiderte er. »Duncan glaubt, daß sie uns erst eine Weile beobachten wollen. Sie haben allerdings versprochen, unsere weitentlegenen Dörfer nicht mehr heimzusuchen. Das ist ein wichtigerer Gewinn als es scheint. Hawat meint, die Fremen seien ein hartnäckiger Stachel an der Kehle der Harkonnens gewesen, obwohl es ziemlich geheimgehalten wurde, welchen Schaden sie ihnen zufügten, damit der Imperator nichts von der Hilflosigkeit der Harkonnen-Truppen erfuhr.«
»Eine Haushofmeisterin aus den Reihen der Fremen«, sinnierte Jessica. »Hat sie auch diese blauen Augen?«
»Laß dich von ihrem Aussehen nicht verwirren«, sagte der Herzog. »Sie verfügen über Kräfte und eine Vitalität, die mir anderswo noch nicht begegnet ist. Ich glaube, daß sie über all das verfügen, was wir gebrauchen können.«
»Es ist ein gefährliches Spiel.«
»Laß uns nicht wieder davon anfangen.«
Sie versuchte ein Lächeln. »Wir sind ihnen ausgeliefert, daran zweifle ich nicht.« Zwei tiefe Atemzüge brachten ihr wieder die Ruhe. Dann fragte sie: »Wenn ich die Privaträume einrichte — soll ich da etwas Spezielles für dich reservieren?«
»Eines Tages«, erwiderte er, »mußt du mir erklären, wie du das schaffst: deine Sorgen einfach beiseite zu schieben und zum sachlichen Teil überzugehen. Irgendein Geheimnis der Bene Gesserit muß damit zusammenhängen.«
»Es ist einfach ein weibliches Geheimnis«, lächelte sie.
Der Herzog lächelte ebenfalls. »Nun, was die Belegung der Räumlichkeiten angeht, so solltest du dafür Sorge tragen, daß ich in der Nähe meines Schlafgemachs genügend Platz für meine Bürotätigkeiten erhalte. Es wird hier garantiert mehr Papierkram zu erledigen geben als auf Caladan. Und einen Raum für die Wache, natürlich. Das sollte es auch schon sein. Und mach dir keine Sorgen über die allgemeine Sicherheit des Hauses. Hawats Männer haben es einer gründlichen Untersuchung unterzogen.«
»Daran zweifle ich nicht.«
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ach ja, alle unsere Uhren sollten auf die örtliche Zeit umgestellt werden. Ich habe bereits einen Techniker angefordert. Er müßte bald dasein.« Der Herzog strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. »Ich muß jetzt zum Landefeld zurück. In wenigen Minuten landet die zweite Fähre mit der Stabsreserve.«
»Wäre es nicht besser, wenn Hawat das übernähme, Mylord? Du siehst erschöpft aus.«
»Der gute Thufir ist noch mehr beschäftigt als ich. Du weißt, daß dieser Planet durch die Intrigen der Harkonnens herabgewirtschaftet wurde. Außerdem muß ich versuchen, einige ausgebildete Gewürzsucher, die wegen des Lehenswechsels Arrakis verlassen wollen, zum Bleiben zu überreden. Sie haben das Recht dazu, zu gehen, und dieser Planetologe, den der Imperator und der Landsraad als Schlichter eingesetzt haben, ist unbestechlich. Er läßt den Leuten die freie Wahl. Es sind achthundert Leute, die Arrakis verlassen wollen, sobald die nächste Fähre zum Schiff der Gilde abgeht.«
»Mylord …« Zögernd brach sie ab.
»Ja?«
Er wird sich nicht davon abbringen lassen, diesen Planeten sicher für uns zu machen, dachte sie. Und ich kann einfach nicht einen meiner Tricks gegen ihn anwenden.
»Um welche Zeit werden wir das Dinner einnehmen?« fragte sie.
Das war es nicht, was sie mich fragen wollte, dachte der Herzog. Ach, Jessica — ich wünschte auch, wir wären nicht hier an diesem schrecklichen Ort, sondern irgendwo weit weg. Wir beide, ganz alleine, ohne sich um irgend etwas Gedanken zu machen.
»Ich werde auf dem Landefeld essen«, erwiderte er. »In der Offiziersmesse. Erwarte mich nicht sobald zurück. Und … ich sende einen Wagen für Paul. Ich möchte, daß er bei unserer Strategiekonferenz zugegen ist.«
Er räusperte sich, als wolle er noch etwas sagen, drehte sich aber plötzlich und unerwartet um und ging hinaus, in Richtung auf die Vorhalle, wo weiterhin Gepäckstücke abgeladen wurden. Von irgendwo dort draußen hörte sie noch einmal seine Stimme im charakteristischen Tonfall, den er immer anschlug, wenn er in Eile war und mit Bediensteten sprach: »Lady Jessica befindet sich im Großen Saal. Geh sofort zu ihr.«
Die Außentür wurde zugeschlagen.
Jessica wandte sich ab und betrachtete das Gemälde von Letos Vater. Er hatte es anfertigen lassen von einem berühmten Künstler namens Albe und zeigte den alten Herzog in seinen mittleren Jahren, bekleidet mit dem Kostüm eines Matadors, einen roten Umhang über dem linken Arm haltend. Sein Gesicht wirkte jung. Er mußte damals kaum älter gewesen sein als Leto. Er hatte die gleichen habichtähnlichen Züge und grauen Augen wie sein Sohn. Die Hände in die Seiten gestemmt, sah sie auf das Bild.
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