Bernard wünschte, das Gespräch würde eine andere Richtung nehmen. »Gerald hat nichts dagegen, für ein Jahr ins Internat zu gehen.«
»Aber sie gehörte mir nicht. Ich hatte bloß teil an ihr. Selbst wenn eine Frau dich nur zum Liebhaber hat, hast du teil an ihr. Und sie an dir. Treue ist eine großartige Sache, Mike, das Fundament einer gute Ehe, aber schließlich kommt es darauf an, was beide Teile darüber hinaus einbringen. Was du tust, wie gut du es tust, wie beharrlich du bist.«
»Ja, Vater.«
»Sag mal…« Seines Vaters Augen weiteten sich.
»Was?« fragte Bernard und griff wieder die welke Hand.
»Danach blieben wir noch dreißig Jahre zusammen.«
»Ich wußte nie etwas davon.«
»War auch nicht nötig. Ich war derjenige, der wissen mußte, der sich abfinden mußte. Das ist aber nicht alles, was mir durch den Sinn geht. Mike, erinnerst du dich an die Hütte? Auf dem Dachboden, unter der Schlafstelle, liegt ein Stoß von Papieren.«
Die Hütte in Maine war vor zehn Jahren verkauft worden.
»Ich hatte etwas geschrieben«, fuhr sein Vater fort, nachdem er mühsam und unter Schmerzen geschluckt hatte. Sein Gesicht knitterte in tausend Runzeln, und er machte eine bittere Grimasse. »Über meine Zeit als Arzt.«
Bernard wußte, wo die Papiere waren. Er hatte sie geborgen und während seiner Zeit als Internist gelesen. Sie befanden sich jetzt in einem Aktenordner in seinem Büro in Atlanta.
»Ich habe sie, Vater.«
»Gut. Hast du sie gelesen?«
»Ja.« Und sie waren mir sehr wichtig, Vater. Sie halfen mir bei der Entscheidung, was ich in der Neurologie tun wollte, bei der Wahl der Richtung, die ich einzuschlagen hatte… Sag es ihm, sag es ihm!
»Gut. Ich habe es immer gewußt, Mike.«
»Was?«
»Wie sehr du uns liebtest. Du bist bloß nicht der demonstrative Typ, nicht wahr?«
»Nie gewesen.«
»Ich liebe dich. Liebte Mutter.«
»Sie wußte es. Sie war nicht unglücklich, als sie starb. Gut.« Wieder machte er das Gesicht. »Ich muß jetzt schlafen. Bist du sicher, daß du keinen guten jungen und neuen Körper für mich finden kannst?«
Bernard nickte. Sag es ihm.
»Die Papiere waren sehr wichtig für mich, Vater. Papa.«
Er hatte ihn seit seinem vierzehnten Lebensjahr nicht mehr »Papa« genannt. Aber der alte Mann hörte nicht. Er war eingeschlafen. Bernard nahm Mantel und Koffer und ging, schaute in die Station und fragte die Schwester aus Gewohnheit, wann die nächste Verabreichung sein würde.
Sein Vater starb am nächsten Morgen um drei Uhr früh, im Schlaf und allein.
Und weiter…
Olivia Ferguson, die gleichen wundervoll glatten achtzehn Jahre alt wie er, ihr Vorname wie ein Echo ihres Teints, ihr dichtes dunkles Haar an der Kopfstütze der Corvette, blickte ihn aus ihren großen grünen Au gen an und lächelte. Er erwiderte den Blick und das Lächeln, und es war der herrlichste Abend auf der Welt, es war phantastisch; das dritte Mal, daß er mit einem Mädchen verabredet war. Er war, Wunder über Wunder, eine Jungfrau — und diesen Abend schien es nichts auszumachen. Er hatte sie beim Glockenturm des Universitätscampus von Berkeley angesprochen, als sie bei einem der bronzenen Zwillingsbären gestanden hatte, und sie hatte ihn dabei mit echter Sympathie angeschaut.
»Ich bin verlobt«, hatte sie gesagt. »Das heißt, es kann nichts daraus werden…«
Enttäuscht und doch stets bereit, galant zu sein, hatte er gesagt: »Nun, dann wird es eben bloß ein unterhaltsamer Abend. Unter Freunden.« Er kannte sie kaum; sie hatte einen der Kurse belegt, die auch er besuchte. Sie war das schönste Mädchen von allen, groß und gefaßt, ruhig und selbstsicher, doch nicht im mindesten eingebildet. Sie hatte lächelnd eingewilligt.
Und nun fühlte er die Freiheit, entlassen aus der Verpflichtung, einen Erfolg zu erringen. Zum ersten Mal fühlte er sich mit einer Frau auf gleichen Fuß gestellt. Ihr Verlobter, so erläuterte sie, war bei der Marine, stationiert auf der Marinewerft in Brooklyn. Ihre Familie wohnte auf Staten Island, in einem Haus, wo Herman Melville einmal einen Sommer verbracht hatte.
Der Wind blies in ihr Haar, ohne es in Unordnung zu bringen — wunderbares, prachtvolles Haar, das (theoretisch) köstlich anzufühlen wäre, ein Genuß, es durch die Finger gleiten zu lassen. Sie hatten sich unterhalten, seit er sie zu Haus abgeholt hatte, in einer Wohnung, die sie mit zwei Frauen teilte und die nahe dem alten weißen Hotel Clairemont lag. Sie waren über die Golden Gate-Brücke gefahren, um in einem kleinen Fischrestaurant, dem Klamshak, zu essen, und dort hatten sie über alles mögliche gesprochen — über Studienkurse, Pläne, was es mit dem Heiraten auf sich habe (er wußte es nicht und bemühte sich nicht einmal, Kenntnisse oder Erfahrungen vorzutäuschen). Sie waren übereingekommen, daß das Essen gut sei, und die Einrichtung des Lokals nicht im mindesten originell — Netze und Korkschwimmer an der Wand, in den Maschen Plastikhummer und ein abgenutzt aussehender getrockneter Kugelfisch, ein alter durchlöcherter Fischerkahn vor dem Eingang auf muschelbestreutem Sand. Nicht ein einziges Mal kam er sich unbeholfen oder jung oder auch nur unerfahren vor.
Als sie über die Brücke zurückfuhren, dachte er, daß sie sich unter anderen Umständen gewiß ineinander verlieben und in ein paar Jahren heiraten würden. Sie war überwältigend — und er konnte und wollte nichts versuchen. Seine Empfindungen angesichts dieser Lage waren traurig und romantisch und insgesamt wundervoll.
Wenn er sie drängte, würde sie vielleicht mit ihm auf sein Zimmer gehen, und sie würden miteinander schlafen.
Doch obwohl er es als Makel empfand, unerfahren zu sein, wollte er sie nicht drängen. Er würde es nicht einmal andeuten. Die Stimmung dieses Abends war zu vollkommen.
Sie saßen vor dem umgebauten alten Herrenhaus, wo sie wohnte, noch eine Weile im Wagen, diskutierten über Kennedy und lachten über ihre Ängste während der Raketenkrise, und dann hielten sie einander bei den Händen und schauten sich in die Augen.
»Weißt du«, sagte er leise, »es gibt Zeiten, wo…« Er brach ab.
»Danke«, sagte sie. »Ich dachte mir gleich, daß du dich bei einer Verabredung anständig benehmen würdest. Die meisten Männer, weißt du…«
»Ja. Nun, so bin ich eben.« Er grinste. »Harmlos.«
»O nein. Nicht harmlos. Nicht im mindesten.«
Dies war der Wendepunkt. Es konnte so gehen, oder so. Er warf einen Blick auf ihre olivfarbene Haut und wußte, daß sie glatt war, jugendlich vollkommen. Er wußte auch, daß sie mit ihm auf sein Zimmer gehen würde.
»Du bist ein Romantiker, nicht wahr?« sagte sie.
»Ich glaube, das bin ich.«
»Ich auch. Die einfältigsten Leute auf der Welt sind Romantiker.«
Er fühlte Wärme in Hals und Gesicht emporsteigen. »Ich mag Frauen«, sagte er. »Ich mag die Art, wie sie sprechen und sich bewegen. Sie sind bezaubernd.« Er schloß sich ihr auf, um es später zu bedauern, aber seine Empfindung war zu wahr und unleugbar, besonders nach diesem Abend. »Ich glaube, die meisten Männer sollten spüren, daß eine Frau wie… wie geheiligt ist.
Nicht auf einem Postament, nicht in dieser Art. Aber einfach zu schön für Worte. Von einer Frau geliebt zu werden und… Das wäre einfach unglaublich.«
Olivia schaute durch die Windschutzscheibe, und ein Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln. Dann senkte sie den Blick auf ihre Handtasche und strich ihr wadenlanges blaues Kleid glatt. »Es wird geschehen«, sagte sie.
»Ja, sicher«, sagte er. Aber nicht zwischen uns.
»Danke«, sagte sie wieder. Er ließ ihre Hand los und hob sie, um ihr die Wange zu liebkosen. Sie rieb sich wie ein Kätzchen an seiner Hand und zog am Türgriff. »Wir sehen uns im Kurs.«
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