Waren alle unterschiedslos millionenfach dupliziert, oder ließen sich die Noozyten in ihrem Handeln von etwas Überlegung und Urteilsvermögen leiten? Tilgten sie in aller Stille eine Anzahl Persönlichkeiten, oder veränderten sie sie?
Aber wenn die Noozyten sich die Freiheit nahmen, die wirklich gefährlichen und gemeinschaftsschädlichen Elemente auszuschalten, sei es durch Veränderung, sei es durch irgendeine Form von Fixierung oder Lähmung, mußten sie zuvor in ihre Denkprozesse eingedrungen sein und einen allgemeinen Konsens rechtschaffenen Denkens als Maßstab eingeführt haben…
Wer konnte dann sagen, daß sie nicht auch andere veränderten, Menschen mit geringeren Problemen, Leute mit all den Komplexen kleiner Verschrobenheiten und Irrtümer und zeitweiliger Bosheit — Eigenschaften, von denen niemand frei war? Berufsrisiken des Menschseins, des Lebens in einer harten Welt, einer anderen als jener, die die Noozyten bewohnten? Wenn sie wirklich korrigierten und eliminierten und veränderten, wer konnte sagen, wie gut oder schlecht sie darin waren? Wer konnte sagen, daß sie wußten, was sie taten, und hinterher arbeitsfähige menschliche Persönlichkeiten behielten?
Was taten die Noozyten mit Menschen, die der Veränderung nicht standhielten, die verrückt wurden — oder die, wie angedeutet worden war, unvollkommen assimiliert starben und Teilerinnerungen zurückließen, wie Vergils Teilerinnerungen in Bernards eigenem Körper? Wurde auch hier gejätet und ausgelesen?
Gab es in der Noosphäre Politik, gesellschaftliche Wechselwirkungen? Hatten Menschen gleiches Stimmrecht wie Noozyten? Menschen waren natürlich Noozyten geworden — aber waren die echten, die ursprünglichen Noozyten mehr oder weniger hoch angesehen?
War mit Konflikten, mit Revolution zu rechnen?
Oder würde tiefe Stille herrschen, die Ruhe des Grabes, weil der Wille zum Widerstand ausgelöscht war? Für eine strenge Hierarchie war der freie Wille keine wichtige Sache. War die Noosphäre eine strenge Hierarchie, in der es an abweichenden Meinungen oder selbst Kommentaren fehlte?
Er hatte nicht den Eindruck.
Aber wie konnte er Gewißheit erlangen?
Respektierten und liebten sie die Menschen wirklich als Herren und Schöpfer, oder saugten sie sie einfach ein, verdauten die benötigten Informationen und ließen den Rest verrotten, desorganisiert und tot?
War dies alles nur die Furcht vor der großen Veränderung? Die Furcht vor dem völlig Andersartigen, sei es himmlisch oder höllisch, im Gegensatz zu dem schwierigen, oftmals höllischen, aber bekannten Status quo?
Es war kaum anzunehmen, daß Vergil Ulam diese Fragen jemals durchdacht hatte. Vielleicht hatte es ihm an der nötigen Zeit gefehlt, doch selbst wenn ihm die Zeit dafür geblieben war, hatte es einfach nicht Vergil Ulams Wesensart entsprochen, solche Dinge gründlich zu durchdenken. Hervorragend in der wissenschaftlichen Arbeit und ihrer schöpferischen Umsetzung, verantwortungslos und schlampig in der Einschätzung der Folgen.
Galt das nicht für jeden Schöpfer?
Führte nicht jeder große Veränderer letzten Endes einige Menschen — vielleicht sehr viele Menschen — in Kummer, Qual und Tod?
Die armen menschlichen Prometheuse, die ihren Mitmenschen das Feuer brachten.
Edel.
Einstein. Der arme Einstein und sein Brief an Roosevelt: ›Ich habe die Dämonen der Hölle losgelassen, und nun müssen Sie einen Pakt mit dem Teufel unterschreiben, oder ein anderer wird es tun. Jemand, der noch schlimmer ist.‹ Curie, die mit Radium experimentierte; wie verantwortlich war sie für alle nichtsahnenden Opfer radioaktiver Strahlung, bis hin zu Slotin, mehr als vier Jahrzehnte später?
Hatten Pasteurs oder Salks Arbeiten, oder seine eigene, was das anging, Männern oder Frauen das Leben gerettet, die schließlich Unheil anrichteten, sozialschädlich wurden oder durchdrehten? Unzweifelhaft.
Und dachten die Opfer jemals, daß die Urheber vor Gericht gezerrt werden müßten?
Unzweifelhaft.
So verwirrend.
Bernard schwankte zwischen Schlaf und Alptraum, prallte hart auf der Seite des Alptraums auf und hob sich beim nächsten Ausschwingen in eine Art Ekstase.
Nichts wird jemals wieder sein, wie es war.
Gut! Großartig! War es nicht ohnedies alles schlimm verpfuscht gewesen?
Nein, vielleicht nicht. Erst jetzt.
O Herr, es treibt mich zum Gebet. Ich bin schwach und unfähig, diese Urteile zu fällen. Ich glaube nicht an dich, nicht in einer Form, wie man sie mir beschrieben hat, aber ich muß beten, weil ich in Furcht bin, in unheiliger Angst.
Was haben wir geboren?
Bernard blickte auf seine Hände und Arme herab, die angeschwollen waren, und bedeckt mit weißen Schwielen.
So häßlich, dachte er.
Die Nahrung erschien auf einem hüfthohen, schwammig aussehenden grauen Zylinder am Ende einer von hohen Wänden eingeschlossenen Sackgasse. Suzy blickte auf das Essen, streckte die Hand aus, das allem Anschein nach gebratene Hühnchen zu berühren, und zog den Finger langsam zurück. Das Essen war warm, die Tasse Kaffee dampfte, und alles sah völlig normal aus. Nicht ein einziges Mal war ihr etwas serviert worden, was sie nicht mochte, und nicht ein einziges Mal hatte es zuviel gegeben, oder zuwenig.
Sie beobachteten sie aufmerksam und vergaßen keines ihrer Bedürfnisse. Sie wurde umsorgt wie ein Tier in einem Zoo, wenigstens kam sie sich so vor.
Sie kniete nieder und begann zu essen. Danach setzte sie sich mit dem Rücken an den Zylinder, trank den Rest des Kaffees und schlug sich den Kragen hoch. Es wurde kälter. Sie hatte die warme Jacke ihres Bruders im World Trade Center zurückgelassen — oder was daraus geworden war —, und während der vergangenen zwei Wochen hatte sie kein Bedürfnis danach verspürt. Die Lufttemperatur war immer angenehm gewesen, sogar bei Nacht.
Alles veränderte sich, und das war beunruhigend — oder aufregend. Sie war nicht sicher, was.
Um die Wahrheit zu sagen, hatte Suzy McKenzie sich viel gelangweilt. Sie war nie besonders phantasievoll gewesen, und die Teile des umgewandelten Manhattan, die sie durchwandert hatte, waren nicht nach ihrem Geschmack gewesen. Die großen Kanalrohre, die grüne Flüssigkeit vom Fluß ins Innere der Insel pumpten, die träge wedelnden Fächerbäume, die Flächen glasig-silbriger Buckel, die Sammlungen von Straßenreflektoren, ausgebreitet über Hunderte von Morgen unregelmäßiger Oberfläche — nichts von alledem hatte sie länger als ein paar Minuten interessiert. Diese Dinge standen in keiner Beziehung zu ihr. Suzy verstand nichts von ihnen und ihren Funktionen.
Sie wußte, daß es alles faszinierend sein sollte, aber es war nicht von Menschen für Menschen, und es war auch nicht Natur im überkommenen, angenehm entspannenden Sinn, und so lag ihr nicht viel daran.
Menschen interessierten sie; was sie dachten und taten, wer sie waren, wie sie sich zu ihr verhielten, und wie sie über sie dachten.
»Ich hasse euch«, sagte sie zu dem Zylinder, als sie Teller und Tasse auf seine Oberfläche stellte. Der Zylinder schluckte sie und versank im Boden. »Euch alle!« schrie sie die Wände der Sackgasse an. Sie umfaßte die Oberarme mit den Händen, um sich warmzuhalten, dann fiel ihr ein, daß es bald dunkel sein würde; sie brauchte eine Schlafgelegenheit. Sie hob Taschenlampe und Radio auf. Die Batterien wurden bereits schwächer, obwohl sie das Radio immer nur für kurze Zeit eingeschaltet hatte. Sie verließ die Sackgasse und starrte in einen Wald von Fächerbäumen, der einen steilen rotbraunen Hügel überwuchert hatte.
Auf der Kuppe der Anhöhe befand sich ein schwarzer Polyeder, dessen Facetten jeweils eine knapp meterlange silbrige Nadel trugen. Auf der Insel gab es viele ähnliche Gebilde. Sie achtete kaum noch darauf. Das Umwandern des Hügels dauerte ungefähr zehn Minuten. Sie kam in ein flaches Tal von der Länge eines Fußballplatzes, umsäumt von sanft gebogenen schwarzen Röhren, deren Durchmesser ungefähr ihrer Taillenweite gleichkam. Die Rohre verschwanden in einer Grube am Ende des Tales. Sie hatte des öfteren an solchen Kreuzungspunkten geschlafen. Sie ging zum Ende des Tales und kniete in der Mulde nieder, befühlte die Oberfläche mit beiden Händen; sie war ganz warm. Hier konnte sie die Nacht unter den Rohren liegend einigermaßen bequem verbringen.
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