»Brooklyn existiert nicht mehr.«
»Mein Gott, du bist wie ein Geist oder was. Ich kann nicht vernünftig mit dir reden.«
Kenny zeigte zum Aufzug. »Sämling…«
»Hör auf, mich so zu nennen, verdammt! Ich bin deine Schwester, du Gruselgespenst! Ihr wollt mich da draußen einfach allein lassen…«
»Das ist deine Wahl, Suzy«, sagte Kenneth.
»Oder mich zu einer Gliederpuppe machen.«
»Du weißt, daß wir keine Gliederpuppen sind, Suzy. Du fühltest, wie sie sind, was sie für dich tun können.«
»Aber ich würde nicht mehr ich sein!«
»Hör auf zu jammern! Wir alle verändern uns.«
»Nicht so!«
Kenneth sah geschmerzt aus. »Als kleines Mädchen warst du nicht so. Hattest du jemals Angst, erwachsen zu werden?«
Sie starrte ihn an. »Ich bin immer noch ein kleines Mädchen«, sagte sie. »Ich bin langsam. Alle sagen das.«
»Hattest du jemals Angst, aus dem Kindesalter herauszukommen? Das ist der Unterschied. Wir haben diese Angst nicht und konnten uns weiterentwickeln. Du könntest auch erwachsen werden.«
»Nein«, sagte Suzy und wandte sich vom Aufzug weg. »Ich gehe zurück und spreche mit Mama.«
Kenny hielt sie am Arm zurück. »Sie sind nicht mehr da«, sagte er. »Es ist sehr anstrengend, so wiedererbaut zu sein.«
Suzy starrte ihn mit offenem Mund an, dann sprang sie in den Aufzug und drückte sich gegen die Rückwand. »Fährst du mit mir hinunter?«
»Nein. Ich gehe zurück. Wir lieben dich noch immer, Sämling. Wir werden über dich wachen. Du wirst mehr Mütter und Brüder und Freunde haben, als du jemals wissen wirst. Und vielleicht wirst du uns einmal bei dir aufnehmen.«
»Du meinst, in mich aufnehmen, wie die anderen?«
Kenneth nickte. »Wir werden immer in der Nähe sein. Aber wir werden unsere Körper nicht für dich wiedererbauen.«
»Ich möchte jetzt nach unten«, sagte sie.
»Also abwärts«, sagte Kenneth. Die Aufzugtüren begannen sich zu schließen. »Leb wohl, Suzy! Sei vorsichtig!«
»Kennnnethhh!« Aber die Tür schloß sich, und der Aufzug sank abwärts. Sie stand da und fuhr sich mit den Fingern durch das lange, strähnige Blondhaar.
Die Tür öffnete sich.
Das Foyer war ein Geflecht grauer, massiv aussehender Bogen, welche die Masse des Turmhauses trugen. Sie stellte sich vor — oder erinnerte sich vielleicht, was sie ihr gezeigt hatten —, daß der Aufzugschacht und das Restaurant alles waren, was vom ursprünglichen Gebäude geblieben war, eigens für sie.
Wohin sollte sie gehen?
Sie betrat den grau und rot gesprenkelten Boden — nicht Teppich, nicht Beton, sondern etwas leicht Elastisches, wie Kork. Ein braun und weiß geflecktes Laken — das letzte, was sie von dieser besonderen Substanz zu Gesicht bekam — glitt über die Aufzugtür hinab und versiegelte sie mit einem leise zischenden Geräusch.
Sie ging durch das Geflecht der Bögen, stieg über zylindrische Buckel in der roten und grauen Oberfläche, verließ den Schatten des umgewandelten Wolkenkratzers und stand in halbbewölktem Tageslicht.
Der Turm, in dem sie sich aufgehalten hatte, stand allein. Der andere war abgetragen. Alles, was vom World Trade Center geblieben war, war ein runder Turm um die Aufzugschächte, glatt und glasig grau in manchen Bereichen, rauh und schwarz gefleckt in anderen, und da und dort sah sie Verästelungen durch das äußere Material empordringen.
Zwischen dem umgewandelten Platz, der mit gefiederten, baumähnlichen Gewächsen bedeckt war, und dem Ufer gab es nichts, was eine Höhe von sechs oder sieben Metern überragt hätte.
Sie ging zwischen den gefiederten Wedeln der »Bäume«, die sich sanft auf ihren roten Stämmen wiegten, hinab zum Ufer. Das Wasser war von einem festen, gelatineartigen Grüngrau, eben wie Glas und genauso glänzend. Sie konnte die unregelmäßigen, organischen Formen von Jersey City sehen, ähnlich einer unheimlichen Sammlung von Kinderspielzeug und Bauklötzen; die Spiegelung im geronnenen Fluß war vollkommen.
Der Wind seufzte angenehm. Es hätte kalt oder wenigstens kühl sein müssen, aber die Luft war warm. In ihrer Brust zog sich ein Schmerz zusammen, den nur Weinen lindern konnte. »Mutter«, sagte sie, »ich möchte bloß sein, was ich bin. Sonst nichts. Nicht weniger.« Und nicht mehr? Suzy, das ist eine Lüge.
Lange stand sie am Ufer, dann wandte sie sich um und machte sich auf den Weg ins Innere der Insel Manhattan.
Für Bernard hatte die lächerliche Umgebung, in der er so viele Wochen verbracht hatte, dem Anschein der geringeren von zwei Wirklichkeiten.
Er arbeitete kaum noch. Meistens lag er auf dem Feldbett, die Tastatur des Datenanschlusses unter dem Arm, dachte nach und wartete. Draußen, das wußte er, wuchsen die Spannungen. Er war der Brennpunkt.
Paulsen-Fuchs und das Aufgebot von Polizei und Militär konnten zwei Millionen Menschen nicht daran hindern, die Gebäude zu überrennen, ihn und das Laboratorium zu zerstören. (Dorfbewohner mit Fackeln; er war zugleich Dr. Frankenstein und das Ungeheuer. Unwissende, ängstliche Dorfbewohner verrichteten Gottes Werk).
In seinem Blut, seinem Fleisch, trug er etwas von Vergil Ulam, etwas von seinen Eltern, etwas von Menschen, die er nie gekannt hatte, von Menschen vielleicht, die seit Jahrtausenden tot waren. In seinem Innern gab es Millionen von Duplikaten seiner selbst, die tiefer in die Noozytenwelt absanken und die ungezählten Schichten von Universen innerhalb der Biologik entdeckten: alt, neu und potentiell.
Und doch — wo war die Versicherungspolice, die Garantie, daß er nicht getäuscht wurde? Wie, wenn sie einfach falsche Träume heraufbeschworen, um ihn zu beruhigen, für die Metamorphose unter Drogen zu setzen? Wie, wenn ihre Erklärungen nichts als ein Zuckerguß von Redensarten wären, ihn aufzumuntern? Er hatte keine Hinweise darauf, daß die Noozyten logen — aber wie konnte man beurteilen, ob und wann etwas so Fremdes wie die Noozyten log, oder ob »Lügen« für sie überhaupt ein zugänglicher Begriff darstellte?
(Olivia. Sie hatte ihre Verlobung gelöst, erfuhr er viel später, zwei Monate nach ihrer einzigen Verabredung. Am letzten Tag des gemeinsam besuchten Kurses hatten sie einander zugelächelt — und waren ihrer Wege gegangen, hinaus aus dem Leben des jeweils anderen. Er war — was gewesen? Schüchtern, ungeschickt? Zu romantisch, zu sehr verliebt in diesen einen kostbaren, vom Petrarkismus verklärten Abend? Wo war sie? In der nordamerikanischen Biomasse?)
Und selbst wenn er akzeptierte, was ihm gesagt worden war, so war ihm sicherlich nicht alles gesagt worden. Ungezählte Fragen blieben, manche weniger wichtig, die meisten von Bedeutung. Schließlich war er noch immer er ein Individuum (nicht wahr?) und sah einer praktisch unbekannten Erfahrung entgegen.
Die Befehlsgruppen, die Forscher — keiner antwortete ihm jetzt. Was geschah in Nordamerika mit all den schlechten Menschen, deren Gedächtnisinhalte von den Noozyten bewahrt wurden? Freilich waren sie von der Welt, in der sie schlecht gewesen waren, genauso wirksam isoliert wie sie es in den Gefängnissen gewesen waren — weitaus wirksamer isoliert. Aber schlecht zu sein, bedeutete schlechtes, verdorbenes Denken, bedeutete eine Krebszelle in der Gesellschaft zu sein, eine gefährliche und antisoziale Fehlentwicklung, und er dachte dabei nicht bloß an Amokläufer oder Axtmörder. Er dachte an Politiker, die zu gierig oder blind waren, um zu wissen, was sie taten, Wirtschaftsverbrecher, die Tausende von Anlegern um ihre Ersparnisse gebracht hatten, Eltern, die zu dumm waren, um zu wissen, daß man seine Kinder nicht mißhandeln und zu Tode prügeln sollte. Was wurde aus diesen Leuten und den Millionen von krankhaften, kriminellen und antisozialen Elementen in der menschlichen Gesellschaft?
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