Ja, ja — wir sind informiert worden… wir sind gerade informiert worden, daß es fliegende Lebensformen gibt, und daß wir mit knapper Not der Kollision mit einigen von ihnen entgangen sind, die gigantischen Rochen, Gleitflüglern oder Segeln ähnelten, auch braun und weißlich. Sie flogen in einer Reihe nach Südwesten, als hätten sie sich zu einem Geschwader oder einem Schwarm formiert. Entschuldigen Sie. Entschuldigen Sie…
Ton und Bild aus! Ton und Bild aus, verdammt noch mal!
(Pause von fünf Minuten.)
Wir sind wieder da, und ich bitte, die Verzögerung zu entschuldigen. Ich bin auch nur ein Mensch und… nun, bisweilen in Gefahr, von Gemütsbewegungen überwältigt zu werden. Ich hoffe, Sie werden dies verstehen. Und lassen Sie mich an dieser Stelle sagen, daß ich die Ruhe und das Können unserer Offiziere und Besatzungsmitglieder bewundere, die sich durch nichts aus der Fassung bringen lassen. Wir haben soeben Danville in Illinois überflogen und werden in Kürze Indianapolis erreichen. Wir haben Veränderungen im Charakter der Landschaft — oder vielleicht sollte ich sagen, der Biostrukturen — gesehen, Veränderungen in Farbe und Form, doch ist uns eine Interpretation dessen, was wir unter uns vorbeiziehen sehen, schlechterdings unmöglich. Es ist, als überflögen wir eine völlig neue, fremde Welt, und unsere beiden Wissenschaftler sind viel zu sehr mit Ablesungen und Tonbanddiktaten ihrer Beobachtungen beschäftigt, als daß sie uns Journalisten Theorien oder Hypothesen, die sie möglicherweise entwickelt haben, mitteilen könnten.
Jetzt liegt Indianapolis unter uns, genauso geheimnisvoll, unbegreiflich, fremdartig und… ja… schön wie die anderen Megaplexe. Einige der Strukturen hier scheinen annähernd so hoch zu sein wie die Gebäude, die sie ersetzen, vielleicht einhundert oder zweihundert Meter hoch, und jetzt werfen sie im späten Tageslicht lange Schatten. Bald wird sich der Zeitablauf für uns beschleunigen, wenn wir auf Ostkurs gehen, und die Sonne wird untergehen. Die Atmosphäre ist bemerkenswert klar — keine Industrie, keine Automobile —, doch wer kann sagen, welche Art von Umweltverschmutzung eine lebende Landschaft verursachen mag, die nicht durch Photosynthese Sauerstoff erzeugt und so lufterneuernd wirkt? Was an Verseuchung vor sich geht, scheint jedenfalls nicht in die Atmosphäre abgegeben zu werden.
Ja, das wird von unseren Wissenschaftlern bestätigt. Als wir in geringer Höhe Chikago überflogen, zeigten die Meßergebnisse praktisch reine Luft an, frei von Rauch und Abgasen, und diese Reinheit der Luft zeigt sich auch in den klaren Farben des Horizonts. Die Luft ist zudem feucht und für die Jahreszeit ungewöhnlich warm. Vielleicht wird es in Nordamerika dieses Jahr keinen Winter geben, denn inzwischen müßten Chikago und die anderen überflogenen Städte bereits unter dünnen Schneedecken liegen. Aber es gibt keinen Schnee, nur Regen, warm und in großen Tropfen. Wir haben Gebiete mit dichter Bewölkung überflogen, aber nirgendwo Schnee oder Eis gesehen.
Ja. Ja. Ich sah es auch. Wie eine Feuerkugel sah es aus, eine Art Meteor vielleicht, bemerkenswert — Und mehrere andere, anscheinend…
(Laute Stimmen im Hintergrund, ein Alarmsignal.)
Großer Gott! Das war anscheinend der Wiedereintritt eines ausgedienten Satelliten in die obere Atmosphäre, vielleicht ein paar Dutzend Kilometer entfernt. Detektoren an Bord der Maschine geben Strahlungsalarm. Die Besatzung hat alle Notsysteme aktiviert, und wir befinden uns jetzt in einem steilen Steigflug aus der Gefahrenzone, mit… ja… nein, wir gehen tiefer und zeigen dem Objekt, was immer es war, ein Heckprofil…
Hier wird davon gesprochen, daß die Feuerkugel möglicherweise eine wieder in die Erdatmosphäre eintretende Interkontinentalrakete war, die jedoch nicht zündete, andernfalls würden wir kaum noch hier sein, und nun…
(Mehr Stimmen, die verwirrt durcheinander rufen; weitere Alarmsignale.)
Großer Gott! Nein! Ich fürchte, wir können die Maschine nicht mehr abfangen. Die meisten Instrumente und die Triebwerke sind ausgefallen, und wir sind in einem antriebslosen Sturzflug. Noch ist die Radioverbindung intakt, aber…
(Ende der Sendung RB-IH. Ende der Direktübertragung Lloyd Upton für das Sendernetz Europäischer Rundfunkanstalten. Ende der wissenschaftlichen Telemetrie.)
Bernard lag auf dem Feldbett, einen Fuß am Boden, das andere Bein angezogen und den Fuß gegen eine Falte in der Matratze gestützt. Er hatte sich seit einer Woche weder rasiert noch gebadet. Seine Haut war gezeichnet von weißlichen Schwielen, und aus den Schienbeinen hatten sich beulenartige Auswüchse entwickelt, die bis zu den Mittelfußknochen reichten. Sogar unbekleidet sah er aus, als trage er ausgestellte Hosen.
Ihm war es gleich. Mit Ausnahme seiner einstündigen Sitzung mit Paulsen-Fuchs und seiner täglichen Untersuchung, die etwa zehn Minuten in Anspruch nahm, verbrachte er einen großen Teil seiner Zeit auf dem Feldbett, wo er, die Augen geschlossen, mit den Noozyten kommunizierte. Den Rest der Zeit widmete er dem Bemühen, die chemische Sprache zu entschlüsseln. Er hatte wenig Hilfe von den Noozyten erhalten. Das letzte Gespräch über den Gegenstand hatte drei Tage zuvor stattgefunden.
Deine Konzeption ist nicht vollständig, nicht richtig.
— Sie ist noch nicht fertig.
Warum läßt du deine Kameraden nicht mit der Arbeit fortfahren? Es kann mehr erreicht werden, wenn du deine Aufmerksamkeit nach innen lenkst.
— Es wäre einfacher, wenn ihr mir einfach sagen würdet, wie ihr kommuniziert…
Wir WÜNSCHEN, wir könnten mehr »rein« miteinander sein, aber Befehlsgruppen glauben, daß Verschwiegenheit jetzt das Beste ist.
— Das kann ich mir denken!
Die Noozyten wollten ihm und den Forschern außerhalb der Isolierkammer also Informationen vorenthalten. Die Leute der Pharmek wiederum verschwiegen ihm in letzter Zeit immer mehr. Bernard konnte über die Gründe nur Mutmaßungen anstellen; er hatte Paulsen-Fuchs wegen der allmählichen Reduktion von Nachrichten und Untersuchungsergebnissen nicht zur Rede gestellt. In mancher Weise schien es ihm kaum der Mühe wert; er hatte mehr als genug zu tun, sich den Wechselwirkungen der Noozyten anzupassen.
Der Datenanschluß war noch eingeschaltet, zeigte noch immer Datenmaterial, das dem Computer vor drei Tagen eingegeben worden war. Die roten Linien hatten die grünen Zahlenkolonnen jetzt vollständig verdrängt. Von Zeit zu Zeit kamen blaue Linien hinzu. Die Kurven ihres Koordinatensystems flachten sich mehr und mehr ab, als die chemische Zusammensetzung in eine vermittelnde mathematische Sprache umgesetzt wurde, die in der nächsten Phase in eine Art Hilfssprache formaler Logik übersetzt würde. Aber diese nächste Phase war noch Wochen oder Monate entfernt.
Sein Gedankengang löste eine untypische Unterbrechung von Seiten der Noozyten aus.
Bernard, arbeitest du noch immer an unserer »Blutmusik«?
Hatte Ulam diese Wendung nicht auch einmal gebraucht?
Ist es dein WUNSCH, dich auf unserer Ebene zu uns zu gesellen? Wir hatten diese Möglichkeit nicht erwogen.
— Ich verstehe nicht recht, was ihr damit andeuten wollt.
Der Teil von dir, der hinter allen ausgegebenen Kommunikationen steht, mag verschlüsselt, aktiviert, zurückgegeben werden. Es wird wie ein TRAUM sein, wenn wir völlig verstehen, was das ist. (ANMERKUNG: Du träumst die ganze Zeit. Wußtest du das?)
— Ich kann einer von euch werden?
Wir denken, das ist eine richtige Einschätzung. Du bist bereits einer der unsrigen. Wir haben Teile von dir in viele Arbeitsgruppen verschlüsselt. Wir können deine PERSÖNLICHKEIT verschlüsseln und den Kreis schließen. Du wirst einer der unsrigen sein — zeitweilig, solltest du das wollen. Wir können es jetzt tun.
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