Die Richtung, die sie genommen hatten, würde sie freilich unausweichlich nach Los Angeles führen und zwingen, die Stadt zu durchfahren oder einen Weg außen herum zu finden, aber John hatte das nicht erwähnt.
Wenigstens gab sie ihnen eine Richtung. Es hatte keinen Sinn zu kritisieren, denn ohne sie würden sie noch immer in Livermore sein und so oder so verrückt werden — wahrscheinlich auf gewalttätige Art und Weise. John ging um den Lastwagen herum, die Hände in den Taschen und blickte zu Boden.
Sie würden alle sterben.
Ihm war es gleich. Am vergangenen Abend war er sehr, sehr müde geworden — müde in einer Weise, die Schlaf nicht heilen konnte. Er merkte, daß Jerry genauso zumute war. Sollte die verrückte Frau sie nur an der Nase herumführen. Wen kümmerte es?
Los Angeles mochte interessant sein. Er bezweifelte, daß sie jemals bis La Jolla kommen würden.
Jerry und April kamen mit Einkaufstüten in beiden Armen aus dem Laden. Sie lehnten die Tüten auf der Ladefläche gegen die Wand, und Jerry zog eine abgenutzte Landkarte aus dem Handschuhfach des Lastwagens.
»Auf der 580 südwärts bis zur Bundesstraße 5«, sagte er. John kletterte hinter das Lenkrad, und sie rumpelten weiter die Straße entlang.
Die Fernstraße war größtenteils frei von Fahrzeugen. Aber in weiten Abständen passierten sie verlassene oder zumindest leere Lastwagen, Personenwagen und sogar einen Bus der Luftwaffe am Straßenrand. Sie hielten nicht an, um Nachforschungen anzustellen.
Die Straßendecke war trocken und sauber, und sie kamen schnell voran. Die Hügel um die Wasserspeicher von San Luis und Los Baños hätten grün von den Winterregen sein sollen, waren aber von einem matten Grau, als hätten sie vor Aufbringung einer neuen Farbe eine Grundierung erhalten. Die Wasserspeicher selbst waren tiefgrün und still wie Glas. Nirgendwo waren Vögel oder Insekten sichtbar. April betrachtete all dies mit schicksalergebenem Stolz; mein Sohn hat das zuwege gebracht, schien sie zu denken, und obschon sie die Stirn runzelte, als sie an den Stauseen vorüberfuhren, schien sie im großen und ganzen nicht zu mißbilligen, was sie sah.
Jerry war von ihr zugleich gefesselt und eingeschüchtert, und so mochte er nichts sagen. John spürte jedoch sein Unbehagen.
Die Felder zu beiden Seiten der Bundesstraße 5 waren bedeckt mit moosigen braunen Laken, die wie Plastikfolie in der Sonne glänzten. »All die Bäume und Feldfrüchte«, sagte April kopfschüttelnd. »Was mag mit der Ernte geschehen sein?«
»Ich weiß es nicht, Madam«, sagte Jerry. »Ich besprühe die Felder bloß, ich bestelle sie nicht.«
»Nicht bloß die Menschen. Es hat alles überwältigt.« Sie lächelte sinnend. »Der arme Vergil. Hatte keine Ahnung.«
Bei einem Rasthaus neben der Straße machten sie Pause. Die Türen standen offen, und hinter der Kasse und im angeschlossenen Laden lagen ein paar Haufen Kleider, aber das Gebäude war offenbar ungestört und unverändert. Als sie nebeneinander im Pissoir standen, sagte John zu seinen Bruder: »Ich glaube ihr.«
»Warum?«
»Weil sie so sicher ist.«
»Soll das ein Grund sein?«
»Und sie lügt nicht.«
»Das vielleicht nicht, aber sie hat einen Dachschaden.«
»Glaube ich nicht.«
Jerry zog den Reißverschluß hoch und sagte: »Sie ist eine Hexe, John.«
John mochte nicht widersprechen.
Das gleichförmige, braun überzogene Farmland wechselte allmählich Farbe und Charakter, als sie sich der Abzweigung Lost Hills näherten. Mehr nackte Erde erschien, staubig und leblos aussehend. In der Ferne trieb der Wind Staubwolken über das Land, als ob unsichtbare Dienstmädchen nach einer ausgelassenen Feier mit Ausfegen beschäftigt wären. »Was ist bloß aus der, Ernte geworden?« wunderte sich April.
Jerry schüttelte den Kopf. Er wußte es nicht und wollte es nicht wissen.
John blinzelte in den staubigen Dunst voraus und trat auf die Bremse, schaltete gleichzeitig herunter. Dann trat er mit aller Macht auf das Bremspedal, und der Lastwagen brach mit quietschenden Reifen aus. Jerry fluchte, und April klammerte sich grimmig an den Fensterrahmen.
Der Lastwagen kam um hundertachtzig Grad gedreht am Straßenrand zum Stillstand. John wendete und schaltete den Leerlauf ein.
Sie starrten. Worte waren überflüssig — und auch nicht möglich.
Ein Hügel überquerte die Fernstraße. Langsam und schwerfällig, vielleicht dreißig Meter hoch, schob sich die glänzend braune und grau grundierte Masse kaum zweihundert Meter voraus durch die Staubfahnen.
»Wie viele von denen mag es geben?« fragte April schließlich.
»Wer kann das sagen?« antwortete John.
»Muß einer von den Lost Hills sein, die angezeigt waren«, sagte Jerry ohne eine Andeutung von Leichtsinn.
»Vielleicht ist das eine Erklärung für das Verschwinden der Ernte«, spekulierte April. Den Brüdern lag nichts daran, die Frage zu diskutieren. John wartete, bis der Hügel die Straße freigab, was eine halbe Stunde dauerte, und als er sich in westlicher Richtung weiter über die Felder schob, startete John den Motor und legte den ersten Gang ein. Im Schrittempo holperten sie über den zerwühlten Asphalt. Es roch nach zerquetschten Pflanzen und Staub.
»Marsbewohner«, sagte John. Das war sein letzter Protest gegen Aprils Behauptung zu wissen, was tatsächlich geschehen sei. Danach sagte er sehr wenig, bis die Steigung begann, vorüber an den unveränderten Bäumen und Gebäuden von Fort Tejon und den undeutlichen Umrissen der kleinen Ortschaft Gorman. Als sie sich der Paßhöhe näherten, warf er Jerry einen Seitenblick zu und sagte: »Voraus die Stadt der Engel.«
Es war fünf Uhr nachmittags, früher Abend, und es wurde bereits dunkel.
Die Luft über Los Angeles war purpurrot wie gut abgehangenes rohes Fleisch.
Zur Mittagszeit wurde Bernards Essen durch die kleine Luke geschickt — eine Schale mit Obst und Brötchen mit Roastbeef mit einem Glas Mineralwasser. Er aß langsam und nachdenklich, und von Zeit zu Zeit ging sein Blick zum Bildschirm. Der Datenanschluß zeigte die letzten Ergebnisse der Analyse einiger seiner Serumproteine.
Die Zahlen auf dem Bildschirm waren pfefferminzgrün. Unter ihnen nahmen rote Linien Gestalt an, die sich zusammenrollten, als neue Zahlenserien hinzugefügt wurden.
Bernard, was ist das?
— Keine Bange, antwortete er auf die innere Frage. Wenn ich nicht arbeiten kann, funktioniere ich schlecht.
Die Kommunikationsebene hatte sich in den letzten Tagen enorm vervollkommnet.
Du analysierst etwas, was mit unserer Kommunikation in Zusammenhang steht. Dazu gibt es keine Notwendigkeit. Du kommunizierst bereits durch die richtigen Kanäle, durch uns.
— Ja, richtig. Aber werdet ihr mir alles sagen, was ich wissen muß?
Wir sagen dir, was zu sagen wir beauftragt sind.
— Ihr habt mich enträtselt, also erlaubt mir, euch zu enträtseln. Ich muß fühlen, daß ich nicht machtlos bin, daß ich etwas Nützliches tue.
Mit großer Schwierigkeit haben wir versucht, deine Situation zu verstehen, Sie VORZUSTELLEN. Du bist in einem geschlossenen RAUM. Dieser RAUM ist von »Konzentration«, die du als klein betrachtest.
— Aber ausreichend, da ich jetzt euch habe, mit denen ich plaudern kann.
Du bist festgehalten. Du kannst die Grenzen des eingeschlossenen RAUMS nicht durchdringen. Ist diese Beschränkung Folge deiner Entscheidung?
— Ich werde nicht bestraft, wenn es das ist, was euch Sorgen macht.
Wir können BESTRAFT nicht »codieren«. Du bist gesund. Deine Körperfunktionen sind in Ordnung. Deine EMOTION ist nicht extrem.
— Warum sollte ich aufgeregt sein? Ich habe verloren. Alles ist vorbei bis auf die… ähem… Verschlüsselung.
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