»Du mußt sehr reich gewesen sein und eine Menge Geld verdient haben«, sagte sie zu dem grauen Anzug und dem seidenen Hemd und den Schuhen. »Ich meine, es ist hübsch hier, und elegant. Ich würde dir danken, wenn ich könnte.« Sie trank die Flasche leer und steckte sie in einen hölzernen Papierkorb unter dem Schreibtisch.
Der Schreibtischsessel war so bequem, daß man darin schlafen konnte, aber sie hoffte, ein Bett zu finden. In Fernsehfilmen sah man manchmal reiche Geschäftsleute, die in ihren Büroräumen private Schlafzimmer eingerichtet hatten. Dieses Büro sah sicherlich vornehm genug aus. Aber im Moment war sie zu müde, um nach einem Schlafzimmer zu suchen.
Die Sonne ging über New Jersey nieder, und Suzy massierte sich die strapazierten Beinmuskeln.
Der größte Teil der Stadt, so weit sie sehen konnte, war verhängt mit braunen und schwarzen Decken. Es gab keine bessere Beschreibung. Jemand war gekommen und hatte alle Gebäude in Manhattan bis zum zehnten oder zwanzigsten Stockwerk in Decken gehüllt. Von Zeit zu Zeit sah sie riesige Bahnen des Materials auffliegen und davonsegeln, wie sie es schon in Brooklyn beobachtet hatte, aber anscheinend hatte der Wind nachgelassen, denn es gab jetzt weniger von dieser Aktivität.
»Leb wohl, Sonne«, sagte sie. Der kleine rote Bogen versank hinter dem Horizont, und zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie in der letzten Sekunde gebrochenen Lichts ein kurzes Aufleuchten von Grün. Sie hatte in der Schule davon gehört; die Lehrerin hatte gesagt, es sei ein sehr seltenes Phänomen (und hatte sich nicht die Mühe gemacht zu erklären, wodurch es verursacht wurde), und nun lächelte sie voll Freude. Sie hatte es tatsächlich gesehen.
»Ich bin eben privilegiert, das ist es«, sagte sie. Und das brachte sie auf eine Idee. Sie war nicht sicher, ob es einer ihrer unheimlichen Anflüge von Einsicht war, oder ob es sich bloß um einen Tagtraum handelte. Sie wurde beobachtet. Das Braune beobachtete sie, und der Fluß. Die Häuflein der Kleider. Was aus den Menschen geworden war, beobachtete sie. Es war keine unangenehme Art von Beobachtung, weil Suzy wußte, daß sie ihnen gefiel. Sie würde unverändert bleiben, solange sie weiterhin tat, was sie tat.
»Nun, ich muß mir mein Bett suchen«, sagte sie, stemmte sich aus dem Schreibtischsessel hoch und reckte die Arme. »Hübsches Büro«, sagte sie zu dem grauen Anzug.
Hinter dem Sekretärinnenschreibtisch im Vorzimmer war eine unmarkierte Tür. Sie öffnete sie und fand eine Kammer voll von Akten und Papieren, die auf Regalen gestapelt waren, darunter verschiedene Büromaterialien und einen eigentümlichen kleinen Kasten mit einem glimmenden roten Licht. Etwas versorgte ihn noch mit Elektrizität. Vielleicht war es ein Einbruchsalarm, dachte sie, eine von Batterien gespeiste Anlage. Oder vielleicht war es ein Rauchdetektor. Sie schloß die Tür und ging in die entgegengesetzte Richtung. Um die Ecke vom großen Büro war eine weitere Tür, und sie trug eine Messingplakette mit der Aufschrift PRIVAT. Sie nickte und probierte den Drücker. Die Tür war verschlossen, aber mittlerweile war sie routiniert in der Beschaffung von Schlüsseln. Sie fand einen wahrscheinlichen Kandidaten in der Schreibtischschublade und steckte ihn ins Schloß. Er öffnete die Tür.
Der Raum war dunkel. Sie schaltete die Taschenlampe ein. Der breitgefächerte Lichtkegel wanderte über ein bequem aussehendes Bett, einen Nachttisch, einen Tisch mit einem kleinen Computeranschluß in einer Ecke, und…
Suzy schrie auf. Sie hörte ein dumpfes Geräusch und sah aus den Augenwinkeln, wie ein kleines Ding unter den Schreibtisch und andere Dinger unter das Bett huschten. Sie hob den Lichtkegel. Neben dem Bett erhob sich eine Röhre. Auf ihrem Ende saß ein runder Gegenstand mit vielen flachen, dreieckigen Facetten und Strähnen oder Fransen, die von den Seiten hingen. Es schwankte und versuchte, dem Lichtschein zu entgehen. Etwas Kleines und Dunkles sauste an ihren Füßen vorbei, und sie sprang zurück und leuchtete auf ihre Schuhe.
Es mochte eine Ratte gewesen sein, aber dafür war es zu groß und nicht richtig geformt, und für eine Katze wiederum zu klein. Es hatte viele große Augen oder glänzende Teile an einem runden Kopf, aber nur drei mit rotem Pelz bedeckte Beine. Es rannte in das große Büro. Hastig schloß Suzy die Tür zum Schlafzimmer und wich zurück, eine Hand vor dem Mund.
Zum Teufel mit dem obersten Stockwerk. Es lag ihr nichts mehr daran.
Der Korridor außerhalb des Vorzimmers war frei. Sie nahm das Transistorradio vom Schreibtisch der Sekretärin, die Wasserflasche und ihren Plastikbeutel mit Lebensmitteln, und machte sich eilig marschbereit, zog den Gürtel durch den Handgriff an der Flasche und hängte den Beutel über die Schulter. »Mein Gott, mein Gott«, flüsterte sie. Dann rannte sie den Korridor entlang, daß die Flasche ihr gegen den Hintern schlug und öffnete die Tür zum Treppenhaus. »Abwärts«, murmelte sie. »Abwärts, abwärts, abwärts!« Sie wollte versuchen, das Gebäude zu verlassen. Wenn es in den oberen Stockwerken solche Dinger gab, hatte sie keine andere Wahl. Ihre Turnschuhe trappelten eilig über die Stufen. Der Plastikbeutel schwang hin und her und platzte plötzlich auf, verstreute Zwieback und Schokoladeriegel und kleine Dosen und Gläser über die Treppe. Die Gläser brachen, und eine ungeöffnete Dose Pflaumenkompott rollte eine Stufe nach der anderen hinab, rollte und plumpste, rollte und plumpste.
Sie fing an, die verstreuten Dinge aufzusammeln, dann lenkte eine undeutlich wahrgenommene Bewegung ihren Blick zur Wand. Mit geweiteten Augen sah sie weißliche Fäden über eine Tür hinkriechen, während ein dunkelbraunes Laken mühsam die Seitenwand erklomm.
»Nein!« schrie sie. »Verdammt, nein! Laßt mich in Ruhe, laßt mich hinuntergehen!« Sie warf den Kopf zurück und schlug auf das Treppengeländer, bis ihre Fäuste sie schmerzten. Tränen stiegen ihr in die Augen. »Laßt mich in Ruhe!« Aber die Laken rückten vor.
Wieder hinauf. Ganz gleich, was weiter oben war, sie mußte hinauf. Sie konnte das Zeug mit einem Besenstiel abwehren, aber sie konnte nicht hindurchwaten — das wäre zuviel, und sie würde wirklich den Verstand verlieren.
Sie sammelte von ihren Lebensmitteln auf, was sie konnte und stopfte es in die Taschen. Oben im Restaurant mußte es Lebensmittel geben.
»Ich werde nicht darüber nachdenken«, sagte sie sich wieder und wieder, nicht in bezug auf das Essen, das ihr jetzt nur wenig Sorge bereitete. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was sie anfangen würde, nachdem sie es bis zum obersten Stockwerk geschafft hätte.
Das lederige braune Deckenmaterial war offensichtlich bestrebt, die ganze Stadt zu überziehen, bis hin zu den oberen Geschossen des World Trade Centers.
Und das würde für Suzy McKenzie sehr wenig Raum übrig lassen.
April Ulam beschirmte die Augen, um in den Sonnenaufgang zu sehen. Die Windmühlen von Tracy standen in dünnen Silhouetten vor dem gelb verfärbten Himmel. Die Propeller drehten sich im Wind und versorgten die verlassene Tankstelle, wo die Zwillinge den Lastwagen aufgetankt hatten, mit Strom. Sie blickte zu John und nickte wie in stummer Übereinstimmung: ja, wahrhaftig. Ein weiterer Tag. Dann ging sie zurück in den kleinen Lebensmittelladen, Jerrys Suche nach Proviant zu überwachen.
Sie war viel zäher, als sie aussah, dachte John. Verrückt oder nicht, sie hatte die Brüder in ihren Bann geschlagen. Sie hatten die Nacht erschöpft in der Tankstelle verbracht, nachdem sie von Livermore weniger als dreißig Kilometer gefahren waren. Sie hatten sich schließlich für die Route durch das zentralkalifornische Tal entschieden. April hatte es vorgeschlagen; sie dachte, es sei am besten, die einst dicht bevölkerten Gegenden zu meiden. »Nach allem zu urteilen, was in Livermore geschah«, hatte sie gesagt, »kann es nicht in unserem Interesse liegen, in San Jose oder sonstwo steckenzubleiben.«
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