»Ich habe es in mir zurückgehalten«, sagte John, nachdem er tief und bebend Atem geholt hatte. »Jerry, laß mich los! Ich habe es zu lange in mir verschlossen. Laß uns von hier verschwinden! Niemand ist da. Niemand ist hier unten.«
»Ja«, sagte Jerry. »Nicht hier. Vielleicht irgendwo, aber nicht hier.«
»Ich kann sie fühlen, Jerry.«
»Ich weiß. Aber nicht hier.«
»Aber wo dann, zum Teufel…«
»Schhh.« Sie lauschten dem leisen Säuseln der Luft, die den Nebel in Wallung brachte. Jerry spürte, wie seine Augen sich in der Dunkelheit so weit wie Katzenaugen öffneten. »Still. Da ist was…«
»Mein Gott.« John machte sich von seinem Bruder los. Sie standen da, triefend vom klebrigen Schlamm und blickten in die Richtung des Lichtkegels. Dort wogte und brodelte der Nebel.
»Es ist ein Jogger«, sagte Jerry, als die Silhouette Gestalt annahm.
»Es ist zu groß«, meinte John.
Das Objekt hatte einen Durchmesser von mindestens drei Metern, war abgeflacht und hatte Fransen, die von seiner Seite herabhingen. Im ungewissen Licht schien es bräunlich zu sein.
»Es hat keine Beine«, wisperte Jerry. »Es schwebt einfach da.«
John trat vor. »Gottverdammte Bestien«, sagte er mit gepreßter Stimme. Er hob die Faust. »Ich werde sie…«
Und es folgte ein Augenblick des Vergessens.
Der Morgen färbte den Osthimmel aquamarinblau. Die Stadt, bedeckt mit braunen und weißlichen Laken, gemahnte an etwas, das eher unter Wasser gehörte, eine niedrige, ebene Strecke Meeresgrund.
Sie standen im Entwässerungsgraben jenseits der Zäune und blickten zur Stadt hin.
»Ich kann mich kaum bewegen«, sagte Jerry.
»Ich mich auch nicht.«
»Ich glaube, es hat uns gestochen.«
»Ich fühlte nichts.«
John bewegte versuchsweise den Arm. »Ich glaube, ich sah sie.«
»Du sahst — wen?«
»Ich bin ziemlich durcheinander, Jerry.«
»Ich auch.«
Die Sonne war schon ein gutes Stück am Himmel emporgestiegen, als sie endlich imstande waren, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Über der Stadt trieben transparente Halbkugeln zwischen den Umrissen der Gebäude und versprühten bisweilen dünne Lichtimpulse. »Erinnert mich an eine Qualle«, bemerkte Jerry, während sie schwankend zur Straße und zum Lastwagen tappten.
»Ich glaube, ich sah Loren und Ruth. Ich bin nicht sicher«, sagte John. Langsam und mit steifen Bewegungen näherten sie sich allmählich dem Lastwagen, kletterten ins Fahrerhaus und schlossen die Türen. »Fahren wir!«
»Wohin?«
»Ich sah sie unten, wo wir waren. Aber sie waren nicht da. Das ergibt keinen Sinn.«
»Nein, ich meine, wohin fahren wir jetzt?«
»Aus der Stadt. Anderswohin.«
»Sie sind überall, John. Sagt das Radio.«
»Verdammte Marsbewohner.«
Jerry seufzte. »Marsbewohner? — Die hätten uns längst umgelegt, John.«
»Scheiß auf sie! Laß uns fahren!«
»Was immer sie sind«, meinte Jerry, »ich bin ziemlich sicher, daß sie von hier sind.« Er deutete mit einem Nicken hinüber zum Lawrence Livermore-Gelände. »Von dort drüben.«
»Fahr los!« sagte John. Jerry startete den Motor, legte den Gang ein und rumpelte die ungeteerte Straße entlang. Sie bogen in die East Avenue ein, wichen an der nächsten Kreuzung mit knapper Not einem verlassenen Wagen aus und schleuderten mit quietschenden Reifen auf die South Vasco Road, um die Fernstraße zu erreichen. »Wieviel Sprit haben wir im Tank?«
»Hab gestern erst aufgetankt. Bevor die Laken die Zapfsäulen einwickeln konnten.«
»Weißt du«, sagte John, bückte sich und hob Putzwolle vom Boden auf, sich die Hände zu wischen, »ich glaube nicht, daß wir klug genug sind, diesen Dingen auf den Grund zu kommen. Wir haben einfach keine Ahnung.«
»Oder keine guten Ideen, vielleicht.« Jerry kniff die Augen zusammen. Einen Kilometer voraus stand jemand am Straßenrand und winkte lebhaft. John folgte der Blickrichtung seines Bruders.
»Wir sind nicht allein«, sagte er.
Jerry verlangsamte. »Eine Frau.« Vierzig oder fünfzig Schritte vor der Stelle, wo sie wartete, hielten sie an. Jerry beugte sich aus dem Fenster der Fahrerseite, um sie genauer ins Auge zu fassen. »Jung ist sie nicht«, sagte er in enttäuschtem Ton.
Sie war Anfang oder Mitte fünfzig, mit offenem schwarzen Haar, und sie trug ein pfirsichfarbenes Seidengewand, das bis zu den Knöcheln reichte und hinter ihr flatterte, als sie näherlief. Die Brüder sahen einander an und schüttelten den Kopf, ungewiß, was sie denken oder tun sollten.
Sie kam zur Beifahrerseite, außer Atem und lachend. »Gott sei gedankt!« sagte sie. »Oder der glücklichen Fügung des Schicksals. Ich dachte schon, ich sei die einzige Überlebende in der ganzen Stadt.«
»Anscheinend nicht«, murmelte Jerry. John öffnete die Tür, und sie kletterte herauf ins Fahrerhaus. Er rückte zur Seite und machte ihr Platz, und sie setzte sich mit einem tiefen Seufzer und lachte wieder. Sie wandte den Kopf und betrachtete die beiden mit einem Ausdruck plötzlich erwachten Mißtrauens. »Sie sind hoffentlich keine Straßenräuber, oder?«
»Glaube ich nicht«, sagte Jerry, den Blick nach vorn auf die Straße gerichtet. »Von wo sind Sie?«
»Aus der Stadt. Mein Haus ist weg, und die ganze Nachbarschaft ist eingewickelt wie ein Weihnachtspaket. Ich dachte, ich sei die einzige Überlebende auf der Welt.«
»Dann haben Sie nicht Radio gehört«, sagte John.
»Nein. Ich mag die elektronischen Sachen nicht. Aber ich weiß auch so, was vorgeht.«
»Was Sie nicht sagen«, sagte Jerry und legte den Gang ein.
»In der Tat. Mein Sohn. Er ist für dies alles verantwortlich. Ich hatte keine Ahnung, welche Form es annehmen würde, aber es gibt keinen Zweifel. Und ich warnte ihn noch!«
Die Zwillinge tauschten wieder einen Blick. Die Frau warf das Haar zurück und zog es im Nacken geschickt durch ein Gummiband.
»Ja, ich weiß«, sagte sie und lachte leise. »Verrückt wie eine Bettwanze, die Alte. Aber wenn Sie mir schon nicht glauben, ich kann Ihnen sagen, wohin wir fahren sollten.«
»Wohin?« fragte Jerry.
»Nach Süden«, sagte sie entschieden. »Dorthin, wo mein Sohn arbeitete.« Sie strich das Gewand über ihren Knien glatt. »Übrigens, mein Name ist Ulam, April Ulam.«
»John«, sagte John, streckte unbeholfen die Rechte aus und ergriff ihre Hand. »Und das ist mein Bruder, Jerry.«
»Ah, ja«, sagte April. »Zwillinge. Leuchtet ein.« Jerry fing an zu lachen. Tränen traten ihm in die Augen, und er wischte sie mit dem schmutzigen Handrücken ab. »Südwärts, meine Dame?« fragte er. »Selbstverständlich.«
Elektronisches Tagebuch von Michael Bernard
15. Januar: Heute begannen sie, mit mir zu sprechen. Stockend zuerst, dann, im weiteren Tagesverlauf, mit größerer Zuversicht.
Wie soll ich die Erfahrung ihrer »Stimmen« beschreiben? Nachdem sie endlich die Blut-Gehirn-Barriere überwunden und die (für sie) enormen Grenzgebiete meines Gehirns erforscht haben, und nachdem sie in den Aktivitäten dieser neuen Welt ein ordnendes Prinzip — nämlich mich — erkannt und begriffen haben, daß die Information aus ihrer fernen Vergangenheit vor Monaten zutreffend war, daß eine makroskopische Welt tatsächlich existiert…
Nachdem sie dies alles gelernt haben, müssen sie sich nun mit der Vorstellung vertraut machen, was es ist, Mensch zu sein. Denn erst in diesem Stadium können sie mit diesem Gott in der Maschine kommunizieren. Indem sie während der letzten Tage vielleicht Zehntausende von »Gelehrten« an diesem Projekt arbeiten ließen, haben sie die Aufgabe tatsächlich gelöst und plaudern jetzt mit mir nicht anders als beispielsweise ein australischer Ureinwohner.
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