Howard, zwanzig Jahre alt, trug im Haus gewöhnlich Jeans ohne Hemd. Er ging gern mit freiem Oberkörper, um seine muskulöse Gestalt zur Schau zu stellen. Nun war sein Oberkörper von rötlichbrauner Farbe, wie der eines Indianers, und gerippt wie ein altmodisches Waschbrett. Sein Gesicht war noch kenntlich und wirkte ruhig. Augen und Mund waren geschlossen, und er atmete noch.
Kenneth — es mußte Kenneth sein, sah mehr wie ein Klumpen Teig in Kleidern aus als wie ihr ältester Bruder.
Was auch geschehen war, es war völlig unverständlich. Sie fragte sich, ob es etwas sei, wovon jeder wußte, aber vergessen hatte, ihr etwas zu sagen.
Nein, das ergab keinen Sinn. Die Menschen waren selten grausam zu ihr, und ihre Mutter und ihre Brüder niemals. Das Beste war, zur Tür hinauszulaufen und die Polizei zu rufen, oder sonst jemand; jemand, der wissen würde, was zu tun sei.
Sie überflog die Liste der Telefonnummern, die über dem alten schwarzen Telefon im Hausgang an der Wand festgemacht war, dann versuchte sie den Notruf zu wählen. Immer wieder glitt ihr Finger aus dem Loch in der Wählscheibe. Tränen standen ihr in den Augen, als es ihr endlich gelang, die drei Zahlen hintereinander zu wählen.
Das Telefon läutete mehrere Minuten lang, aber niemand meldete sich. Endlich kam eine auf Band gesprochene Durchsage: »Alle Anschlüsse sind belegt. Bitte hängen Sie nicht ein, sonst verlieren Sie Ihre Priorität.« Das Läuten ging weiter. Nach fünf Minuten legte sie schluchzend auf und wählte die Auskunft. Auch dort keine Antwort. Dann dachte sie an das Gespräch, das sie am Abend zuvor geführt hatten, über eine Art Ungeziefer in Kalifornien. Die Meldung war im Radio durchgekommen. Alle waren krank, und man hatte das Militär zum Katastropheneinsatz befohlen. Erst als ihr dies einfiel, ging Suzy McKenzie vor die Haustür und stellte sich auf die Stufen und rief um Hilfe.
Die Straße lag verlassen. Abgestellte Wagen säumten beide Seiten — unerklärlich, denn zwischen acht Uhr früh und sechs Uhr abends war Parken verboten, ausgenommen an Donnerstagen und Freitagen, und heute war Dienstag, und die Polizei achtete streng auf die Einhaltung der Bestimmungen. Niemand fuhr herum. Sie konnte niemanden in einem Wagen sitzen oder gehen oder an einem Fenster sitzen sehen. Sie lief die Straße hinauf, weinte und rief um Hilfe, zuerst bittend, dann zornig, dann in Angst und schließlich wieder flehend.
Als sie einen Postboten auf dem Gehsteig am schmiedeeisernen Zaun eines alten Backsteinhauses liegen sah, hörte sie auf zu schreien. Er lag auf den Rücken, hatte die Augen geschlossen und sah genau wie Mutter und Howard aus. Für Suzy waren Postboten geheiligte Wesen, immer verläßlich. Mit allen zehn Fingern preßte sie das Entsetzen aus ihrem Gesicht und drückte die Augen zu, ihre Gedanken zusammen. »Dieses Ungeziefer ist überallhin gekommen«, sagte sie sich. »Jemand muß wissen, was zu tun ist.« Sie ging wieder nach Hause und nahm den Telefonhörer auf. Sie begann, alle Nummern zu wählen, die sie kannte. In einigen Fällen kam sie durch und hörte das Rufzeichen; in anderen gab es nur Stille oder seltsame Computergeräusche. Niemand meldete sich, ganz gleich, welche Nummer sie wählte. Sie versuchte es noch einmal bei ihrem Freund, Cary Smyslow, und hörte das Rufzeichen, acht—, neun—, zehnmal, bevor sie auflegte. Sie wartete etwas, überlegte, und wählte dann die Nummer ihrer Tante in Vermont.
Diesmal hatte sie beim dritten Läuten Glück. »Hallo?« Die Stimme klang schwach und zittrig, aber es war unzweifelhaft ihre Tante.
»Tante Dawn, hier ist Suzy in Brooklyn. Ich bin hier in großen Schwierigkeiten…«
»Suzy?« sagte die Stimme. Es schien eine Weile zu dauern, bis der Name ihrer Tante etwas sagte.
»Ja, du weißt doch, Suzy. Suzy McKenzie.«
»Kindchen, ich höre nicht allzu gut.« Tante Dawn war einunddreißig Jahre alt, keine hinfällige alte Frau, aber sie hörte sich ganz und gar nicht gesund an.
»Mama ist krank, vielleicht ist sie tot. Ich weiß es nicht, und Kenneth und Howard, und niemand ist da, oder alle sind krank, ich weiß nicht…«
»Ich leide auch irgendwie unter dem Wetter«, sagte Tante Dawn. »Hab diese Beulen. Dein Onkel ist fort, oder vielleicht ist er draußen in der Garage. Jedenfalls ist er seit…« Sie hielt inne. »Seit gestern abend nicht ins Haus gekommen. Er ging hinaus und redete mit sich selbst. Noch nicht zurück. Kindchen…«
»Was geht vor?« fragte Suzy mit überschnappender Stimme.
»Kind, ich weiß es nicht, aber ich kann nicht mehr reden. Ich glaube, ich werde verrückt. Leb wohl, Suzy.« Und dann, so unglaublich es schien, legte sie auf. Suzy versuchte sie noch einmal zu erreichen, bekam aber keine Antwort. Und schließlich, bei ihrem dritten Versuch, nicht einmal ein Rufsignal.
Sie war im Begriff, das Telefonbuch aufzuschlagen und auf gut Glück Anrufe zu machen, besann sich aber eines Besseren und kehrte in die Küche zurück. Vielleicht konnte sie etwas tun — sie kühlhalten, oder warm, oder ihnen bringen, was an Medizin im Haus war.
Ihre Mutter sah dünner aus. Die Schwielen im Gesicht und auf den Armen schienen in sich zusammengesunken zu sein. Suzy streckte die Hand aus, das Gesicht der Mutter zu berühren, zögerte, zwang sich dann dazu. Die Haut fühlte sich warm und trocken an, nicht fiebrig, normal genug für ihr Aussehen. Ihre Mutter schlug die Augen auf.
»Ach, Mutter«, schluchzte Suzy. »Was ist geschehen?«
»Nun«, sagte ihre Mutter und befeuchtete sich die Lippen mit der Zunge, »eigentlich ist es ganz schön. Dir fehlt nichts, nicht wahr? Oh, Suzy.« Und dann schloß sie die Augen und sagte nichts mehr. Suzy wandte sich zu Howard, der auf dem Stuhl saß. Sie berührte ihn am Arm und schrak zurück, als die Haut Luft abzulassen schien. Dann erst bemerkte sie das Geflecht wurzelartiger Röhren, das aus seinen Jeans kam und in dem Spalt zwischen Küchenwand und Boden verschwand.
Weitere Wurzeln erstreckten sich von Kenneths teigfarbenen Armen in die Speisekammer. Und hinter ihrer Mutter, unter dem Rocksaum herauswachsend und in den Schrank unter der Spüle reichend, war ein einziges dickes Rohr aus bleichem Fleisch. Suzy dachte im ersten Augenblick an Horrorfilme und Make-up, und daß sie vielleicht einen Film drehten und ihr nichts gesagt hatten. Sie beugte sich näher und spähte hinter ihre Mutter. Sie war keine Expertin, aber das Rohr aus Fleisch war nicht Make-up. Sie konnte Blut darin pulsieren sehen.
Langsam stieg Suzy wieder die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Sie setzte sich aufs Bett, knüpfte ihr langes blondes Haar zu einem Zopf und löste ihn wieder auf, dann legte sie sich hin und blickte zu dem sehr alten silbrigen Linoleum an der Decke auf. »Lieber Gott, bitte komm und hilf mir, denn ich brauche dich jetzt«, betete sie. »Lieber Gott, bitte komm und hilf mir, denn ich brauche dich jetzt!«
Und so weiter, bis in den Nachmittag hinein, als der Durst sie ins Badezimmer trieb, etwas zu trinken. Während sie das Wasser schluckte, wiederholte sie ihr Gebet, bis die Einförmigkeit und Vergeblichkeit sie schließlich verstummen ließen. Sie stand am Treppengeländer, noch immer in ihrem himmelblauen Bademantel und begann, Pläne zu schmieden. Sie war nicht krank — noch nicht —, und sie war ganz gewiß nicht tot.
Also mußte etwas geschehen, mußte sie etwas unternehmen.
Und doch hoffte sie im Hintergrund ihres Bewußtseins, daß sie vielleicht durch die Art und Weise, wie sie eine Tür öffnete oder einem besonderen Pfad durch die Straßen folgte, dem Weg zurück in die vertraute alte Welt finden könne. Sie dachte nicht, daß es wahrscheinlich sei, aber alles, was sie versuchte, war der Mühe wert.
Es galt harte Entscheidungen zu treffen. Was nützte ihr alle Ausbildung, wenn sie nicht selbständig denken und notwendige Entschlüsse fassen konnte? Sie wollte nicht mehr in die Küche, wenn es sich vermeiden ließ, aber dort waren Lebensmittel. Sie konnte versuchen, in andere Häuser einzudringen, oder sogar in den Lebensmittelladen am Ende des Blocks, doch befürchtete sie, daß dort andere Körper liegen würden.
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