Nicht notwendig.
— Geht fort! Edward, ich möchte mich wehren —
— Verlaßt uns, bitte, verlaßt uns!
GEDULD. Schwierigkeiten.
Sie verstummten und begnügten sich mit der Freude ihrer beiderseitigen Nähe und Gesellschaft. Was Edward nahebei spürte, war nicht Gails körperliche Gegenwart; nicht einmal sein eigenes Vorstellungsbild von ihrer Persönlichkeit, sondern etwas Überzeugenderes, mit allen Unvollkommenheiten und Details der Realität, aber nicht so, wie er sie bis dahin je erfahren hatte.
— Wieviel Zeit ist vergangen?
— Ich weiß es nicht. Frag sie! Keine Antwort.
— Haben sie es dir gesagt?
— Nein, ich glaube nicht, daß sie tatsächlich verstehen, zu uns zu sprechen… noch nicht. Vielleicht ist dies alles Halluzination. Vergil halluzinierte, und viel leicht imitiere ich bloß seine Fieberträume…
— Sag mir, wer wen halluziniert? Warte. Etwas kommt. Kannst du es sehen?
— Ich kann nichts sehen… aber ich fühle es.
— Beschreibe es mir!
— Ich kann nicht.
— Sieh mal, es tut etwas.
— Es ist schön.
— Es ist sehr… ich finde nicht, daß es beängstigend ist. Es ist jetzt näher.
Kein SCHMERZ. Kein SCHADEN. »Lernen« hier, »anpassen«.
Es war keine Halluzination, doch ließ es sich mit Worten nicht beschreiben. Edward wehrte sich nicht, als es über ihn kam.
— Was ist es?
— Es ist, wo wir einige Zeit sein werden, glaube ich.
— Bleib bei mir!
— Natürlich…
Auf einmal gab es eine Menge zu tun und vorzubereiten.
Edward und Gail wuchsen auf dem Bett zusammen, Substanz durchdrang ihre Kleider, die Haut verschmolz, wo sie einander umarmten, die Lippen, wo sie sich berührten.
Bernard war sehr stolz auf seine Falcon 10. Er hatte sie in Paris vom Präsidenten eines Computerherstellers erworben, der bankrott gegangen war. Er hatte die schnittige Düsenmaschine drei Jahre benutzt, hatte fliegen gelernt und innerhalb von drei Monaten nach einem »sitzenden Start«, wie sein Fluglehrer es ausgedrückt hatte, die Pilotenlizenz erworben. Liebevoll berührte er den Rand des schwarzen Armaturenbretts mit einem Finger, dann strich er mit dem Daumen über die eingelegte Holzverblendung. Sonderbar, daß von so vielen Dingen, die zurückblieben — und so viel Verlust — eine tote Maschine derartige Bedeutung gewinnen konnte. Freiheit, Prestige… In den nächsten Wochen, wenn er noch so viel Zeit hatte, würde es offensichtlich viele Veränderungen geben, auch jenseits des Physischen. Er würde sich mit seiner Schwäche, seiner Vergänglichkeit abfinden müssen.
Die Maschine war auf dem New Yorker La Guardia- Flughafen aufgetankt worden, ohne daß er das Cockpit verlassen hatte. Er hatte die Anweisungen über Funk durchgegeben, war zur Auftankanlage für Privatmaschinen gerollt und hatte die Triebwerke ausgeschaltet. Das Flughafenpersonal hatte seine Arbeit rasch und routiniert verrichtet, und er hatte mit der Flugkontrolle den Weiterflug verabredet. Nicht ein einziges Mal hatte er menschliche Haut berühren oder auch nur dieselbe Luft atmen müssen wie das Bodenpersonal.
In Reykjavik mußte er die Maschine verlassen und dem Auftanken selbst beiwohnen. Aber er trug einen Schal fest um Mund und Nase gewickelt und vergewisserte sich, daß er mit den bloßen Händen nichts berührte.
Auf dem Flug nach Deutschland schien sein Sinn sich aufzuklären — und wurde in seiner Selbstanalyse unbequem akut. Keine der Schlußfolgerungen, zu denen er gelangte, wollte ihm gefallen. Er versuchte, sie zu verdrängen, doch gab es im Cockpit wenig, was seine Aufmerksamkeit vollständig fesseln konnte, und die Bemerkungen und Selbstanklagen kehrten alle paar Minuten wieder, bis er den Autopiloten einschaltete und sie gewähren ließ.
Sehr bald würde er tot sein. Es war sicherlich eine edle Art der Selbstaufopferung, daß er sich Pharmek zur Verfügung stellte, und damit der Welt, die möglicherweise noch nicht kontaminiert war. Aber es konnte bei weitem nicht gutmachen, was er hatte geschehen lassen.
Wie hätte er es wissen können?
»Milligan wußte es«, sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. »Hol sie alle der Teufel!« Vor allem Vergil Ulam; aber war er Vergil nicht ähnlich? Nein, er weigerte sich, das zuzugeben. Vergil war ein kluger Kopf gewesen (er sah den geröteten, blasigen Körper in der Badewanne schwimmen, war gewesen war gewesen), aber unverantwortlich, blind für die Sicherheitsvorkehrungen, die er als Wissenschaftler schon beinahe instinktiv hätte ergreifen müssen. Wenn Ulam andererseits diese Sicherheitsvorkehrungen getroffen hätte, wäre er niemals in der Lage gewesen, seine Arbeit zu vollenden.
Niemand hätte es erlaubt.
Und Michael Bernard kannte nur zu gut die Enttäuschung und Frustration, im Verfolg einer aussichtsreichen Forschungsarbeit behindert oder blockiert zu werden. Er hätte Tausende, die an der Parkinsonschen Krankheit litten, heilen können — wenn ihm nur erlaubt worden wäre, Gehirngewebe von abgetriebenen Embryonen zu sammeln. Statt dessen hatten die Leute mit und ohne Gesichter in ihrem moralischen Eifer nicht nur erreicht, daß er seine Versuche aufgeben mußte, sondern auch zugelassen, daß Tausende von Kranken weiterhin leiden mußten. Wie oft hatte er gewünscht, daß die junge Mary Shelley niemals ihr Buch geschrieben hätte, oder daß sie wenigstens darauf verzichtet hätte, einen deutschen Namen für ihren Wissenschaftler zu wählen. All die Verkettungen des frühen neunzehnten mit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, die in den Gehirnen der Menschen zusammenliefen…
Ja, ja, und hatte er nicht soeben Ulam wegen seiner Brillanz verflucht, und war ihm nicht derselbe Vergleich in den Sinn gekommen?
Frankensteins Ungeheuer. Unvermeidlich. Langweilig offensichtlich.
Die Menschen fürchteten sich so sehr vor dem Neuen, vor Veränderung.
Und nun fürchtete auch er sich, obgleich er zugab, daß seine Furcht begründet war. Am besten gab er sich rational, stellte sich zum Studium zur Verfügung, ein unbeabsichtigtes Menschenopfer wie Dr. Louis Slotin 1946 in Los Alamos. Slotin und sieben andere, die an der Entwicklung der amerikanischen Atomrüstung mitgearbeitet hatten, waren durch einen Betriebsunfall einem jähen Ausbruch ionisierter Strahlung ausgesetzt worden. Slotin hatte die sieben anderen angewiesen, sich nicht zu bewegen. Dann hatte er Kreise um seine und ihre Füße gezogen, um anderen Wissenschaftlern brauchbare Daten über Entfernung von der Quelle und Strahlungsintensität zu geben, auf denen sie ihre Untersuchungen aufbauen konnten. Slotin war neun Tage später gestorben. Ein zweiter Beteiligter starb nach zwanzig Jahren an Komplikationen, die der Strahlung zugeschrieben wurden. Zwei weitere starben an akuter Leukämie.
Menschliche Versuchstiere. Selbstbeherrschter Slotin.
Hatten sie in jenen schrecklichen Augenblicken gewünscht, daß niemand jemals das Atom gespalten hätte?
Pharmek verfügte über eine eigene Landepiste zwei Kilometer entfernt von ihrem Forschungszentrum außerhalb Wiesbadens, um Geschäftsleute und Wissenschaftler aus aller Herren Länder zu empfangen und den Erhalt und die Verarbeitung von Pflanzen- und Bodenproben, die von Forschungsgruppen überall in der Welt eingesandt wurden, zu beschleunigen. Bernard kreiste in dreitausend Metern Höhe über dem Streifenmuster der Felder, Wiesen und Wälder, während das Morgengrauen den Osthimmel bleichte.
Er schaltete die Funkpeilung auf das automatische Landesystem und aktivierte zweimal das Mikrofon, um die Platzbeleuchtung einzuschalten. Der Landestreifen mit seinen Lichtern erschien unter ihm im trüben Grau des frühen Morgens. Ein Pfeil von Lichtern auf einer Seite zeigte die Windrichtung an.
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