Es fiel ihm nicht allzu schwer, zu glauben, daß er gerade ein menschliches Wesen getötet hatte, einen Freund. Der Rauch, der geschmolzene Lampenschirm, das qualmende Kabel.
Vergil.
Er hatte die eingeschaltete Lampe zu Vergil in die Badewanne geworfen.
War er gründlich genug gewesen? Hatte er alle, die in der Wanne gewesen waren, abgetötet? Vielleicht würden Bernard und seine Gruppe zu Ende bringen, was er begonnen hatte.
Er zweifelte jedoch daran. Wer konnte es alles erfassen? Er konnte es ganz gewiß nicht; er hatte Schreckliches erfahren und gesehen, und glaubte nicht, daß er sich zutrauen konnte, vorauszusagen, was als nächstes geschehen würde. Verstand er doch kaum, was jetzt geschah.
Die Träume. Städte, die über Gail herfielen, sie vergewaltigten. Myriaden winziger, unsichtbarer Intelligenzen, die sich alle überstäubten, unterwanderten, durchdrangen. Welcher Schmerz… und doch auch, welch potentielle Schönheit! Eine neue Art von Leben, Symbiose und Verwandlung.
Nein, das war kein guter Gedanke. Veränderung — zuviel Veränderung —, dort begannen seine Einwände gegen eine neue Ordnung, eine neue Art, weil er recht gut wußte, daß es nicht mehr einzudämmen war, daß es mehr von ihnen geben mußte. Vergil hatte mehr gemacht, in seiner unbeholfenen, kurzsichtigen Art hatte er das nächste Stadium eingeleitet.
Nein. Das Leben geht weiter. Kein Ende, keine Verwandlung, keine erschreckenden Erlebnisse wie Candice in der Duschkabine oder Vergil tot in der Badewanne; Leben ist das Recht des Individuums auf Normalität und normales Altern, wer würde dieses Recht in Frage stellen oder wegnehmen, welcher vernünftige Mensch würde das akzeptieren, und wieso glaubte er akzeptieren zu müssen, was — wie er meinte — geschehen würde?
Er legte sich auf die Couch und beschirmte die Augen mit dem Unterarm. In seinem ganzen Leben war er nicht so erschöpft gewesen — bis zur Unfähigkeit zu rationalem Denken körperlich und emotional entleert. Dennoch scheute er den Schlaf, weil er spürte, daß die Alpträume sich auftürmten wie Gewitterwolken und nur darauf warteten, ihn mit Echos und Brechungen dessen, was er gesehen hatte, durchzuschütteln.
Er nahm den Unterarm vom Gesicht und starrte zur Decke auf. Es war vielleicht gerade noch möglich, daß aufgehalten werden konnte, was in Gang gesetzt worden war. Vielleicht war er der einzige, der als Auslöser der dazu erforderlichen Aktionen wirken konnte. Er könnte das Amt für Seuchenbekämpfung alarmieren (ja, aber waren das die Leute, mit denen er sprechen wollte?), oder vielleicht das Verteidigungsministerium? Zuerst das Gesundheitsamt, wo er Bekannte hatte? Oder vielleicht sogar die Scripps-Klinik in La Jolla…
Wieder bedeckte er die Augen mit dem Unterarm. Es gab keine klare Vorgangsweise.
Die Ereignisse überstiegen einfach sein Vermögen. Er konnte sich vorstellen, daß es im Laufe der Menschheitsgeschichte oft Ähnliches gegeben hatte: Flutwellen von Ereignissen, die entscheidende Einzelpersonen zusammen mit allen anderen überwältigten und fortrissen. Wer hatte in solchen Lebenslagen nicht den Wunsch nach einem ruhigen Ort, vielleicht einem kleinen mexikanischen Dorf, wo nie etwas passierte und wohin man sich zurückziehen und schlafen konnte, bloß schlafen…
»Edward?« Gail beugte sich über ihn und berührte seine Stirn mit kühlen Fingern. »Jedesmal, wenn ich heimkomme, liegst du hier und schläfst wie ein Sack. Du siehst nicht gut aus. Wie fühlst du dich?«
»Ganz gut.« Er setzte sich auf den Rand der Couch. Er fühlte sich erhitzt, und Benommenheit bedrohte sein Gleichgewicht. »Hast du etwas für das Abendessen geplant?« Sein Mund arbeitete nicht richtig; die Worte klangen undeutlich, nuschelnd. »Ich dachte, wir könnten ausgehen.«
»Du hast Fieber«, sagte Gail. »Sehr hohes Fieber. Warte hier, ich hole das Thermometer.«
»Nein«, rief er ihr schwächlich nach. Dann stand er auf und tappte ins Badezimmer, um in den Spiegel zu schauen. Sie traf ihn dort und steckte ihm das Thermometer unter die Zunge. Wie immer dachte er daran, es wie Harpo Marx zu zerbeißen und wie eine Zuckerstange zu essen. Sie blickte ihm über die Schulter in den Spiegel.
»Was ist es?« fragte sie.
Unter seinem Kragen waren Streifen um den Hals. Weiße Streifen, wie Straßen.
»Feuchte Hände«, murmelte er. »Vergil hatte feuchte Hände.« Sie waren bereits seit Tagen in ihm. »So offensichtlich.«
»Edward, bitte, was ist?«
»Ich muß einen Anruf machen«, sagte er. Gail folgte ihm ins Schlafzimmer und blieb bei ihm stehen, als er sich auf die Bettkante setzte und die Nummer von Genetron wählte. »Dr. Michael Bernard, bitte«, sagte er. Die Empfangsdame sagte ihm — viel zu schnell —, daß es bei Genetron keine Person dieses Namens gäbe. »Es ist zu wichtig, um damit Geheimniskrämerei zu treiben«, sagte er kalt. »Sagen Sie Dr. Bernard, daß Edward Milligan am Apparat ist, und es ist dringend!«
Die Empfangsdame ließ ihn warten. Vielleicht war Bernard noch in Vergils Wohnung und versuchte das Rätsel zu lösen; vielleicht würden sie einfach die Polizei verständigen und ihn verhaften lassen. So oder so, es kam wirklich nicht mehr darauf an.
»Bernard hier.« Die Stimme klang entschieden und ziemlich so, dachte Edward, wie er selbst sich anhören mußte.
»Es ist zu spät, Doktor. Wir haben Vergils Hand geschüttelt. Verschwitzte Handflächen, erinnern Sie sich? Und fragen Sie sich, wen wir seitdem berührt haben. Wir sind jetzt die Angriffspunkte.«
»Ich war heute in der Wohnung, Milligan«, sagte Bernard. »Haben Sie Ulam getötet?«
»Er wollte seine… Mikroben freisetzen. Noozyten. Was immer sie jetzt sind.«
»Haben Sie seine Freundin gefunden?«
»Ja.«
»Was haben Sie mit ihr getan?«
»Mit ihr getan? Nichts. Sie war in der Duschkabine. Aber hören Sie…«
»Sie war verschwunden, als wir kamen, wir fanden nichts als ihre Kleider. Haben Sie sie auch getötet?«
»Hören Sie, Doktor! Ich habe Vergils Mikroben in mir.
Und Sie auch.« Am anderen Ende blieb es eine Weile still, dann ein tiefes Seufzen. »Ja?«
»Haben Sie irgendeine Methode ausgearbeitet, sie unter Kontrolle zu bringen, das heißt, in unseren Körpern?«
»Ja.« Dann, leiser: »Nein. Noch nicht. Antimetaboliten, kontrollierte Strahlentherapie, Aktinomycin. Wir haben nicht alles erprobt, aber… nein.«
»Das wär’s dann, Dr. Bernard.«
Eine weitere längere Pause. »Hm.«
»Ich werde jetzt zu meiner Frau zurückgehen, um mit ihr zu verbringen, was uns an Zeit noch geblieben ist.«
»Ja«, sagte Bernard. »Danke für Ihren Anruf.«
»Ich werde jetzt auflegen.«
»Selbstverständlich. Leben Sie wohl.«
Edward legte auf und schloß seine Arme um Gail.
»Es ist eine Krankheit, nicht wahr?« sagte sie.
Edward nickte. »Das ist es, was Vergil gemacht hat. Eine Krankheit, die denkt. Ich glaube kaum, daß es Möglichkeiten gibt, eine intelligente Seuche zu bekämpfen.«
Harrison durchblätterte das Verfahrenshandbuch und machte sich methodisch Notizen. Yng saß in einem Ledersessel in der Ecke, die Fingerspitzen vor dem Gesicht zu einer Pyramide aneinandergelegt. Sein langes, glattes schwarzes Haar fiel ihm über die Brillengläser. Bernard stand vor dem schwarzen Resopaltisch, beeindruckt von der Qualität des Stillschweigens. Endlich lehnte Harrison sich vom Schreibtisch zurück und hielt seinen Notizblock in die Höhe.
»Erstens, wir sind nicht verantwortlich. So lese ich es. Ulam führte seine Forschungen heimlich ohne unsere Genehmigung durch.«
»Aber wir feuerten ihn nicht, als wir davon erfuhren«, konterte Yng. »Das wird man uns vor Gericht ankreiden.«
»Wir werden uns später um alles das sorgen«, sagte Harrison. »Allerdings sind wir dafür verantwortlich, daß die Behörden verständigt werden. Es ist zwar kein Behälterleck oder sonst ein technischer Defekt, aber…«
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