»Nein«, sagte Vergil. »Es kommt von meiner Haut. Sie sagen mir nicht alles, aber ich bin der Meinung, daß sie Kundschafter aussenden. He! Astronauten! Ja. Sie verlassen die Heimatgalaxis.« Er blickte mit einem Ausdruck zu Edward auf, der nicht ganz in Besorgnis überging; eher wie Neugierde, was Edward dazu sagen würde.
Edwards Magen zog sich zusammen, als warte er auf einen zweiten Schlag. Er hatte die Möglichkeit bisher niemals ernsthaft in Betracht gezogen, jedenfalls nicht bewußt. Vielleicht weil er sich allzu sehr auf die Frage der Akzeptanz und mehr unmittelbare Probleme konzentriert hatte. »Ist dies das erste Mal?«
Vergil bejahte lachend. »Ich habe gute Lust, die kleinen Teufel durch den Abfluß zu lassen. Sollen sie nur herausfinden, wie die Welt wirklich beschaffen ist.«
»Sie würden sich überall ausbreiten«, sagte Edward.
»Sicherlich.«
Edward nickte. Sicherlich. »Du hast mich nie mit Candice bekannt gemacht«, sagte er.
Vergil schüttelte den Kopf. »Ja, das stimmt.« Mehr nicht.
»Wie… wie fühlst du dich?«
»Gerade jetzt fühle ich mich ziemlich gut. Müssen Milliarden von ihnen im Badewasser sein.« Wieder platschte er mit den Händen. »Was meinst du? Sollte ich die kleinen Schwerenöter hinauslassen?«
»Ich brauche was zu trinken«, sagte Edward.
»Candice hat etwas Whiskey im Küchenschrank.«
Edward kniete neben der Badewanne nieder. Vergil betrachtete ihn neugierig. »Was sollen wir tun?« fragte Edward.
Vergils Gesichtsausdruck wechselte mit erschreckender Plötzlichkeit von wachem Interesse zu einer Trauermaske. »Mein Gott, Edward, meine Mutter — weißt du, sie kommen, mich zurückzuholen, aber sie sagte… ich sollte sie anrufen. Mit ihr reden.« Tränen kullerten über die Schwielen und Beulen, die seine Wangen deformierten. »Sie sagte mir, ich solle zu ihr zurückkommen, wenn… wenn es Zeit sei. Ist es Zeit, Edward?«
»Ja«, sagte Edward. Er fühlte sich wie aufgehängt in einer von Funken durchschossenen Wolke. »Ich glaube, es muß sein.« Seine Finger schlossen sich um das Kabel der Quarzlampe und folgten seiner Länge bis zum Stecker.
Vergil hatte Türklinken elektrisiert, seiner Kommilitonen Urin blau gefärbt, tausend handfeste Streiche verübt und war dabei nie erwachsen geworden, nie ausreichend gereift, um zu verstehen, wie brillant er war, was er bewirken konnte und welche Verantwortlichkeit ihm damit zufiel.
Vergil streckte die Hand zur Kette des Badewannenstöpsels aus. »Weißt du, Edward, ich…«
Weiter kam er nicht. Edward hatte den Stecker in den Wandanschluß gesteckt. Nun nahm er die Lampe, schaltete sie ein und warf sie ins Badewasser. Er sprang vor dem Blitz, dem Dampf und dem Funkenregen zurück. Die Deckenbeleuchtung erlosch. Vergil schrie und schlug um sich und zuckte, und dann war alles still, bis auf das leise gleichmäßige Zischen und den Rauch, der von seinem Haar aufstieg. Licht von der kleinen Entlüftungsöffnung durchschnitt in mattem Strahl den übelriechenden Dunst.
Edward hob den Toilettendeckel und übergab sich. Dann hielt er sich die Nase zu und stolperte hinaus ins Wohnzimmer. Seine Beine gaben nach, und er fiel auf die Couch.
Aber er hatte keine Zeit. Schwankend stand er auf, überwältigt von erneuerter Übelkeit, und tappte in die Küche. Er fand die Flasche Jack Daniels und kehrte zurück zum Badezimmer. Er schraubte die Kappe ab und schüttete den Inhalt der Flasche ins Badewasser, bemüht, Vergil nicht direkt anzusehen. Aber das war nicht genug. Zu einer wirksamen Desinfektion würde er Bleichmittel und Ammoniak benötigen, und dann würde er gehen müssen.
Er war nahe daran, Vergil zu fragen, wo der Chlorkalk und das Ammoniak seien, besann sich aber noch rechtzeitig. Vergil war tot. Edwards Magen begann wieder zu rebellieren, und er lehnte sich im Korridor an die Wand, die Wange an den Wandanstrich gedrückt. Wann hatte der Realitätsverlust eingesetzt?
Als Vergil ins Medizinische Zentrum Mount Vernon gekommen war. Das war wieder einer von Vergils Scherzen. Ha. Färbe dein ganzes Leben mitternachtsblau, Edward; vergiß niemals einen Freund!
Er schaute in den Wäscheschrank, sah aber nur Handtücher und Laken. Auch im Kleiderschrank fand er nicht das Gesuchte. Zum Schlafzimmer gehörte ein zweites Bad, und von der Stelle am Fuß des ungemachten Bettes, wo er stand, konnte er dort einen niedrigen weißen Schrank sehen. Edward ging hinüber. An einem Ende, dem Schrank gegenüber, war eine Duschkabine. Unter ihrer Tür kam ein dünnes Rinnsal hervor. Er betätigte den Lichtschalter, aber dieser ganze Teil der Wohnung war ohne Strom; das einzige Licht kam vom Schlafzimmerfenster. In dem Schrank fand er sowohl Chlorkalk zum Bleichen als auch einen großen Zweiliterkanister Ammoniak.
Er trug beides durch den Korridor und schüttete den Inhalt in die Wanne, ohne Vergils blicklose blasse Augen anzusehen. Dämpfe zischten auf, und hustend schloß er die Tür hinter sich.
Jemand rief leise Vergils Namen. Edward trug die leeren Kanister in das Schlafzimmer, wo die Stimme lauter zu hören war. Er blieb stehen und neigte lauschend den Kopf.
»He, Vergil, bist du’s?« fragte die Stimme. Sie kam aus der Duschkabine. Edward tat einen Schritt vorwärts. Hielt inne. Genug, dachte er. Die Realität war abschreckend genug, und er wollte wirklich nicht mehr davon. Dennoch tat er einen weiteren Schritt, dann noch einen und erreichte die Tür der Duschkabine.
Die Stimme klang wie die einer Frau, rauh und fremd, aber nicht wie die Stimme eines Menschen in Not.
Er faßte den Türgriff mit einer Hand und zog. Mit einem hohlen Klicken schwang die Tür auf. Er spähte in die Dunkelheit der Duschkabine, bis seine Augen sich angepaßt hatten.
»Mein Gott, Vergil, du hast mich vernachlässigt. Wir müssen endlich raus aus diesem Hotel. Es ist dunkel und klein, und ich fühle mich nicht wohl.«
Er erkannte die Stimme vom Telefon, obwohl er sie nach der äußeren Erscheinung nicht hätte wiedererkennen können, selbst wenn er eine Fotografie gesehen hätte.
»Candice?« fragte er.
»Vergil? Laß uns gehen!«
Er floh.
Als Edward nach Hause kam, läutete das Telefon. Er meldete sich nicht. Es konnte das Krankenhaus gewesen sein, oder Bernard — oder die Polizei. Er malte sich aus, wie er alles der Polizei würde erklären müssen. Genetron würde mauern; Bernard würde unerreichbar sein.
Edward war erschöpft, all seine Muskeln waren angespannt und verkrampft, und seine Gefühle… Wie fühlt man sich, nachdem man — Völkermord begangen hat?
Das schien wirklich nicht realistisch. Er konnte nicht glauben, daß er gerade eine Billion intelligenter Wesen ermordet hatte. »Noozyten.« Eine Galaxie ausgelöscht. Das war lachhaft. Aber er lachte nicht.
Noch immer hatte er das Bild vor Augen, das er in der Duschkabine gesehen hatte.
An ihr war die Arbeit der Umwandlung sehr viel rascher vor sich gegangen. Ihre Beine waren verschwunden, ihr Rumpf zu impressionistischer Magerkeit reduziert. Sie hatte das Gesicht zu ihm gehoben, bedeckt mit Schwielen, als ob es aus Taurollen gemacht wäre.
Er hatte das Gebäude gerade zur rechten Zeit verlassen, um zu sehen, wie ein weißer Kleinbus um die Ecke gekommen war und vor dem Haus gehalten hatte, gefolgt von Bernards Limousine. Er hatte in seinem Wagen gesessen und beobachtet, wie Männer in weißen Schutzanzügen aus dem Kleinbus gestiegen waren, der keine Aufschrift und keine Kennzeichen trug.
Dann hatte er den Motor gestartet, den Gang eingelegt und war weggefahren. Einfach so. Zurück nach Irvine. Die ganze schreckliche Geschichte zu ignorieren, so lange er konnte, sonst würde er sehr bald so verrückt sein wie Candice.
Candice, die über dem offenen Abfluß in eine Duschkabine umgewandelt wurde. Die kleinen Schwerenöter hinauslassen, hatte Vergil gesagt. Ihnen zeigen, was es mit der Welt auf sich hatte.
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