Diese Körper — lebendig oder tot — waren wenigstens ihre Verwandten.
Mit hoch erhobenem Kopf betrat sie die Küche. Allmählich, als sie von der Anrichte zum Küchenschrank und dann zum Kühlschrank ging, senkte sie den Blick. Die Körper waren noch weiter in sich zusammengesunken. Kenneth war nicht viel mehr als ein von weißlichen Fäden wie mit einem Geflecht überzogener Flecken in zerknitterten Kleidern. Die fleischigen Wurzeln hatten die Wasserleitung gesucht, waren direkt zum Spülbecken hinaufgeklettert und von dort sowohl in den Wasserhahn als auch in den Abfluß hinab. Jeden Augenblick rechnete sie, daß etwas sich ausstrecken und nach ihr greifen würde — oder daß Howard oder ihre Mutter zu schwankenden Schreckensgestalten würden —, und sie biß die Zähne zusammen, bis ihre Backenmuskeln schmerzten, aber keiner von ihnen regte sich. Sie sahen nicht mehr so aus, als könnten sie sich bewegen.
Sie verließ die Küche mit einem Karton voller Konserven, die sie in den nächsten Tagen zu benötigen glaubte — und dem Dosenöffner, den sie beinahe vergessen hätte.
Es dämmerte bereits, als ihr einfiel, das Radio einzuschalten. Sie hatten keinen Fernseher mehr, seit der letzte defekt geworden war; sein Gehäuse stand im Hausgang unter der Treppe und setzte hinter Schachteln mit alten Zeitschriften Staub an. Sie zog das tragbare Transistorgerät hervor, das ihre Mutter für Notfälle bereithielt, und suchte methodisch die Skalen ab. In der Theatergruppe der Schule hatte sie einmal einen Funkamateur gespielt, aber natürlich konnte das Transistorgerät nicht senden.
Auf Mittelwelle und Ultrakurzwelle spielte nicht ein einziger Sender. Auf der Kurzwelle empfing sie verschiedene Stationen, einige sogar sehr klar, aber es waren keine englischsprachigen Sender darunter.
Im Zimmer wurde es rasch dunkel. Sie stand Qualen der Ungewißheit aus, bevor sie versuchte, die Lampen einzuschalten. Würde es immer noch Licht geben, wenn alle krank waren?
Als die Schatten das Wohnzimmer gefüllt hatten und dem Dilemma nicht länger auszuweichen war — entweder mußte sie im Dunkeln sitzen oder feststellen, ob sie im Dunkeln würde sitzen müssen —, streckte sie die Hand zur Stehlampe neben der Couch aus und betätigte rasch den Schalter.
Das Licht ging an, kräftig und gleichmäßig.
Damit brach ein sehr schwacher Damm in ihr, und sie überließ sich der Trauer. Auf der Couch sitzend, schaukelte sie mit gekreuzten Beinen vor und zurück und weinte herzzerreißend, bis ihr Gesicht tränenüberströmt und die Augen rot und geschwollen waren. Ihre Hände flochten das Haar zum Zopf und lösten ihn wieder auf und wischten damit die Augen, und zuletzt hing es in feuchten Strähnen. Der Lampenschein warf einen goldenen Halbmond auf ihr Gesicht, und sie saß und weinte, bis die Kehle schmerzte und sie die Augen kaum offenhalten konnte.
Ohne zu essen, ging sie hinauf, schaltete alle Lampen ein — jeder ruhige Lichtschein ein Wunder — und kroch in ihr Bett, wo sie nicht schlafen konnte, weil sie sich einbildete, sie höre jemand die Treppe heraufkommen oder den Korridor entlang zu ihrer Tür gehen.
Die Nacht währte eine Ewigkeit, und in dieser Zeit wurde Suzy ein wenig reifer, oder ein bißchen verrückter, sie wußte nicht, was. Manche Dinge waren nicht mehr wichtig. So war sie beispielsweise durchaus bereit, ihr früheres Leben zurückzulassen und eine neue Art Leben zu suchen. Sie machte dieses Zugeständnis in der Hoffnung, daß derjenige, wer immer er war, der die Aufsicht führte, einfach erlauben würde, daß die Lichter weiterbrannten.
Gegen Morgen war sie ein körperliches Wrack — erschöpft und hungrig, aber unwillig zu essen, der ganze Körper angespannt und ausgelaugt von Furcht, Schrecken und Wachsamkeit. Sie trank wieder vom Wasserhahn im Badezimmer… und dachte plötzlich an die Wurzeln, die in die Wasserleitung führten. Würgend und spuckend setzte sie sich auf die Toilette und sah das Wasser rein und klar aus dem Hahn strömen. Endlich zwang der Durst sie, die Gelegenheit wahrzunehmen und mehr zu trinken, aber sie gelobte, einen Vorrat von Mineralwasser in Flaschen anzulegen.
Im Wohnzimmer bereitete sie eine kalte Mahlzeit aus grünen Bohnen und Corned Beef und war hungrig genug, hinterher noch eine Dose Pflaumenkompott zu essen. Die Dosen standen in einer Reihe auf dem abgenutzten Kaffeetisch. Sie trank den Rest vom süßen Pflaumensirup und fand, daß nichts ihr jemals so gut geschmeckt habe.
Darauf kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück und legte sich nieder, und diesmal schlief sie fünf Stunden, bis sie von einem Geräusch geweckt wurde. Irgendwo im Haus war etwas Schweres gefallen. Vorsichtig schlich sie die Treppe hinunter und spähte in Hausgang und Wohnzimmer umher.
»Nicht die Küche«, murmelte sie und wußte doch instinktiv, daß das Geräusch von dort gekommen war. Zögernd öffnete sie die Pendeltür. Ihrer Mutter Kleider — aber nicht ihre Mutter — lagen in einem Häuflein vor der Spüle. Suzy trat ein und schaute zu der Stelle, wo Kenneth gelegen hatte. Kleider, aber sonst nichts. Sie wandte sich schnell um.
Howards Jeans hingen vom Sitz des Hockers, der umgefallen war. Ein glänzendes blaßbraunes Laken hing von der Wand, bedeckte sie beinahe zur Gänze, war sauber in die Winkel eingefügt und zeigte eine kleine Ausbauchung, wo es einen gerahmten Druck bedeckte.
Sie nahm den Mop aus dem anderen Winkel hinter dem Kühlschrank und trat vor, den Stiel auf das Laken gerichtet. Ich bin unglaublich mutig, dachte sie bei sich. Zuerst stieß sie das Laken behutsam an, dann stieß sie den Besenstiel durch gegen die Wand. Das Laken zitterte, zeigte aber keine weitere Reaktion. »Ihr!« schrie sie und schwang den Besenstiel hin und her, zerfetzte das Laken in immer neuem Zustoßen von einer Ecke zu anderen. »Ihr!«
Als der größte Teil der Fetzen zu Boden gefallen und die Wand mit den Einkerbungen ihrer Stöße bedeckt war, ließ sie den Mop fallen und floh rasch aus der Küche.
Es war ein Uhr mittags, sagte die Schiffsuhr. Suzy kam wieder zu Atem, dann ging sie durch das Haus und schaltete die Lampen aus. Die wundersame Energie mochte länger währen, wenn sie sie nicht gleich aufbrauchte.
Sie zog ein Adressenverzeichnis unter dem Telefon im Hausgang hervor und legte eine Liste ihrer Vorräte und der Dinge an, die sie benötigen würde. Sie hatte noch mindestens fünf Stunden Tageslicht vor sich, oder jedenfalls Licht genug, um etwas zu sehen. Sie zog den Mantel über und ließ die äußere Tür zum Windfang hinter sich offen.
Unten auf der Straße, die gesäumt war von denselben abgestellten Wagen, zur Ecke, zum Lebensmittelgeschäft, ohne Geldbörse oder Geld, den Mantel über dem Pyjama und dem himmelblauen Bademantel; hinaus in die kopfstehende Welt, um zu sehen, was es zu sehen gab. Sie verspürte sogar eine unbestimmte Heiterkeit. Der Wind blies herbstlich kühl, und ein paar Blätter von den in Abständen die Straße begleitenden Bäumen raschelten über das Pflaster. Ranken von wildem Wein und Geißblatt schlangen sich durch die alten schmiedeeisernen Gartenzäune zwischen den Eingangsstufen, und auf den Simsen vor den Fenstern des ersten Stocks standen Blumentöpfe.
Mithridates’ Lebensmittelgeschäft war geschlossen, das Eisengitter vor dem Eingang zugesperrt. Sie spähte hindurch und überlegte, ob es einen anderen Weg hinein gäbe, und dachte an den Lieferanteneingang auf der anderen Seite. Dort stand die Tür angelehnt, ein schweres Ding aus schwarz lackiertem Metall, das sie nur unter Aufbietung aller Kräfte weiter aufstoßen konnte. Sie fühlte, wie die Tür gegen ein Hindernis stieß und ließ sie los und beobachtete sie einen Augenblick lang, um sich zu vergewissern, daß sie offen bleiben würde. Im Korridor stieg sie über einen weiteren Haufen Kleider, zu denen auch die Schürze des Krämers gehörte, und betrat das verlassene Geschäft durch die doppelte Pendeltür auf der rückwärtigen Seite.
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