»Tanj und zugenäht! Sie haben alles gehört!«
»Unbeabsichtigt, Louis. Ich habe vergessen, meinen Interkom abzuschalten.«
»Oh.« Zu spät erinnerte sich Louis an das Grinsen des Kzin, vorgeblich außer Hörweite, während Nessus ihm beschrieben hatte, wie ein Sternsäer aussah. Zu spät erinnerte er sich, daß Kzintiohren Raubtierohren waren. Und daß das Lachen eines Kzin die Zähne für den Kampf entblößen sollte und nichts mit Humor zu tun hatte.
»Sie sprachen von selektiver Zuchtwahl«, hakte Der-zu-denTieren-spricht nach.
»Ich habe lediglich… lediglich…« Louis stotterte.
»Die Puppenspieler haben unsere Spezies aufeinandergehetzt, um die Expansion der Kzinti einzudämmen. Sie hatten einen Sternsäerlockvogel, Louis. Sie setzten ihn ein, um ein Outsiderschiff in Ihren Einflußbereich zu locken, damit die Menschen den Krieg gewannen. Selektive Zuchtwahl, wie Sie schon sagten.«
»Hören Sie, das sind doch alles nur gewagte Spekulationen. Wenn Sie sich für einen Augenblick beruhigen würden…«
»Aber wir beide finden diese Spekulationen logisch.«
»Hm.«
»Ich war mir nicht sicher, ob ich das Thema gegenüber Nessus zur Sprache bringen oder lieber abwarten sollte, bis wir unser Ziel erreicht und die Ringwelt wieder verlassen haben. Aber jetzt, da Sie ebenfalls Bescheid wissen, bleibt mir keine andere Wahl.«
»Aber…« Louis verstummte. Die Sirene hätte ihn so oder so übertönt. Der-zu-den-Tieren-spricht hatte den Alarm ausgelöst.
Ein irrsinniges mechanisches Schrillen, Infraschall und Ultraschall und nervenzerfetzend. Nessus erschien über der Konsole. »Ja? Was ist denn los?«
Der-zu-den-Tieren-spricht brüllte seine Antwort. »Sie haben sich zugunsten des Feindes in den Krieg eingemischt! Ihre Handlungsweise ist gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung gegen das Patriarchat!«
Teela hatte sich rechtzeitig in den Interkom geschaltet, um den letzten Wortwechsel mitzuverfolgen. Louis erhaschte ihren Blick und schüttelte den Kopf. Misch dich nicht ein.
Die Köpfe des Puppenspielers fuhren zurück wie Schlangenhälse, um sein Erstaunen zu zeigen. Seine Stimme klang emotionslos wie stets. »Wovon reden Sie eigentlich?«
»Der erste Krieg gegen die Menschen! Sternsäerlockvögel! Der Hyperraumantrieb der Outsider!«
Ein dreieckiger Kopf verschwand aus dem Holo. Louis sah, wie ein silbernes Flugrad die Formation verließ und wußte, daß es Nessus gehörte.
Er machte sich keine großen Sorgen. Die beiden anderen Flugräder sahen aus wie silberne Mücken, so weit waren sie entfernt und auseinander. Hätte die Konfrontation auf dem Boden stattgefunden, wäre sicherlich jemand ernsthaft verletzt worden. Aber hier oben — was konnte schon geschehen? Das Flugrad des Puppenspielers war schneller als das von Sprecher-zu-den-Tieren. Der Puppenspieler würde dafür Sorge getragen haben. Er würde sichergestellt haben, daß er einem Kzin nötigenfalls davonfliegen konnte.
Doch der Puppenspieler floh nicht. Er schwenkte zum Flugrad des Kzin herum.
»Ich will Sie nicht töten«, sagte Der-zu-den-Tieren-spricht. »Falls Sie beabsichtigen, mich aus der Luft anzugreifen, dann sollten Sie vielleicht bedenken, daß die Reichweite Ihres Tasps geringer ist als die des Slaver-Desintegratorstrahls!« Er fauchte.
Der Kampfruf der Kzinti brachte das Blut zum Erstarren. Louis’ Muskeln verkrampften sich, als hätte er plötzlich Tetanus. Er bemerkte nur am Rande den silbernen Punkt, der vom Flugrad des Kzin abdrehte.
Was ihm jedoch nicht entging, das war Teelas offene Bewunderung.
»Ich habe nicht vor, Sie zu töten!« sagte Der-zu-den-Tieren-spricht jetzt ein wenig ruhiger. »Allerdings schulden Sie mir ein paar Antworten, Nessus. Wir wissen, daß Ihre Rasse Sternsäer manipulieren kann.«
»Ja«, erwiderte Nessus. Sein Flugrad entfernte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit in Richtung Backbord. Die äußerliche Ruhe der beiden Aliens war reine Einbildung. Sie schienen allein deswegen ruhig, weil Louis den Gesichtsausdruck eines Aliens nicht lesen konnte, und weil sie ihre Emotionen nicht auf Interspeak ausdrücken konnten.
Nessus floh eindeutig um sein Leben. Der Kzin hatte seinen Platz in der Formation bisher nicht verlassen. »Ich verlange Antworten, Nessus«, sagte er.
»Sie haben richtig vermutet«, gestand der Puppenspieler. »Unsere Untersuchungen bezüglich sicherer Methoden, die gewalttätigen, fleischfressenden Kzinti auszulöschen, haben gezeigt, daß Ihre Spezies ein hohes Potential besitzt, und daß Sie von beträchtlichem Nutzen für uns sein könnten. Wir unternahmen Schritte, um Sie bis zu einem Punkt weiterzuentwickeln, an dem Sie friedlich mit anderen, Ihnen fremden Rassen umgehen konnten. Unsere Methoden waren indirekt und äußerst sicher.«
»Äußerst sicher, Nessus? Ich bin nicht zufrieden.«
»Genausowenig wie ich«, sagte Louis Wu.
Ihm war die Tatsache nicht entgangen, daß die beiden Aliens sich weiterhin auf Interspeak unterhielten. Sie hätten ihre Unterhaltung durchaus vor Louis und Teela verbergen können, indem sie sich der Heldensprache bedienten. Doch sie hatten es vorgezogen, die Menschen mit einzubeziehen — und das mit Recht, denn es war auch Louis Wus Auseinandersetzung.
»Sie haben uns benutzt«, stellte er fest. »Sie haben uns genauso ausgenutzt wie die Kzinti!«
»Aber zu unserem Nachteil«, warf Der-zu-den-Tieren-spricht ein.
»In den Kriegen fanden auch zahlreiche Menschen den Tod.«
»Louis, warum fällst du Nessus in den Rücken?« rief Teela und mischte sich in den Disput ein. »Tanj, wären nicht die Puppenspieler gewesen, wir wären inzwischen längst alle Sklaven der Kzinti! Die Puppenspieler haben die Kzinti daran gehindert, unsere Zivilisation zu zerstören.«
»Auch wir hatten eine Zivilisation«, sagte Der-zu-den-Tierenspricht und grinste.
Der Puppenspieler war ein schweigendes, geisterhaftes Wesen — eine einäugige Python, die den Hals zurückgebogen hatte und bereit war zum Zuschlagen. Wahrscheinlich steuerte er mit dem anderen Mund sein Flugrad, das inzwischen ein gutes Stück weit entfernt war.
»Die Puppenspieler haben uns benutzt«, sagte Louis Wu. »Sie haben uns als Werkzeug benutzt, um die Kzinti weiterzuentwickeln.«
»Aber es hat funktioniert!« beharrte Teela.
Das Geräusch klang wie ein Schnarchen, ein leises, beunruhigendes Schnarren. Weder Louis noch Teela hätten den Gesichtsausdruck des Kzin mit einem Lächeln verwechselt.
»Es hat funktioniert!« ereiferte sich Teela. »Ihr seid jetzt eine friedfertige Rasse, Sprecher-zu-den-Tieren! Ihr kommt mit allen zurecht…«
»Schweigen Sie, Mensch!«
»… die euch zumindest ebenbürtig sind«, beendete sie großmütig. »Und ihr habt seit Ewigkeiten keine anderen Spezies mehr angegriffen…«
Der Kzin hielt den silbernen Slaver-Desintegrator vor die Optik seines Interkoms, so daß Teela ihn sehen konnte. Sie verstummte urplötzlich.
»Es hätte genausogut uns treffen können«, sagte Louis.
Sie wandten sich zu ihm um. »Es hätte genausogut uns treffen können«, wiederholte er. »Hätten die Puppenspieler Menschen auf eine bestimmte Eigenschaft hin züchten wollen…« Er unterbrach sich. »Oh«, sagte er. »Teela. Natürlich!«
Der Puppenspieler reagierte nicht.
Teela fühlte sich unter Louis’ Blicken sichtlich unbehaglich. »Was ist, Louis? Louis!«
»Tut mir leid. Mir ist gerade etwas klar geworden…
Nessus, reden Sie! Wie war das mit den irdischen Fortpflanzungsgesetzen?«
»Louis, bist du verrückt geworden?« fragte Teela verständnislos.
»Urrr«, grollte Der-zu-den-Tieren-spricht. »Ich wäre wahrscheinlich auch auf diesen Gedanken gekommen. Nessus?«
»Ja«, antwortete Nessus.
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