Der-zu-den-Tieren-spricht nickte mit dem zotteligen orangefarbenen Kopf. Seine Ohren zuckten wie kleine Chinafächer in nervösen Händen.
»Wir sind vermutlich relativ sicher auf dieser Welt«, erzählte ihm Louis. »Jedenfalls solange wir uns in der Luft befinden. Es steht außer Frage, daß wir unser Ziel erreichen können. Wahrscheinlich könnten wir zum Randwall fliegen, ohne zwischenzeitlich auch nur ein einziges Mal zu landen, wenn es darauf ankäme… oder wir landen nur dort, wo das Ringweltfundament freiliegt. Kein Raubtier könnte sich lange dort halten.
Aber wenn wir nie landen, werden wir auch keine Informationen sammeln. Wir wollen dieses überdimensionierte Spielzeug irgendwie wieder verlassen, und um das zu tun, benötigen wir die Hilfe von Eingeborenen. Es sieht noch immer ganz danach aus, als müßten wir die Lying Bastard vierhunderttausend Meilen weit über Land ziehen.«
»Kommen Sie endlich zur Sache, Louis. Ich brauche Bewegung.«
»Bis wir den Rand erreicht haben, werden wir eine ganze Menge mehr über die Ringweltler wissen als zum jetzigen Zeitpunkt.«
»Das steht außer Frage.«
»Und warum spielen wir dann nicht Gott?«
Der-zu-den-Tieren-spricht zögerte. »Meinen Sie das wortwörtlich?«
»Sicher. Die Rolle der Ringweltkonstrukteure ist uns auf den Leib geschrieben. Wir besitzen zwar nicht die Macht, die sie einst hatten, aber was wir haben, muß den Eingeborenen gottgleich genug erscheinen. Sie spielen den Gott…«
»Danke sehr.«
»… Teela und ich sind Ihre Akolythen. Nessus würde einen guten gefangenen Dämon abgeben.«
Der-zu-den-Tieren-spricht fuhr die Krallen aus. »Nessus ist nicht bei uns, und daran wird sich nichts ändern.«
»Das ist der Haken bei der Sache. In…«
»Das steht nicht zur Debatte, Louis.«
»Zu schade. Wir brauchen ihn, damit er seinen Teil der Arbeit erledigt.«
»Vergessen Sie’s.«
Louis wußte immer noch nicht, was er von den Krallen des Kzin halten sollte. Kontrollierte er sie bewußt oder nicht? Wie auch immer, sie waren jedenfalls ausgefahren. Hätte Der-zu-den-Tierenspricht über Interkom mit Louis geredet, er hätte jetzt sicher wieder abgeschaltet.
Was der Grund war, aus dem Louis auf einer Landung bestanden hatte.
»Sehen Sie die Sache doch einmal vom Standpunkt der reinen intellektuellen Schönheit. Sie würden einen großartigen Gott abgeben. Aus der Sicht eines Menschen sind Sie beeindruckend wie Gott weiß was — obwohl Sie sich in dieser Hinsicht wahrscheinlich mit meinem Wort zufrieden geben müssen.«
»Und warum brauchen wir Nessus?«
»Weil er den Tasp besitzt. Er kann belohnen und strafen. Als Gott reißen Sie den Zweifler in Fetzen und Stücke, und dann fressen Sie die Stücke. Das ist die Bestrafung. Die Belohnung ist der Tasp des Puppenspielers.«
»Geht das nicht ohne den Tasp?«
»Aber es ist ein großartiger Weg, die Gläubigen zu belohnen! Eine Welle reiner Freude, direkt in das Gehirn! Keine Nebeneffekte, kein Kater. Ein Tasp ist vermutlich besser als jeder Sex!«
»Mir gefällt die Moral der Geschichte nicht. Die Eingeborenen mögen vielleicht nur Menschen sein, aber ich will nicht, daß sie süchtig nach dem Tasp werden. Es wäre gnädiger, sie gleich zu töten.«
»Ich denke, Sie irren sich.«
»Louis, wir wissen, daß der Tasp des Puppenspielers speziell auf die Hirnstruktur eines Kzin abgestimmt wurde. Ich habe es gespürt. In einer Hinsicht haben Sie recht: Es war eine religiöse Erfahrung. Ein diabolisches Erlebnis.«
»Wir wissen nicht, ob der Tasp nicht auch auf einen Menschen wirkt. Ich denke, er tut es. Ich kenne Nessus. Entweder funktioniert sein Tasp bei uns beiden, oder er trägt zwei Tasps bei sich. Ich wäre sicher nicht hier, wenn er keine Möglichkeit besäße, Menschen zu kontrollieren.«
»Sie spekulieren nur.«
»Sollen wir ihn rufen und fragen?«
»Nein.«
»Was kann es schaden?«
»Ich sehe keinen Sinn darin.«
»Ich vergaß. Sie kennen keine Neugier«, sagte Louis. Affenartige Neugier war bei den meisten fremden intelligenten Spezies nicht besonders stark entwickelt.
»Haben Sie auf meine Neugier spekuliert? Ich verstehe. Sie haben versucht, mich zu Ihrem Plan zu überreden… Louis, der Puppenspieler soll sich seinen Weg zum Randwall allein suchen. Und bis dahin wird er allein bleiben.«
Bevor Louis darauf etwas erwidern konnte, wandte sich der Kzin ab und stapfte in ein Dickicht aus Ellenbogenwurzeln. Es beendete die Unterhaltung genauso effektiv, als hätte er seinen Interkom ausgeschaltet.
Die Welt von Teela Brown war zusammengestürzt. Sie schluchzte hundserbärmlich in einer Orgie aus Selbstmitleid.
Sie hatte einen wundervollen Platz für ihre Traurigkeit gefunden.
Dunkelgrün war das Leitmotiv. Die Vegetation über ihr war üppig grün und zu dicht, um direktes Sonnenlicht zu gestatten. Aber zum Boden hin wurde sie dünner und machte das Spazieren einfach. Ein düsteres Paradies für Naturliebhaber.
Ebene senkrechte Felswände, konstant feucht durch einen Wasserfall, umrundeten einen kleinen Pool. Teela schwamm im Pool. Das Geräusch herabfallenden Wassers übertönte beinahe ihr Schluchzen, und die Felswände verstärkten die Geräusche wie eine Reihe von Duschkabinen im Schwimmbad. Es war, als weinte die Natur zusammen mit Teela.
Sie hatte Louis Wu noch nicht bemerkt.
Teela Brown war auf einer fremden Welt gestrandet, und sie wäre nicht weit gekommen ohne ihr Medikit. Es war eine kleine, flache Box an ihrem Gürtel, und es besaß einen eingebauten Peilsender.
Louis war dem Signal des Senders zu Teelas Kleidern gefolgt, die auf einem natürlichen Granittisch am Rand des Pools aufgestapelt lagen.
Dunkelgrünes Licht, das Tosen des Wasserfalls und das Echo von Schluchzen. Teela war fast unter dem herabfallenden Wasser. Sie schien auf irgend etwas zu sitzen, denn ihre Arme und Schultern ragten aus dem Wasser. Sie hielt den Kopf gesenkt, und ihr schwarzes Haar fiel nach vorn und verdeckte das Gesicht.
Es hatte keinen Sinn, darauf zu warten, daß sie zu ihm kam. Louis entledigte sich seiner Kleidung und stapelte sie neben Teelas auf. Er runzelte die Stirn wegen der überraschenden Kühle der Luft, zuckte die Schultern und sprang ins Wasser.
Er erkannte seinen Fehler im gleichen Augenblick.
In seinen Sabbatjahren stolperte Louis im allgemeinen nicht über erdähnliche Welten. Wenn er landete, dann nur auf Welten, die wenigstens genauso zivilisiert waren wie die Erde selbst. Louis war nicht dumm. Wenn ihm in den Sinn gekommen wäre, einen Gedanken an die Wassertemperatur zu verschwenden…
Doch es war ihm nicht in den Sinn gekommen.
Das Wasser war Schmelzwasser aus den schneebedeckten Bergen. Louis versuchte zu schreien, als die Kälte ihn erwischte, doch sein Kopf war bereits untergetaucht. Er besaß genügend Geistesgegenwart, um nicht einzuatmen.
Sein Kopf durchbrach das Wasser. Er planschte und ächzte vor Kälte und Atemnot.
Dann fand er Gefallen daran.
Louis wußte, wie man Wasser trat, obwohl er es in wärmerem Wasser als diesem hier gelernt hatte! Er ging nicht unter, während er rhythmisch trat und die Strömungen des herabschießenden Wassers auf seiner Haut spürte.
Teela hatte ihn gesehen. Sie saß abwartend unter dem Wasserfall. Louis schwamm hin.
Er hätte ihr ins Gesicht schreien müssen, um sich verständlich zu machen. Entschuldigungen und Worte der Zärtlichkeit wären fehl am Platze gewesen. Aber er konnte sie berühren.
Sie schreckte nicht vor ihm zurück. Doch sie senkte den Kopf, und ihr Haar verbarg erneut das Gesicht. Die Zurückweisung war beinahe körperlich spürbar.
Louis respektierte es.
Er schwamm umher und streckte Muskeln, die verkrampft waren von achtzehn ununterbrochenen Stunden auf dem Sitz des Flugrads. Das Wasser war herrlich. Irgendwann wurde aus dem tauben Gefühl von Kälte Schmerz, und Louis erkannte, daß er mit einer Erkältung spielte.
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