Das war es. Sie befanden sich zwischen zwei Transferkabinen. Eine an Bord der Lying Bastard, die andere beim Randwall. Sie träumten nur, in einer Dreiecksformation von Flugrädern über flaches graues Land zu fliegen.
Sie flogen durch erstarrte Zeit, immer weiter nach Backbord.
Wie lange war es her, daß irgend jemand zu irgend jemand anderem ein Wort gesprochen hatte? Vor Stunden hatte Louis Teela signalisiert, daß er mit ihr reden wollte. Nicht viel später hatte er dem Sprecher-zu-den-Tieren das gleiche Signal gesandt. Die Anzeigen hatten auf ihren Konsolen gebrannt, und sie hatten sie ignoriert — genau wie Louis das Licht auf seiner eigenen Konsole ignorierte.
»Jetzt reicht’s«, sagte er zu sich selbst und schaltete den Interkom ein.
Und erwischte einen unglaublichen Schwall orchestraler Musik, bevor der Puppenspieler seine Anwesenheit bemerkte. Dann: »… wir müssen unbedingt dafür sorgen, daß die Mitglieder dieser Expedition sich ohne Blutvergießen wieder vertragen«, sagte Nessus. »Haben Sie einen Vorschlag, Louis?«
»Ja. Es ist unhöflich, bei einer Unterhaltung mittendrin anzufangen.«
»Entschuldigen Sie, Louis. Danke, daß Sie auf meinen Ruf reagiert haben. Wie fühlen Sie sich?«
»Einsam und wütend, und es ist alles Ihre Schuld. Niemand will mit mir reden.«
»Kann ich helfen?«
»Vielleicht. Hatten Sie etwas mit der Manipulation der Fortpflanzungsgesetze zu schaffen?«
»Ich leitete das Projekt.«
Louis schnaubte. »Das war die falsche Antwort. Machen Sie so weiter, und Sie werden das erste Opfer retroaktiver Geburtenkontrolle. Teela wird nie wieder ein Wort mit mir reden.«
»Sie hätten sie nicht auslachen sollen.«
»Ich weiß. Wissen Sie, was mir bei dieser ganzen Geschichte am meisten Angst bereitet? Nicht Ihre tanj Arroganz«, sagte Louis. »Es ist die Tatsache, daß Sie Entscheidungen von derartiger Tragweite treffen und gleich im Anschluß etwas so Dämliches tun können, daß… daß…«
»Kann Teela Brown uns hören, Louis?«
»Nein, natürlich nicht. Tanj, Nessus! Wissen Sie eigentlich, was Sie ihr angetan haben?«
»Wenn Sie wußten, daß es ihrem Ego derartigen Schmerz zufügen würde — warum haben Sie denn überhaupt angefangen davon zu reden?«
Louis stöhnte. Er hatte in Gedanken ein Problem gewälzt, und die Lösung war ihm sofort offensichtlich erschienen. Er hatte nicht einen Augenblick daran gedacht, sie besser für sich zu behalten. Louis dachte nicht in solchen Bahnen.
»Haben Sie darüber nachgedacht, wie wir die Expedition wieder zusammenbringen können?« fragte der Puppenspieler.
»Ja«, erwiderte Louis — und schaltete erneut ab. Sollte der Puppenspieler ruhig noch ein wenig schwitzen.
Das Land senkte sich und wurde nach und nach wieder grün.
Sie überflogen ein weiteres Meer und ein großes dreieckiges Flußdelta. Das Flußbett war trocken, genau wie das Delta. Änderungen in der Windrichtung hatten anscheinend die Quellen versiegen lassen.
Louis ging tiefer, und es wurde deutlich, daß all die scheinbar willkürlichen, mäandernden Kanäle und Rinnen, aus denen das Delta bestand, absichtlich und permanent in das Land gestanzt worden waren. Die Ringweltschöpfer hatten sich nicht damit zufrieden gegeben, daß der Fluß sich sein eigenes Bett suchte. Sie hatten gut daran getan: die Bodenschicht der Ringwelt war einfach nicht dick genug. Eingriffe von außen waren notwendig.
Doch die leeren Kanäle waren häßlich. Louis schürzte mißbilligend die Lippen und zog wieder hoch.
KAPITEL VIERZEHN
ZWISCHENSPIEL MIT SONNENBLUMEN
Nicht weit voraus lagen Berge.
Louis war die ganze Nacht bis weit in den Morgen hinein weitergeflogen. Er wußte nicht genau, wie spät es war. Die bewegungslose Sonne war eine psychologische Falle; entweder schien sie die Zeit zu dehnen oder zu komprimieren, und Louis wußte nie genau, was von beidem.
Louis fühlte sich wie in seinem Sabbatjahr. Er hatte die anderen Flugräder fast vergessen. Es war kein großer Unterschied, ob man allein in einem Einmannschiff zwischen unbekannten Sternen unterwegs war oder über ein nicht enden wollendes, sich unentwegt veränderndes Terrain flog. Louis Wu war allein mit dem Universum, und das Universum war Louis Wus Spielzeug. Die Frage, ob Louis Wu noch immer mit sich zufrieden war, wurde zur wichtigsten Frage in diesem Universum.
Er schrak zusammen, als sich über der Konsole ein kleiner orangefarbener Kopf formte.
»Sie müssen allmählich müde sein«, sagte der Kzin. »Möchten Sie, daß ich weiterfliege?«
»Ich würde lieber landen. Ich bin schon ganz steif.«
»Dann landen Sie. Sie steuern die Räder.«
»Ich will niemandem meine Gesellschaft aufzwingen.« Während er es sagte, erkannte Louis, daß er es tatsächlich so meinte. Die Sabbatjahrstimmung hatte ihn wieder in den Bann gezogen.
»Meinen Sie, Teela will Sie nicht sehen? Vielleicht haben Sie recht; Sie hat sich nicht einmal mit mir in Verbindung gesetzt, obwohl ich die gleiche Schande trage wie sie.«
»Sie nehmen es zu tragisch, Sprecher-zu-den-Tieren. Nein, warten Sie! Schalten Sie nicht wieder ab!«
»Ich möchte alleine sein, Louis. Der Blätteresser hat schreckliche Schande über mich gebracht.«
»Aber das ist schon lange her! Nein, schalten Sie nicht ab! Zeigen Sie ein wenig Mitleid mit einem einsamen alten Mann. Haben Sie die Landschaft beobachtet?«
»Ja.«
»Sind ihnen die blanken Stellen aufgefallen?«
»Ja. An manchen Stellen hat die Erosion sich bis zum unzerstörbaren Fundament durchgefressen. Irgend etwas muß vor langer Zeit die Windströmungen furchtbar durcheinanderwirbelt und angeheizt haben. Derartige Erosion kommt nicht über Nacht, selbst auf der Ringwelt nicht.«
»Genau.«
»Louis, wie kann eine Zivilisation von solcher Macht und Größe untergehen?«
»Ich weiß es nicht. Sehen wir den Tatsachen ins Auge; wir wissen es einfach nicht, und wir haben zu wenig Informationen. Selbst die Puppenspieler haben das technologische Niveau der Ringwelt nie erreicht. Woher sollen wir wissen, was sie bis in die Steinzeit zurückgeworfen hat?«
»Wir müssen mehr über die Eingeborenen in Erfahrung bringen«, sagte Der-zu-den-Tieren-spricht. »Bisher deutet alles darauf hin, daß sie keine Hilfe sind, um die Lying Bastard irgendwohin zu schleppen. Wir müssen jemanden finden, der es kann.«
Es war die Eröffnung, auf die Louis gehofft hatte. »Was das anbetrifft, so habe ich ein paar Ideen… ein effektiver Weg, so oft mit den Eingeborenen in Kontakt zu treten, wie wir wollen.«
»Und?«
»Ich würde gerne landen, bevor wir uns darüber unterhalten.«
»Dann lassen Sie uns landen.«
Ein Gebirgszug bildete eine hohe, massive Barriere auf dem Weg der Flugräder. Die Berge und dazwischenliegenden Pässe schimmerten in einem perlmuttfarbenen Glanz, den Louis wiedererkannte. Stürme hatten den Fels abgetragen und das Ringweltfundament freigelegt.
Louis steuerte die Räder auf sanft gerundete Gebirgsausläufer zu. Sein Ziel war eine Schlucht, aus der ein silberner Wasserlauf trat, um kurz darauf wieder in einem schier endlos erscheinenden Wald zu verschwinden, der die Randgebirge wie ein grüner Pelz überzog.
Teela meldete sich. »Was hast du vor?« erkundigte sie sich.
»Ich lande. Ich bin es leid, immer nur zu fliegen. Aber schalt nicht gleich wieder ab. Ich würde mich gerne entschuldigen.«
Sie schaltete ab.
»Mehr konnte ich wahrscheinlich für den Augenblick nicht erhoffen«, murmelte Louis ohne rechte Überzeugung. Doch sie würde jetzt eher geneigt sein zuzuhören, da sie wußte, daß eine Entschuldigung auf sie wartete.
»Die Idee kam mir während unserer Unterhaltung über das Gottspielen«, begann Louis. Unglücklicherweise redete er allein mit Derzu-den-Tieren-spricht. Teela war von ihrem Flugrad abgestiegen, hatte Louis einen zornsprühenden Blick zugeworfen und war in den Wald davongestapft.
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