Ich habe die entsprechende Ausbildung nicht abge-schlossen, aber die Grundkenntnisse sind weitgehend vorhanden — ich würde mir Mühe geben.“
„Meine Liebe. Wer hat dich denn so gekränkt?“
„Mich? Mir geht es bestens. Ich wollte dir nur klarmachen, daß ich weiß, wie die Welt sich dreht.
Ich bin kein Kind mehr, das es noch lernen muß, ohne die Stütze der Krippe auszukommen. Eine Künstliche Person erwartet von einem normalen Mann keine sentimentale Liebe; das wissen wir beide. Du verstehst das noch viel besser als jeder Laie, du bist in der Branche tätig. Ich respektiere dich und mag dich wirklich. Wenn du es mir gestattest, mit dir ins Bett zu gehen, will ich mir große Mühe geben, dich zu unterhalten.“
„Freitag!“
„Ja, Sir?“
„Du wirst nicht mit mir ins Bett gehen, um mich zu unterhalten!“
Plötzlich schossen mir Tränen in die Augen — was nun wirklich sehr selten passiert. „Tut mir leid, Sir“ sagte ich bedrückt. „Ich wollte dich nicht kränken. Ich wollte niemandes Entscheidung vorwegnehmen.“
„HÖR AUF DAMIT, verdammt!“
„Sir?“
„Hör endlich auf, mich ›Sir‹ zu nennen! Hör auf dich wie ein Sklave zu benehmen! Nenn mich Georges! Wenn du ›Schatz‹ Oder ›Liebling‹ hinzufügen möchtest, wie du es in der Vergangenheit zuweilen getan hast, tu es bitte! Oder beschimpfe mich! Behandle mich wie deinen Freund! Dieser Riß zwischen ›Menschen‹ und ›Nichtmenschen‹ ist von ahnungslosen Laien erdacht worden; in der Branche weiß jeder daß das totaler Unsinn ist. Deine Gene sind menschli-che Gene; sie sind mit größter Sorgfalt ausgesucht worden. Vielleicht macht dich das zum Übermenschen; auf keinen Fall aber zum Nichtmenschen. Bist du fruchtbar?“
„Äh — widerruflich steril.“
„Mit örtlicher Betäubung könnte ich das in zehn Minuten ändern. Und dich schwängern. Würde unser Baby ein Mensch sein? Oder ein Nichtmensch? Oder nur ein halber Mensch?“
„Äh … ein Mensch.“
„Darauf kannst du dein Leben verwetten! Und ein menschliches Baby setzt eine Menschenmutter voraus. Daß du mir das nie vergißt!“
„Also, das vergesse ich bestimmt nicht.“ Tief im Innern spürte ich ein seltsames Kribbeln. Es hatte mit Sex zu tun, war aber ein Gefühl, wie ich es bisher noch nicht erlebt hatte, obwohl ich da ziemlich eingefahren bin. „Georges, möchtest du das? Mich schwängern?“
Er starrte mich verblüfft an. Dann kam er auf mich zu, hob mein Gesicht, indem er mir einen Finger unter das Kinn schob, legte die Arme um mich und begann mich zu küssen. Auf einer Zehnerskala hätte ich die Note achteinhalb oder auch neun vergeben müssen — in senkrechter Stellung und mit voller Bekleidung ist mehr auch gar nicht möglich. Dann nahm er mich hoch, begab sich zu einem Stuhl, setzte sich wobei ich auf seinem Schoß landete, und begann mich bedächtig und liebevoll auszuziehen. Janet hatte darauf bestanden, mir Kleidung aus ihren Schränken mitzugeben, so trug ich denn interessantere Dinge am Leibe als einen einfachen einteiligen Anzug. Das Superhaut-Gewand, das Janet frisch gewaschen hatte,befand sich in meinem Köfferchen.
Während Georges die Reißverschlüsse und Knöpfe und Haftverschlüsse öffnete, sagte er: „Diese zehn Minuten müßten wir in meinem Labor zubringen und es würde noch etwa einen Monat dauern, bis du zum erstenmal wirklich fruchtbar wärst, und diese Kombination von Umständen bewahrt dich vor einem dicken Bauch — denn solche Bemerkungen lassen einen Mann hochgehen wie einen Stier, der von einer spanischen Fliege gestochen wurde. Die Folgen deiner Torheit bleiben dir also erspart. Statt dessen werde ich dich mit ins Bett nehmen und mir Mühe geben dich zu unterhalten — obwohl ich da auch keine abgeschlossene Ausbildung vorweisen kann. Aber wir werden uns etwas ausdenken, meine liebe Freitag.“
Er hob mich hoch und ließ das letzte Stück meiner Kleidung zu Boden fallen. „Du siehst gut aus. Du fühlst dich gut an. Du riechst gut. Möchtest du als erste ins Bad? Ich brauche eine Dusche.“
„Ich gehe lieber als zweite, da ich Zeit brauche.“
Und das stimmte auch, denn ich hatte nicht übertrieben, als ich ihm sagte, ich fühlte mich aufgedunsen. Ich kenne mich auf Reisen aus und achte darauf den beiden schlimmsten Katastrophen für jeden Reisenden aus dem Weg zu gehen. Das ausgefallene Abendessen, gefolgt von dem riesigen „Frühstück“ um Mitternacht, hatte meinen Zeitplan etwas durcheinandergebracht. Wenn ich Druck auf Brust — und Bauch — bekommen sollte, wurde es Zeit, die zusätzliche Rundung loszuwerden.
Es war zwei Uhr durch, als ich das Badezimmer verließ — gebadet, abgeschlackt, mit sauber ausgewaschenem Mund und frisch riechendem Atem, bereitund aufgekratzt wie nur je in meinem Leben. Kein Parfum — ich habe grundsätzlich keins dabei nicht zuletzt weil die Männer fragrans femina allen anderen anregenden Düften vorziehen, auch wenn ihnen das nicht bewußt ist.
Georges lag im Bett, züchtig zugedeckt — und schlief. Der Zeltpfosten stand nicht, wie ich mit einem schnellen Blick feststellte. Sehr vorsichtig kroch ich zu ihm unter die Decke und schaffte es, ihn nicht zu wecken. Ehrlich, ich war nicht enttäuscht, da ich im Grunde nicht so egoistisch bin. Ich war ziemlich zuversichtlich, daß er mich mit neuerwachten Kräften aus dem Schlaf holen würde und wir beide dann noch mehr davon hätten — auch ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir.
Ich behielt recht.
Natürlich möchte ich Georges Janet nicht wegnehmen, doch ich freue mich schon heute auf viele angenehme Besuche, und sollte er sich je entschließen meine Sterilität aufzuheben, nun so würde ich nichts dagegen haben — ich begreife nicht, warum Janet ihm nicht schon ein Kind geschenkt hat.
Das dritte oder vierte Mal weckte mich ein herrlicher Duft; Georges entlud den Lieferautomaten. „Du hast zwanzig Sekunden, deine Routine im Badezimmer abzuspulen“, sagte er. „Die Suppe ist bereits serviert. Du hast mitten in der Nacht ein richtiges Frühstück gehabt, also bekommst du jetzt eine höchst unpassende Zwischenmahlzeit.“
Vermutlich ist es nicht ganz richtig, zum Frühstück frische Dungeness-Krebse zu speisen, doch ich fand es großartig. Davor gab es Bananenscheiben in Sahne auf Cornflakes, was mich schon mehr an ein Frühstück erinnerte, dazu wurden warme Zwiebacke und lockerer grüner Salat gereicht. Anschließend gab es Zichorienkaffee mit einem Schuß Korbel Champagner-Brandy. George ist ein liebevoller Lüstling und versteht es, zu essen und zu kochen, und weiß, wie man einer Künstlichen Person das Gefühl vermittelt, ein Mensch zu sein, oder daß es zumindest nichts ausmacht, nicht als solcher angesehen zu werden.
Frage: Warum sind die drei Angehörigen dieser Familie so schlank? Ganz bestimmt halten sie nicht Diät oder unterwerfen sich masochistischen Leibes-übungen. Ein Therapeut sagte mir einmal, die sportliche Betätigung, die ein Mensch braucht, ließe sich allein im Bett erreichen. Lag es daran?
Soweit die guten Nachrichten. Jetzt zu den schlechten:
Der Internationale Korridor war geschlossen. Man konnte Deseret erreichen, indem man in Portland umstieg, doch es gab keine Garantie, daß die Tunnelbahn SLC-Omaha-Gary offen war. Die einzige große internationale Route, die regelmäßig befahren wurde schien San-Diego — Dallas — Vicksburg — Atlanta zu sein.
San Diego war kein Problem, da die San-JoséTunnelbahn von Bellingham nach La Jolla offen war.
Aber Vicksburg gehört nicht zum Chicago-Imperium sondern ist ein einfacher Flußhafen, von dem aus eine Person, die Bargeld und Hartnäckigkeit besitzt, ins Imperium gelangen könnte.
Ich versuchte den Chef anzurufen. Vierzig Minuten später hatte ich von synthetischen Stimmen etwa dieselbe Meinung wie die Menschen über meinesgleichen. Wer hat sich das nur ausgedacht, den Computern „Höflichkeit“ einzuprogrammieren? Daß einem die Maschinenstimme bestätigt: „Vielen Dank für Ihre Geduld“, mag man beim erstenmal noch hinnehmen doch beim drittenmal geht einem der scheinheilige synthetisch höfliche Ton und vierzig Minuten Hinhaltetaktik, ohne daß man auch nur eine echte lebendige Stimme zu hören bekommt, derart auf den Keks daß es der Geduld eines Guru bedürfte, um nicht aus der Haut zu fahren.
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