Sie reichte ihm das Glas, das bis zum Rand voll von der rosafarbenen Flüssigkeit war. Seine Hände waren wie hölzerne Kloben, die Finger steif wie Stecken. Sie mußte ihm beim Trinken helfen. Aber das Taubkrautdestillat begann sogleich zu wirken und nahm wie gewohnt die Bedrückung von seiner Seele, was angenehm war, und löste nach und nach die Schichten des Schocks nach dem grausigen Geschehen an Deck von ihm. Pilya nahm ihm das geleerte Glas aus den Händen und stellte es auf das Bord gegenüber seiner Koje.
Auf diesem Bord hatte Lawler seine Reliquien von der ERDE aufgestellt, sechs kleine Fragmente aus einer einst existierenden Welt. Pilya hielt inne und besah sie sich eingehend: die Münze, die Bronzestatuette, den Tonscherben, die Landkarte, die Schußwaffe, den Steinbrocken. Vorsichtig berührte sie die kleine Statue mit der Fingerspitze, als befürchte sie, sich zu verbrennen.
»Was ist das da?«
»Das kleine Abbild eines Gottes, aus einer Gegend, die Ägypten hieß. Das war damals auf der Erde.«
»Auf der Erde? Du hast Sachen von der Erde?«
»Familienerbstücke. Das da ist viertausend Jahre alt.«
»Viertausend Jahre? Und das da?« Sie nahm die Münze. »Was bedeuten die Schriftzeichen auf diesem Stückchen hellen Metalls?«
»Auf der Seite mit dem Frauengesicht steht: In God We Trust. Und auf der anderen Seite, wo der Vogel ist, steht United States of America, hier oben, und drunter Quarter Dollar.«
»Was bedeutet das ›Quarterdollar‹?« fragte Pilya.
»Das war so eine Art Währung damals auf der Erde.«
»Und ›United States of America‹?«
»Ach, das war so eine Gegend.«
»Du meinst, eine Insel?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Aber ich glaub eher nein. Auf der Erde hatten sie keine Inseln, wie wir sie kennen.«
»Und dieses Tier da? Mit den Flügeln? Solche Tiere gibt es doch überhaupt gar nicht.«
»Auf der ERDE gab es sie schon«, antwortete er. »Man nannte sie Adler, und es war so eine Art Vogel.«
»Was ist das, ein Vogel?«
Er zögerte. »Etwas, das in der Luft fliegen kann.«
»So was wie ein Luftgleiter«, sagte sie.
»Ja, so ungefähr. Aber ich weiß es wirklich nicht.«
Pilya stupste nachdenklich die übrigen Artefakte an. Dann sagte sie sehr leise: »Die Erde… also hat es diesen Ort einmal wirklich gegeben.«
»Aber sicher hat es sie gegeben!«
»Ich war mir da nie sicher, ob es nicht vielleicht bloß so ein Märchen war.« Sie wandte sich um, lä chelte ihm breit und kokett entgegen und hielt ihm die Münze hin. »Schenkst du mir das, Doktor? Ich find es hübsch. Und ich hätte gern was von der Erde, ein Ding, das ich festhalten kann.«
»Das geht nicht, Pilya.«
»Bitte? Bitte, willst du’s mir nicht geben? Es ist so schön!«
»Aber es ist ein Familienerbstück, seit Hunderten von Jahren. Ich kann es wirklich nicht weggeben.«
»Du darfst es dir anschauen, wann immer du Lust dazu hast.«
»Nein«, wies er sie ab. Und zugleich dachte er darüber nach, für wen er denn diese paar Reliquien aufbewahren sollte. »Es tut mir leid. Ich wollte, ich könnte es dir schenken, aber es geht nicht. Diese Dinge kann ich dir nicht geben.«
Sie nickte ergeben, machte aber nicht den Versuch, ihre Enttäuschung zu verhehlen. »Die ERDE«, sagte sie noch einmal und ließ das geheimnisvolle Wort genüßlich auf den Lippen zergehen. »ERDE!« Dann legte sie den Vierteldollar wieder auf das Bord zurück. »Du wirst mir einmal sagen, was diese anderen Erdendinge sind, ein andermal. Aber es gibt da bei dir jetzt einiges zu tun, und das hätten wir beinahe vergessen. Die Salbe für deine Hände… wo ist die Salbe?«
Er zeigte es ihr. Sie drückte einen kleinen Strang aus der Tube. Dann drehte sie ihm erneut die Hände mit den Handflächen nach oben, wie sie das schon an Deck getan hatte, und schüttelte betrübt den Kopf. »Na, da schau dir das an. Du wirst Narben davon behalten.«
»Vielleicht auch nicht.«
»Dieses Zeug — es hätte auch dich über Bord zerren können.«
»Nein«, sagte Lawler. »Das konnte es nicht. Und hat nicht. Gospo war außerdem von Anfang an ziemlich dicht an der Reling, und es hat ihn erwischt, bevor er begriff, was ihm da passiert ist. Ich war einfach in einer besseren Position, mich dagegen zu wehren.«
Er sah die Furcht in den bezaubernden goldgesprenkelten Augen der jungen Frau.
»Wenn nicht diesmal, dann wird es uns beim nächstenmal kriegen. Wir werden alle sterben, ehe wir unser Ziel erreichen, wo immer das liegen mag«, sagte sie.
»Aber nein. Nein, alles wird gut verlaufen.«
Pilya lachte. »Du siehst immer in allem irgendeine gute Seite. Aber das wird trotzdem eine schlimme, eine kummervolle, eine tödliche Reise werden. Wenn wir jetzt kehrtmachen könnten, wieder nach Sorve zurücksegeln könnten, Doktor, würdest du das nicht auch lieber tun?«
»Aber, Pilya, wir können doch nicht zurück. Das weißt du doch. Genauso könntest du davon reden, daß man umkehren und zur Erde zurückkehren sollte. Es gibt keine Möglichkeit, wie wir jemals Sorve wiedersehen könnten.«
ERSTER TEIL
Die Insel Sorve
In der Nacht war ihm die klare schlichte Überzeugung gekommen, daß er der vom Schicksal auserwählte Mann sei, der den Dreh finden konnte, durch den für die achtundsiebzig Menschen alles so sehr viel einfacher und besser werden würde, die auf der künstlichen Insel Sorve auf dem Wasserplaneten Hydros lebten.
Die Idee war verrückt, und Lawler wußte das. Aber sie hatte seinen Schlaf gestört, und keine seiner gewohnten Methoden schien dagegen zu helfen, nicht Meditation, nicht das Einmaleins, ja nicht einmal ein paar rosa Tropfen seines Tranquilizers aus Algendestillat, von dem er letzthin möglicherweise doch ein wenig zu abhängig wurde. Von kurz nach Mitternacht bis fast zum Morgengrauen lag er wach und schlug sich mit dieser seiner brillanten, heroischen verrückten Idee herum. Dann, bei noch dunklem Himmel in den frühen Morgenstunden und bevor sich irgendwelche Patienten einfinden würden, die ihm den Tag komplizieren und die Reinheit seiner plötzlichen neuen Idee trüben konnten, verließ Lawler den Vaargh nahe der Inselmitte, wo er allein lebte, und begab sich hinab zum Uferkai, um zu erkunden, ob es den Gillies während der Nacht tatsächlich gelungen war, ihr neues Kraftwerk in Gang zu setzen.
Wenn ja, wollte er sie überschwenglich dazu beglückwünschen. Er würde seinen ganzen Wortschatz der Zeichen- und Gestensprache einsetzen und ihnen sagen, wie tief beeindruckt er von ihrer ehrfurchtgebietenden technischen Meisterleistung sei. Er würde ein Loblied auf sie singen, sie preisen dafür, daß sie mit einem einzigen meisterhaften Streich die gesamte Lebensqualität — nicht nur auf Sorve, sondern dem ganzen Planeten Hydros — verändert hätten.
Und dann wollte er sagen: »Mein Vater, der große Doktor Bernat Lawler, an den ihr alle euch noch gut erinnert, hat diesen Augenblick vorausgesehen. ›Eines Tages‹, sagte er oft zu mir, als ich noch ein Junge war, ›werden unsere Freunde-die-Dwellers, die Inselsassen, eine stetige, zuverlässige Stromversorgung aufbauen. Und dann wird hier eine neue Ära beginnen, und die Sassen und die Menschen werden in herzlicher Eintracht zusammenarbeiten…‹«
Etcetera, etcetera. Er würde seine Lobsprüche geschickt verflechten mit dem nachdrücklichen Hinweis, wie unabdingbar das Zusammenleben in Harmonie der beiden Rassen sei, verflechten und sich nach und nach zu dem klaren Vorschlag durcharbeiten, Hydraner und Menschen sollten doch nun endlich die frühere abweisende Kühle aufgeben und im Namen eines weiteren gemeinsamen technologischen Fortschritts an einem Strang ziehen. Er wollte den geheiligten Namen des geliebten verstorbenen Dr. Bernat Lawler so oft wie möglich erwähnen, wollte sie daran mahnen, wie dieser zu seinen Lebzeiten unermüdlich mit seiner erstaunlichen ärztlichen Kunst dem Wohl und der Gesundheit von Sassen und Menschen gleichermaßen gedient hatte, nicht wenige Wunderheilungen vollbracht hatte, sich selbstlos für beide Inselrassen aufopferte — er würde immer dicker auftragen, bis die Luft vor Gefühlsüberschwang bebte und die Gillies, von der neugewonnenen interrassischen Liebe zu Tränen gerührt, freudig auf Lawlers beiläufig gemachten Vorschlag einsteigen würden, daß es ein guter Anfang wäre, wenn man die Neue Ära damit eröffnen würde, daß die Sassen den Menschen die Möglichkeit einräumten, das neue Kraftwerk so umzurüsten, daß es neben Elektrizität auch Trinkwasser produzieren könne. Und danach dann sein fundamentaler Vorschlag: Die Menschen würden die Meerwasser-Entsalzungs-Fabrik eigenständig entwerfen und errichten, den Kondensator, die Transportpipelines, kurz, das gesamte System… und es dann ganz in die Hände der Gillies übergeben… Hier habt ihr es, ihr braucht es nur anzuschließen. Es kostet euch gar nichts, und wir werden in Zukunft nicht länger auf das in den Zisternen gesammelte Regenwasser angewiesen sein. Und so werden wir fürderhin und in alle Zukunft die besten Freunde sein, ihr Sassen und wir Menschen…
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