Aber jetzt stand die zweite Buddha-Statue schief und der Karton mit der Aufschrift ANDENKEN (AUSBILDUNG) fehlte. Ich nahm an, dass sie ihn selbst heruntergenommen hatte, obwohl ich ihn nirgends sonst im Haus gesehen hatte. Die einzige der drei Schachteln, die sie in meiner Gegenwart regelmäßig geöffnet hatte, war VERMISCHTES. Sie war vollgestopft gewesen mit Konzertprogrammen und Ticketabrissen, spröde gewordenen Zeitungsausschnitten (einschließlich der Todesanzeigen für ihre Eltern), eine Souvenir-Anstecknadel in Form des Schoners Bluenose von ihrer Hochzeitsreise in Nova Scotia, Streichholzbriefchen verschiedenster Hotels und Restaurants, die sie besucht hatte, Modeschmuck, ein Taufschein, sogar eine Locke meiner ersten Haare, aufbewahrt in einem mit einer Sicherheitsnadel verschlossenen Stück Wachspapier.
Ich nahm die andere Schachtel herunter, die mit der Aufschrift ANDENKEN (MARCUS). Ich war nie besonders neugierig gewesen, was meinen Vater betraf, und meine Mutter hatte auch nicht viel über ihn erzählt, nichts was über ein paar dürre persönliche Merkmale hinausging: ein gut aussehender Mann, Ingenieur von Beruf, sammelte Jazzplatten, E. D.s bester Freund auf dem College, aber ein schwerer Trinker und schließlich, eines Nachts auf der Heimfahrt von einem Elektroniklieferanten in Milpitas, ein Opfer seiner Leidenschaft für schnelle Autos. In dem Karton befand sich ein Packen Briefe in Pergamentumschlägen, adressiert in einer schnörkellosen, sauberen Handschrift, die ihm gehört haben musste. Er hatte die Briefe an Belinda Sutton geschrieben, der Mädchenname meiner Mutter, an eine Adresse in Berkeley, die mir nichts sagte.
Ich öffnete einen der Umschläge, zog den vergilbten Bogen Papier heraus und faltete ihn auseinander.
Es war unliniertes Papier, aber die Handschrift zog sich dennoch in kurzen, sehr ordentlichen Parallelen über die Seite. Liebe Bel, las ich. Ich dachte, gestern Abend am Telefon hätte ich bereits alles gesagt, aber ich kann nicht aufhören, an Dich zu denken. Dies zu schreiben ist so, als seist du mir näher, wenn auch nicht so nahe, wie ich mir wünschen würde. Nicht so nahe wie im letzten August! Jede Nacht, in der ich mich nicht neben dich legen kann, spiel ich mir diese Erinnerung vor wie ein Videoband.
Es folgte noch mehr, aber ich las nicht weiter. Ich faltete den Brief zusammen und steckte ihn in seinen Umschlag zurück, machte den Karton zu und stellte ihn dahin, wo er hingehörte.
Am nächsten Morgen klopfte es an der Tür. Ich öffnete sie in der Erwartung, Carol oder einen Bediensteten aus dem Großen Haus vor mir zu sehen.
Aber es war nicht Carol. Es war Diane. Diane in einem mitternachtsblauen bodenlangen Rock und einer Bluse mit hohem Kragen. Sie rang die Hände unter der Brust und sah mich mit funkelnden Augen an. »Es tut mir so Leid«, sagte sie. »Ich bin sofort gekommen, als ich davon hörte.«
Aber zu spät. Zehn Minuten vorher hatte das Krankenhaus angerufen. Belinda Dupree war gestorben, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
Bei der Trauerfeier hielt E. D. eine kurze, eher verlegene Ansprache und sagte nichts von Bedeutung. Ich sprach, Diane sprach, Carol wollte eigentlich sprechen, war aber am Ende zu sehr in Tränen aufgelöst oder zu alkoholisiert, um die Kanzel zu besteigen.
Dianes Rede war die bewegendste, angemessen und von Herzen kommend, ein Katalog der Freundlichkeiten, die meine Mutter über den Rasen exportiert hatte wie Geschenke aus einem reicheren, liebevolleren Land. Ich war ihr dankbar. Der Rest der Zeremonie wirkte im Vergleich dazu mechanisch: flüchtig bekannte Gesichter lösten sich aus der Menge, um Erbauliches oder Halbwahres aufzusagen, und ich dankte ihnen und lächelte, dankte ihnen und lächelte, bis es Zeit war, zum Grab zu gehen.
Die Feier wurde am Abend mit einem Empfang im Großen Haus fortgesetzt, wo ich Beileidsbekundungen von E. D.s Geschäftspartnern, die ich alle nicht kannte, die aber zum Teil meinen Vater gekannt hatten, sowie von den Hausbediensteten entgegennahm, deren Trauer echter und schwerer zu ertragen war.
Partyserviceleute schlängelten sich mit gefüllten Weingläsern auf Silbertabletts durch die Menge und ich trank mehr, als mir gut tat, bis Diane, die ebenfalls geschmeidig durch die Gästeschar geglitten war, mich von einer weiteren Runde »herzlicher Anteilnahme für Ihren schmerzlichen Verlust« fortzog und sagte: »Du brauchst frische Luft.«
»Es ist kalt draußen.«
»Wenn du so weitertrinkst, wirst du unleidlich. Bist schon auf dem besten Weg dazu. Komm, Ty. Nur ein paar Minuten.«
Also raus auf den Rasen. Den braunen Mittwinterrasen. Den gleichen Rasen, auf dem wir vor fast zwanzig Jahren die Anfangsmomente des Spins erlebt hatten. Wir schritten den Umkreis des Großen Hauses ab, schlenderten eigentlich eher, trotz der steifen Märzbrise und des körnigen Schnees, der sich auf allen geschützten und schattigen Stellen gehalten hatte.
Alles Naheliegende hatten wir bereits gesagt. Wir hatten biografische Daten abgeglichen: meine berufliche Laufbahn, der Umzug nach Florida, meine Arbeit bei Perihelion; ihr Leben mit Simon, der allmähliche Übergang von NK zu einer milderen Orthodoxie, die der Entrückung mit Frömmigkeit und Selbstzucht entgegensah. (»Wir essen kein Fleisch«, hatte sie mir anvertraut. »Wir tragen keine Kunstfasern.« Und wie ich so, ein bisschen benommen, neben ihr ging, fragte ich mich, ob ich in ihren Augen abscheulich oder abstoßend geworden war, ob sie die Schinken-und-Käse-Beimischung meines Atems registrierte, oder die Baumwoll/Polyester-Jacke, die ich trug.) Sie hatte sich nicht sehr verändert, war allerdings etwas dünner als früher, dünner vielleicht als zuträglich, denn ihre Kinnlinie zeichnete sich doch recht schroff vor dem hohen, engen Kragen ab.
Ich war noch nüchtern genug, ihr dafür zu danken, dass sie mich nüchtern machen wollte.
»Ich musste da auch dringend weg. All diese Leute, die E. D. eingeladen hat. Keiner von denen hat deine Mutter in irgendeiner relevanten Weise gekannt, kein einziger. Die unterhalten sich alle über Mittelzuweisungen oder Nutzlasttonnagen. Schließen Geschäfte ab oder bereiten sie vor.«
»Vielleicht ist das E. D.s Art, ihr Ehre zu erweisen. Den Leichenschmaus mit politischer Prominenz würzen.«
»Das ist eine sehr großmütige Interpretation.«
»Er macht dich immer noch wütend.« Und so leicht, dachte ich.
»E. D.? Natürlich. Obwohl es gütiger wäre, ihm zu vergeben. Was du anscheinend getan hast.«
»Ich habe ihm weniger zu vergeben. Er ist ja nicht mein Vater.«
Ich hatte das ganz ohne Hintergedanken, ja ohne Absicht, ausgesprochen. Aber noch immer spukte das, was Jason mir vor einigen Wochen erzählt hatte, in meinen Gedanken herum. Ich verschluckte mich an der Bemerkung, wollte sie schon zurücknehmen, bevor ich sie ganz ausgesprochen hatte, wurde rot, als sie heraus war. Diane sah mich erst verständnislos an, dann weiteten sich ihre Augen und ein Ausdruck trat in ihr Gesicht, in dem sich Zorn und Verlegenheit so deutlich mischten, dass ich ihn trotz der trüben Lichtverhältnisse ohne Schwierigkeiten interpretieren konnte.
»Du hast mit Jason gesprochen«, sagte sie kalt.
»Tut mir Leid…«
»Wie muss man sich das genau vorstellen? Ihr beiden sitzt zusammen und macht euch über mich lustig?«
»Natürlich nicht. Er… Was Jason gesagt hat, das kam alles von den Medikamenten.«
Ein weiterer grotesker Fauxpas. Sie sprang sofort darauf an: »Was für Medikamente?«
»Ich bin sein praktischer Arzt. Manchmal verschreib ich ihm etwas. Ist das irgendwie wichtig?«
»Was sind das für Medikamente, die dich veranlassen, ein Versprechen zu brechen, Tyler? Er hat versprochen, dir nie etwas davon zu sagen… Ist Jason krank? Ist er deshalb nicht zur Beerdigung gekommen?«
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