Ich erwog, mich in einem der örtlichen Krankenhäuser zu melden, meine Dienste als Arzt zur Verfügung zu stellen — im Palo Verde in Blythe, das ich einmal im Rahmen einer Konsultation besucht hatte, oder vielleicht im La Paz Regional in Parker. Aber welchem Zweck sollte das dienen? Es gab keine Heilung für das, was uns erwartete. Es gab allenfalls Linderung, Morphium, Heroin — also Mollys Strategie, aber nur, wenn die Arzneischränke nicht schon geplündert waren.
Und was Fulton zu Jody gesagt hatte, traf im Wesentlichen zu: Ich hatte einen Hausbesuch zu machen.
Eine Suche. Mit mittlerweile quichottischen Zügen. Was immer es war, das Diane zu schaffen machte, ich würde auch das nicht in Ordnung bringen können. Warum also die Reise überhaupt zu Ende bringen? Natürlich, es war eine Möglichkeit, sich vor dem Ende der Welt zu beschäftigen — tätige Hände zittern nicht, ein tätiger Verstand gerät nicht in Panik. Aber das war keine Erklärung für die Dringlichkeit, das existenzielle Bedürfnis, sie zu sehen, das mich während des Flackerns auf die Straße getrieben hatte und das jetzt eher noch stärker geworden war.
Vorbei an Blythe, vorbei an dem beunruhigenden Streifen abgedunkelter Geschäfte, vorbei an den belagerten Tankstellen — und endlich lag die Straße offen vor mir. Der dunkle Himmel, das Funkeln der Sterne.
Und das Läuten des Handys. Ich wühlte in meiner Tasche, bremste ab, während ein Laster von hinten an mir vorbeirauschte.
»Tyler.« Simons Stimme.
Bevor er weiterreden konnte, sagte ich: »Gib mir deine Nummer, bevor wir wieder unterbrochen werden. Damit ich euch erreichen kann.«
»Das darf ich nicht. Ich…«
»Von wo rufst du an?«
»Ein Handy. Wir benutzen es nur für lokale Gespräche. Im Moment hab ich es, aber Aaron trägt es auch manchmal bei sich, also…«
»Ich würde nur anrufen, wenn es absolut notwendig ist.«
»Okay, ist vermutlich auch egal.« Er gab mir die Nummer. »Hast du den Himmel gesehen, Tyler? Klar, du bist ja wach. Es ist die letzte Nacht auf Erden, nicht wahr?«
Ich dachte: Warum fragst du mich das? Simon lebte seit drei Jahrzehnten in der letzten Nacht auf Erden. Man hätte annehmen sollen, dass er es besser wüsste als ich. »Was ist mit Diane, Simon?«
»Ich möchte mich für den letzten Anruf entschuldigen. Angesichts… angesichts dessen, was jetzt kommt.«
»Wie geht es ihr?«
»Das meine ich ja. Es kommt nicht mehr darauf an.«
»Ist sie tot?«
Lange Pause. Er klang gekränkt, als er sich wieder meldete. »Nein, sie ist nicht tot.«
»Schwebt sie in der Luft und wartet auf die Entrückung oder was?«
»Es ist nicht nötig, meinen Glauben zu beleidigen.« Meinen Glauben, nicht unseren Glauben.
»Dann braucht sie vielleicht ärztliche Behandlung. Ist sie noch krank, Simon?«
»Ja, aber…«
»Auf welche Art? Was sind die Symptome?«
»Nur noch eine Stunde, dann geht die Sonne auf, Tyler. Du weißt ja, was das bedeutet.«
»Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Und ich sitze gerade im Auto, ich kann vor Sonnenaufgang auf der Ranch sein.«
»Oh. Nein, das ist nicht gut. Nein, ich…«
»Warum nicht? Wenn es das Ende der Welt ist, warum soll ich dann nicht da sein?«
»Du verstehst nicht. Was jetzt geschieht, ist nicht nur das Ende der Welt. Es ist die Geburt einer neuen Welt.«
»Wie krank ist sie? Kann ich mit ihr sprechen?«
Simons Stimme begann zu zittern. Ein Mann am Rande des Zusammenbruchs. Wir befanden uns alle an diesem Rand. »Sie kann nur flüstern. Sie bekommt keine Luft. Sie ist schwach, hat stark abgenommen.«
»Wie lange geht das schon?«
»Ich weiß nicht. Ich meine, es fing allmählich an…«
»Wann wurde es offensichtlich, dass sie krank ist?«
»Vor ein paar Wochen. Oder vielleicht auch, äh, vor ein paar Monaten.«
»Ist sie irgendwie ärztlich behandelt worden?« Pause. »Simon?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Es schien nicht notwendig.«
»Es schien nicht notwendig?«
»Pastor Dan wollte es nicht.«
Ich dachte: Und hast du Pastor Dan gesagt, dass er sich ganz gewaltig ins Knie ficken kann? »Ich hoffe, dass er sich inzwischen anders besonnen hat.«
»Nein.«
»Dann brauch ich deine Hilfe, um zu ihr zu kommen.«
»Tu das nicht, Tyler. Das nützt niemandem etwas.«
Ich war bereits dabei, nach der Abfahrt Ausschau zu halten, an die ich mich zwar nur undeutlich erinnerte, die ich aber auf der Karte markiert hatte. Eine namenlose Wüstenstraße, vom Highway runter in Richtung einer ausgetrockneten Cienaga. »Hat sie nach mir gefragt?« Stille. »Simon? Hat sie nach mir gefragt?«
»Ja.«
»Sag ihr, dass ich auf dem Weg zu ihr bin.«
»Nein, Tyler… Auf der Ranch gehen gerade ein paar problematische Dinge vor sich. Du kannst hier nicht einfach reinspazieren.«
Problematische Dinge? »Ich dachte, es würde eine neue Welt geboren.«
»Ja. In Blut geboren.«
Ich kam zu der kleinen Anhöhe, von der aus man die Condon-Ranch überblickte, und parkte so, dass der Wagen vom Haus aus nicht zu sehen war. Als ich die Scheinwerfer ausschaltete, konnte ich am östlichen Himmelsrand das erste Leuchten der aufgehenden Sonne sehen, das die neuen Sterne bereits auszulöschen begann.
Das war der Moment, in dem ich zu zittern begann.
Ich kam nicht dagegen an. Ich machte die Tür auf und fiel aus dem Auto, rappelte mich wieder hoch. Die Landschaft schälte sich aus der Dunkelheit wie ein verlorener Kontinent: braune Hügel, vernachlässigtes Weideland, das sich in Wüste zurückverwandelt hatte, der lange flache Abhang, der zum Farmhaus führte. Mesquit- und Kerzensträucher zitterten im Wind. Ich zitterte ebenfalls. Es war Furcht — nicht das etwas verkniffene Unbehagen, mit dem wir alle seit Beginn des Spins lebten, sondern eine Panik, die von den Eingeweiden ausging, sich wie eine Erkrankung der Muskeln und des Darmtrakts anfühlte. Tag der Vollstreckung für den zum Tode Verurteilten. Schinderkarren und Galgen nahten von Osten her.
Ich fragte mich, ob Diane eine ähnliche Angst ergriffen hatte. Und ob ich sie würde trösten können. Ob ich selbst noch etwas aufzubieten hatte, das zum Trost taugte.
Wieder erhob sich Wind, fegte Sand und Staub vom trockenen Grat. Vielleicht war dieser Wind ja der Vorbote der aufgedunsenen Sonne, ein Wind, der von der heißen Seite der Welt kam.
Ich hockte mich irgendwo hin, wo ich nicht gesehen zu werden hoffte, und schaffte es, immer noch zitternd, die Nummer, die Simon mir genannt hatte, in mein Handy zu tippen.
Er nahm nach zwei, drei Klingelzeichen ab. Ich presste das Handy an mein Ohr, um die Windgeräusche zu reduzieren.
»Du solltest das wirklich nicht tun«, sagte er.
»Störe ich die Entrückung?«
»Ich kann nicht reden.«
»Wo ist sie, Simon? Welcher Teil des Hauses?«
»Wo bist du?«
»Gleich hinter dem Hügel.« Der Himmel war jetzt heller, wurde mit jeder Sekunde heller, am westlichen Horizont zeigte er sich schon als angestoßenes Purpurrot. Ich konnte das Farmhaus deutlich sehen. Es hatte sich nicht sehr verändert in den Jahren seit meinem Besuch, nur die Scheune wirkte aufpoliert, war möglicherweise repariert und getüncht worden.
Weitaus beunruhigender fand ich allerdings die Grube, die parallel zur Scheune verlief und von locker aufgehäufter Erde bedeckt war. Eine kürzlich angelegte Abwasserleitung vielleicht. Oder ein Klärbehälter. Oder ein Massengrab.
»Ich gehe jetzt zu ihr«, sagte ich.
»Das ist unmöglich.«
»Ich nehme an, dass sie im Haus ist. Eines der Zimmer im ersten Stock. Richtig?«
»Selbst wenn du sie zu sehen kriegst…«
»Sag ihr, dass ich komme, Simon.«
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