„Seine Kooperationswilligkeit ist also völlig irrelevant“, sagte Rawlins langsam. „Er wird den Extragalaktikern einfach vorgeworfen. Wie ein Sack.“
„Wie ein denkender Sack. Wie unsere Freunde dort sicher feststellen werden.“
„Ich…“
„Nein, Ned, sagen Sie jetzt nichts. Ich kann mir sehr gut vorstellen, was jetzt in Ihrem Kopf vor sich geht. Sie hassen diesen Plan. Sie verabscheuen ihn. Und das sollen Sie auch. Mir geht es ja ähnlich. Aber nun ziehen Sie sich zurück und denken in Ruhe darüber nach. Gehen Sie die Sache von allen Seiten an, bevor Sie zu einem Entschluß kommen. Wenn Sie morgen aussteigen wollen, dann lassen Sie es mich wissen, und wir versuchen, ohne Sie zurechtzukommen. Aber ganz gleich, wie Sie sich entscheiden, Sie müssen mir versprechen, sich die Sache vorher gründlich zu überlegen. Einverstanden? Im Augenblick können wir uns keine voreiligen Schlüsse mehr leisten.“
Neds Gesicht war zuerst kalkweiß. Dann verfärbten sich seine Wangen rasch. Er preßte die Lippen zusammen. Boardman lächelte ihn wohlwollend an. Rawlins ballte die Fäuste, sah ihn haßerfüllt an, drehte sich um und verschwand rasch nach draußen.
Ein kalkuliertes Risiko.
Boardman nahm eine weitere Pille ein. Dann griff er nach der Flasche, die Muller ihm geschickt hatte. Er schenkte sich etwas davon ein. Ein süßliches, starkes Gebräu mit einem angenehmen Ingwergeschmack. Ein köstlicher Schnaps. Er ließ den ersten Schluck eine Weile auf der Zunge zergehen.
Muller hatte die Hydrier beinahe gemocht. Am deutlichsten und angenehmsten waren seine Erinnerungen an die Grazie ihrer Bewegungen. Sie schienen wirklich zu schweben. Die Fremdartigkeit ihrer Physiognomie hatte ihn nie sonderlich gestört. Einer seiner Lieblingssätze lautete, daß man auch auf der Erde nicht sehr weit zu gehen hatte, um auf etwas Groteskes zu stoßen: Giraffen. Hummer. Seeanemonen. Tintenfische. Kamele. Man brauchte sich ein Kamel nur einmal objektiv anzusehen und sich dabei zu fragen, ob seine Gestalt weniger fremdartig war als die eines Hydriers.
Er war in einer feuchten Gegend nördlich vom Äquator des Planeten gelandet, auf einem amöbenförmigen Kontinent, der ein Dutzend riesiger Quasi-Städte aufwies, von denen sich jede einzelne über etliche tausend Quadratkilometer erstreckte. Sein Schutzanzug, den man speziell für diese Mission entworfen hatte, war kaum mehr als eine dünne Filtrierschicht, die ihn wie eine zweite Haut umgab. Durch tausend Dialyseplättchen führte er ihm Atemluft zu. Der Anzug war nicht sehr bequem, aber er konnte sich in ihm unbehindert bewegen.
Etwa eine Stunde wanderte er durch einen Wald aus riesigen, pilzförmigen Bäumen, bevor er die ersten Einheimischen antraf. Die Bäume erreichten Höhen von mehreren hundert Metern. Vielleicht lag das an der hiesigen Schwerkraft, die nur fünf Achtel der irdischen Gravitation betrug. Die gewundenen Stämme machten keinen sehr harten Eindruck. Er vermutete, daß unter einer äußeren, gerade fingerdicken Holzschicht ein Kern aus schwammweichem Mark lag. Die hutartigen Baumwipfel fügten sich zu einem fast lückenlosen Baldachin zusammen und ließen so gut wie kein Licht auf den Waldboden gelangen. Da die Wolkenschicht über der Welt ohnehin nur mattes Sonnenlicht durchließ und dieses von den Baumkronen noch zusätzlich abgeschwächt wurde, herrschte hier im Wald fast Dunkelheit.
Als Muller auf die Fremden stieß, stellte er überrascht fest, daß sie etwa drei Meter groß waren. Seit seiner Kindheit war er sich nicht mehr so winzig vorgekommen. Er blieb stehen, und sie umringten ihn. Muller reckte und streckte sich bei dem Versuch, ihnen in die Augen zu sehen. Nun war der Moment gekommen, wo er sich in angewandter Hermeneutik üben konnte. Mit gefaßter Stimme sagte er: „Ich heiße Richard Muller. Ich komme in Freundschaft als Gesandter der terranischen Kultursphäre.“
Natürlich verstanden sie das nicht. Aber sie machten auch keine Anstalten, etwas gegen ihn zu unternehmen. Er bildete sich ein, ihre Gesichter drückten nicht einmal Unfreundlichkeit aus.
Muller kniete sich nieder und ritzte den Satz des Pythagoras in den weichen, feuchten Boden.
Dann sah er auf. Und lächelte. „Ein Grundkonzept der Geometrie. Und ein universelles Denkmuster.“
Ihre vertikal angebrachten, schlitzartigen Nasenflügel zuckten leicht. Die Köpfe wiegten hin und her. Muller stellte sich vor, daß sie jetzt nachdenkliche Blicke austauschten. Da sie mehrere, kreisförmig um den Kopf angebrachte Augen besaßen, brauchten sie ihre Körperstellung dazu nicht zu verändern.
„Jetzt möchte ich euch einige weitere Beweise für unsere geistige Verwandtschaft vorführen“, erklärte Muller.
Er zog auf dem Boden einen Strich. Ein kurzes Stück daneben zwei weitere. Und noch ein Stück weiter ritzte er drei Striche. Dann füllte er die Zwischenräume mit Zeichen aus: I + II = III.
„Seht ihr?“ sagte er. „Wir nennen das Addition.“
Die Armbündel bewegten sich. Zwei seiner Zuhörer berührten sich. Muller dachte daran, wie sie die Spionsonde zerstört hatten, kurz nachdem sie entdeckt worden war, ohne sich mit einer gründlicheren Erforschung aufzuhalten. Er hatte sich seelisch auf ein ähnliches Schicksal vorbereitet. Aber statt dessen hörten sie ihm zu. Ein vielversprechender Anfang. Er stand auf und deutete auf seine Zeichnung am Boden.
„Jetzt seid ihr dran“, erklärte er. Er sprach laut und lächelte breit. „Zeigt mir, daß ihr mich verstanden habt. Sprecht mit mir in der universellen Sprache der Mathematik.“
Zunächst erhielt er keine Antwort.
Muller zeigte wieder auf die Zeichen. Er deutete auf jedes einzelne Symbol und streckte dann dem nächsten Hydrier die offene Handfläche entgegen.
Nach einer längeren Pause schwebte einer der anderen Hydrier mühelos gleitend vor und wischte mit einem halbkugelförmigen Fuß über die Zeichen auf dem Boden. Sein Bein bewegte sich nur leicht, doch die Linien verschwanden sofort. Der Fremde glättete die Erde auf dem Boden.
„Also gut“, sagte Muller, „dann zeichnet ihr etwas für mich.“
Der Hydrier kehrte zu seinem Platz im Kreis zurück.
„Auch gut“, sagte Muller, „es gibt noch eine weitere universelle Sprache. Ich hoffe, sie beleidigt eure Ohren nicht.“
Er zog eine Sopranflöte aus der Tasche und setzte sie an die Lippen. Durch den Schutzanzug gehindert, konnte er keine musikalische Meisterleistung bieten.
Er atmete tief ein und blies eine atonale Tonleiter. Die Arme der Hydrier flatterten ein wenig. Sie konnten ihn also hören oder zumindest Vibrationen wahrnehmen. Er wechselte auf Moll über und spielte eine weitere Tonleiter. Danach versuchte er es mit einer chromatischen Tonleiter. Sie zeigten sich etwas beeindruckter. Aha, ihr seid also nicht ganz ohne, dachte er, ihr seid Genießer. Vielleicht paßt die Volltonleiter besser zu der Atmosphäre dieses wolkenbedeckten Planeten, sagte er sich. Er führte ihnen mehrere Oktaven vor und bedachte sie auch mit Debussy, um sie zu erfreuen.
„Ist das nach eurem Geschmack?“ fragte er.
Sie machten den Eindruck, als diskutierten sie miteinander.
Dann verließen sie ihn.
Er versuchte, ihnen zu folgen. Aber er konnte mit ihnen nicht Schritt halten und verlor sie bald im diffusen Licht des Waldes aus den Augen. Aber Muller gab nicht auf. Und ein Stück weiter fand er sie wieder. Sie standen dicht beisammen, als ob sie auf ihn warteten. Als Muller auf sie zuging, setzten sie sich wieder in Bewegung. Auf diese Weise, mit ständig wiederkehrendem Anhalten und Losgehen, führten sie ihn zu ihrer Stadt.
Muller ernährte sich von Konzentraten und synthetischen Lebensmitteln. Eine Chemoanalyse hatte ihm klargemacht, daß es nicht ratsam sei, von den einheimischen Speisen zu kosten.
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