Ja, wollte er, aber Anne brauchte seine Hilfe nicht, er würde nur im Weg stehen. Er sagte: »Ich habe einen Hund, der gefüttert werden muss.«
»Grüßen Sie Boomer von mir.« Es war deutlich, dass sie dringend wieder an die Arbeit wollte.
»Mach ich. Kann ich Ihnen noch irgendetwas besorgen?«
»Nein, es sei denn, Sie hätten ein Telefon für mich, das funktioniert. Abe ist mal wieder drüben an der Küste.« Abe war Annes Mann, ein Finanzberater; er schaffte es vielleicht alle drei Monate, nach Blind Lake zu kommen. Mit der Ehe stand es nicht zum Besten. »Lokale Gespräche sind kein Problem, aber aus irgendeinem Grund komme ich nicht nach L. A. durch.«
»Soll ich Ihnen meins leihen?«
»Ich glaube, das wird auch nichts nützen; ich habe schon Tommy Gupta seins ausprobiert, das hat auch nicht funktioniert. Muss irgendwas mit den Satelliten nicht in Ordnung sein.«
Merkwürdig, dachte Charlie, wie heute Abend alles ein bisschen aus dem Ruder gelaufen zu sein schien.
Zum fünften Mal innerhalb einer Stunde teilte Sue Sampel ihrem Chef mit, dass es ihr nicht gelungen sei, ihn mit dem Energieministerium in Washington zu verbinden. Jedesmal sah Ray sie an, als habe sie persönlich Mist gebaut.
Sie arbeitete schon viel länger als normal, und es schien, als würden alle anderen an der Hubble Plaza das auch tun. Irgendetwas war da los, aber Sue bekam nicht heraus, was das war. Sie war Ray Scutters leitende Assistentin, aber er hatte ihr (was typisch war) keinerlei Informationen zukommen lassen. Sie wusste nur, dass er mit D.C. sprechen wollte und dass die Telekommunikation nicht mitspielte.
Ganz offenkundig war es nicht Sues Schuld — sie wusste doch wohl, wie man eine Nummer eingab, um Gottes willen —, aber das hielt Ray nicht davon ab, sie jedesmal wütend anzustarren, wenn er nachfragte. Und Ray Scutter konnte verdammt wütend gucken. Große Augen mit Stecknadelpupillen, buschige Augenbrauen, der Spitzbart grau gesprenkelt … sie hatte mal gedacht, dass er ziemlich gut aussehen könnte, wenn nicht das fliehende Kinn und die leicht hängenden Wangen wären. Aber von diesem Gedanken war sie längst abgekommen. Wie hieß der Spruch noch mal? Schönheit kommt von innen. Was bei Ray von innen kam, war einfach nicht besonders schön.
Er drehte sich um und stapfte in sein Büro zurück. »Natürlich«, knurrte er über die Schulter, »wird das alles irgendwie auf mich zurückfallen.«
J 3 dachte Sue voller Überdruss. Das war in den letzten Monaten, seit sie für Ray Scutter arbeitete, zu ihrem Mantra geworden. J 3: Ja, ja, ja. Ray war von lauter Inkompetenten umzingelt. Ray wurde vom Forschungspersonal übergangen. Ray wurden bei jeder Gelegenheit Steine in den Weg gelegt. Ja, ja, ja.
Noch einmal, für alle Fälle, versuchte sie die Verbindung nach Washington herzustellen. Das Telefon ließ eine Fehlermeldung aufblinken: KEINE VERBINDUNG ZUM SERVER. Die gleiche Meldung kam für jede Telefon-, Video- oder Netzverbindung außerhalb der internen Blind-Lake-Schleife. Die einzige Verbindung, die funktioniert hatte, war die zu Rays Haus — hier in der Stadt — gewesen, ein Anruf für seine Tochter, um ihr mitzuteilen, dass es heute spät werden würde. Alles andere waren eingehende Anrufe gewesen: von der Sicherheit, dem Personal und der militärischen Kontaktstelle.
Wäre Sue nicht so müde gewesen, hätte sie sich vielleicht Sorgen gemacht. Aber wahrscheinlich war es nichts weiter. Im Moment hatte sie keinen anderen Wunsch, als nach Hause zu gehen und ihre Schuhe von sich zu werfen, ihr Abendessen in die Mikrowelle zu stellen und einen Joint zu rauchen.
Das Terminal summte erneut — laut Bildschirmanzeige ein Anruf von Ari Weingart von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Sie nahm ab. »Ari«, sagte sie. »Was kann ich für Sie tun?«
»Ist Ihr Chef da?«
»Anwesend, aber nicht scharf darauf, gestört zu werden. Ist es dringend?«
»Na ja, sozusagen. Ich hab hier drei Journalisten und weiß nicht, wohin mit ihnen.«
»Buchen Sie ihnen doch ein Motel.«
»Sehr komisch. Die haben eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Wochen.«
»Und das hat Ihnen niemand in den Kalender geschrieben?«
»Tun Sie nicht so begriffsstutzig, Sue. Offensichtlich müssten sie eigentlich in den Gästezimmern im Besuchszentrum untergebracht werden — aber die Personalabteilung hat alle Betten mit Tagesarbeitern belegt.«
»Tagesarbeitern?«
»Na ja! Weil die Busse nicht nach Constance rauskommen.«
»Die Busse kommen nicht raus?«
»Haben Sie die letzten paar Stunden in der Isolationszelle gesessen? Die Straße ist am Tor gesperrt. Kein Verkehr nach drinnen oder nach draußen. Totale Ausgangssperre.«
»Seit wann?«
»Ungefähr Sonnenuntergang.«
»Wie kommt das denn?«
»Wer weiß? Entweder eine glaubwürdige Bedrohung der Sicherheit oder wieder mal eine Übung. Man glaubt allgemein, dass sich die Sache bis morgen Früh klärt. Aber in der Zwischenzeit muss ich diese Leute irgendwo unterbringen.«
Ray Scutter würde, mit diesem Problem konfrontiert, nur gleich wieder auf hundertachtzig sein, jedenfalls mit Sicherheit nichts Hilfreiches zu seiner Lösung beitragen. Sue dachte nach. »Vielleicht könnten Sie bei der Standortverwaltung anrufen und fragen, ob sie die Sporthalle im Freizeitcenter aufmachen. Ein paar Klappbetten für die Nacht reinstellen. Wie wäre das?«
»Absolut genial, verdammt«, sagte Ari. »Hätte ich selber drauf kommen können.«
»Falls irgendeine Autorisierung nötig ist, berufen Sie sich auf mich.«
»Sie sind ein Schatz. Wünschte, ich könnte Sie Ray entreißen und für mich engagieren.«
Wünschte ich auch, dachte Sue.
Sue stand auf, streckte sich. Sie ging zum Fenster und schob die Vertikal-Jalousien auseinander. Hinter den Dächern der Angestelltenhäuser und der Dunkelheit des unbebauten Graslandes konnte sie gerade noch die Straße nach Constance ausmachen, dazu die Lichter der Notfallfahrzeuge und deren unheimliches Blinken am Südtor.
Marguerite Hauser dankte dem gütigen Schicksal, das sie in einem Reihenhaus (auch wenn es eins der kleineren, älteren war) auf der Nordostseite des Blind-Lake-Geländes untergebracht hatte, so weit wie möglich von ihrem Exmann Ray entfernt. Es lag etwas Beruhigendes in dieser zehnminütigen Heimfahrt mit Tess, eine Überbrückung von Raum, (ähnlich einer Zugbrücke über einem Burggraben.
Tess war während der Fahrt wie üblich still — vielleicht noch ein bisschen stiller als üblich. Als sie sich etwas zu essen aus dem Drive-thru in der Geschäftsstraße holten, zeigte Tess wenig Interesse am Speisenangebot. Zu Hause angelangt, trug Marguerite die Hähnchensandwiches, während Tess ihre Tasche nach drinnen schleppte, »Funktioniert die Videoanlage?«, fragte Tess teilnahmslos.
»Warum sollte sie nicht?«
»Bei Papa hat sie nicht funktioniert.«
»Probier es einfach aus. Ich hole inzwischen Teller für das Essen.«
Vor dem Videogerät zu essen war noch immer etwas Neues für Tess. Es war dies eine Gewohnheit, die Ray nicht zugelassen hatte. Ray hatte immer darauf bestanden, am Tisch zu essen: »Familienzeit«, unweigerlich beherrscht von Rays täglichem Beschwerdenkatalog. Da waren, ehrlich gesagt, sogar die Downloads als Gesellschaft vorzuziehen, dachte Marguerite. Vor allem die alten Filme. Tess mochte die schwarzweißen am liebsten; sie war fasziniert von den altertümlichen Automobilen und der merkwürdigen Kleidung. Sie ist xenophil veranlagt, dachte Marguerite. Kommt nach mir.
Doch Marguerites Videoanlage erwies sich als ebenso unbrauchbar, wie es offenbar Rays gewesen war, und so mussten sie sich mit dem begnügen, was der Speicher des Hauses zu bieten hatte. Sie entschieden sich für eine hundert Jahre alte Komödie mit Bob Hope, Detektiv mit kleinen Fehlern. Tess, die normalerweise lauter Fragen über das zwanzigste Jahrhundert und darüber, warum dort alles so seltsam aussah, gestellt hätte, pulte nur an ihrem Essen herum und starrte auf den Bildschirm.
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